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Montag, 15. März 2021

Unter Wasser Nacht - Kristina Hauff

Unter Wasser Nacht
Kristina Hauff
hanserblau
ISBN: 3446269452


Klappentext:

Wie lebt man weiter nach einem großen, unerklärlichen Verlust? Mit psychologischem Gespür erzählt Kristina Hauff eine Geschichte voller Hoffnung und Trauer und vom Wert der Freundschaft

In den idyllischen Elbauen im Wendland teilen zwei Paare Hof, Scheune und Kräutergarten - doch ihre einst enge Freundschaft ist zerbrochen. Thies und Sophie trauern um ihren Sohn Aaron, der unter ungeklärten Umständen ertrank. Allein mit ihren Schuldgefühlen müssen sie Tag für Tag Ingas und Bodos scheinbar perfektes Familienglück mit ansehen. Bis ein Jahr nach Aarons Tod eine Fremde in den Ort kommt und ans Licht bringt, was die vier Freunde lieber verschwiegen hätten.

Donnerstag, 4. Februar 2021

Der Gesang der Flusskrebse - Delia Owens (Hörbuch gelesen von Luise Helm)

 

Der Gesang der Flusskrebse
Delia Owens
HörbucHHamburg HHV GmbH
gelesen von Luise Helm
Ungekürzt - 13 Std. 4 Min.

Kurzbeschreibung:



Die Geschichte einer eigenwilligen Außenseiterin - einfühlsam und packend gelesen von Luise Helm.

In den 1960er-Jahren schwirren viele Gerüchte über Kya Clark durch die ruhige Küstenstadt Barkley Cove. Isoliert lebt sie im Marschland mit seinen Salzwiesen, Sandbänken, Buchten. Sie kennt jeden Stein und Seevogel, jede Muschel und Pflanze. Zwei junge Männer werden auf die wilde Schöne aufmerksam, und Kya öffnet sich einem neuen Leben - mit dramatischen Folgen. Als einer der beiden tot aufgefunden wird, sind sich die Bewohner sicher: Das "Marschmädchen" ist schuld. Delia Owens erzählt intensiv und atmosphärisch davon, dass wir für immer die Kinder bleiben, die wir einmal waren. Und den Geheimnissen und der Gewalt der Natur nichts entgegensetzen können.


Freitag, 15. Januar 2021

Die Rückkehr - Rebecca West

 

Die Rückkehr
Rebecca West
dtv
ISBN: 978-3-423-28080-8
Titel der engl. Originalausgabe: "The Return of the Soldier"
London 1918




Kurzbeschreibung:

Als Chris Baldry von der Front zurückkehrt, trifft er auf drei Frauen, die sein Leben geprägt haben: Kitty, seine schöne, kühle Ehefrau, seine Cousine Jenny, die ihn vergöttert, und seine Jugendliebe Margaret. Doch er kann sich nur noch an zwei von ihnen erinnern – Chris hat ein Kriegstrauma erlitten und einen Teil seines Gedächtnisses verloren. Um ihn ins Jetzt zurückzuholen, müssen die Frauen ungewöhnliche Wege gehen.


Montag, 17. August 2020

Wer, wenn nicht wir - Barbara Leciejewski

 

Kurzbeschreibung:
Nach mehr als zwanzig Ehejahren haben sich Viola und Florian auseinandergelebt. Außer den beiden Kindern, der gemeinsamen Wohnung und einem Trauschein gibt es kaum noch Berührungspunkte. In der Hoffnung, mit jemand anderem noch einmal neu anfangen zu können, trennen sie sich – einvernehmlich und vergleichsweise harmonisch.

Doch es gibt noch eine letzte Hürde auf dem Weg in ein neues Leben: einen längst gebuchten, teuer bezahlten Luxusurlaub, der sich nicht stornieren lässt. Die beiden haben nun die Wahl zwischen zwei Übeln: das Geld zu verlieren oder mit dem künftigen Ex-Ehepartner – in getrennten Zimmern – noch einmal zweieinhalb Wochen zu verbringen.

Allerdings ergibt sich plötzlich auch noch eine dritte Möglichkeit, und mit ihr beginnt eine unvergessliche Zeit auf Rhodos …


Montag, 25. Februar 2019

Wenn die Kraniche wieder ziehen - Annette Hennig

Wenn die Kraniche wieder ziehen
Sankt-Petersburg-Trilogie Bd.1
Annette Hennig
Independently published
ISBN: 978-1730913990


Kurzbeschreibung:
Eine große Liebe
Krieg und Umsturz
Träume, die nicht vergehen,
und Hoffnung, die niemals stirbt
Sankt Petersburg 1914: Fürstin Feodora dringt darauf, ihre erst siebzehnjährige Tochter zu verheiraten. Die junge Anastasija widersetzt sich dem Wunsch ihrer Mutter nicht, sorgt aber dafür, dass sie den Mann ihrer Jungmädchenträume ehelichen kann. Als sie übers Jahr am Arm des Großfürsten Iwan aus der Kirche tritt, ist das Glück auf ihrer Seite. Doch das Glück ist launisch. Schon bald verbündet es sich mit dem Leid dieser Tage.
An ihrem 98. Geburtstag blickt Anastasija auf ihr Leben zurück. Nicht nur einmal stand sie vor einem tiefen Abgrund, nicht nur einmal glaubte sie ins Verderben zu stürzen. Doch selbst bei den Gedanken an Not und Tod lächelt die alte Dame: Denn ihre Liebe, die beinahe ein Jahrhundert überdauert, bewahrt sie noch immer in ihrem Herzen.
Ein Blick in die Runde derer, die sich zu ihrem Ehrentag versammelt haben: Und Anastasija wähnt sich eine glückliche Frau.

Freitag, 9. März 2018

Wie der Wind und das Meer - Lilli Beck




Kurzbeschreibung vom Blanvalet-Verlag:
München, April 1945. Nach einem verheerenden Fliegerangriff irrt der elfjährige Paul mit einem Koffer durch die Trümmerlandschaft. Auf der Suche nach einem Versteck trifft er auf ein kleines Mädchen. Sie heißt Sarah, hat wie er ihre Familie verloren – und sieht Pauls Schwester verblüffend ähnlich. Um in der verwüsteten Stadt nicht allein zu sein und von den Behörden nicht getrennt zu werden, schließen Paul und Sarah einen Pakt: Von nun an werden sie sich als Geschwister ausgeben. Ihr Plan geht auf. Doch wie hätten sie ahnen können, dass Jahre später ihre Notlüge ihr Verhängnis werden würde – und dass sie sich würden verstecken müssen, um sich lieben zu dürfen …

Dienstag, 18. Juli 2017

Die kleine Bäckerei am Strandweg - Jenny Colgan


Nicht nur Pollys Beziehung zu Chris ist gescheitert, auch die gemeinsame Firma ist am Ende. Wegen der bestehenden Schulden mussten sie ihre Wohnung verkaufen, und Polly betreibt Schadensbegrenzung, indem sie ein möglichst günstiges Mietobjekt sucht. Dieses findet sie auf einer kleinen Insel vor der Küste Cornwalls. Was auf Mount Polbearne fehlt, ist eine gute Bäckerei, denn in dem kleinen Inselort gibt es nur fabrikmäßig abgepacktes und recht geschmackloses Brot zu kaufen. Kurz entschlossen macht Polly ihr großes Hobby zum Beruf und versorgt die Insulaner mit frischem, selbst gebackenem Brot.

Freitag, 17. März 2017

Unsere Hälfte des Himmels - Clarissa Linden



Die Rahmenhandlung dieses Romans spielt im Jahr 1971. Lieselottes Leben gleicht einem alten, abgetragenen Kleidungsstück. Es ist langweilig und farblos geworden. Mit ihrem Ehemann hat sie eigentlich nichts gemeinsam. Sie und Eduard leben mehr oder weniger desinteressiert nebeneinander her. Manchmal fragt sich Lieselotte, wie es so kommen konnte und ob sie ihren Mann eigentlich einmal wirklich geliebt hat. Immer häufiger hört oder liest sie, dass andere Frauen für ihre Rechte auf die Straße gehen und demonstrieren. Sie selbst hat nicht den Mut dazu.
Als Lieselotte einen Anruf erhält, dass ihre Mutter einen schweren Unfall hatte und im Koma liegt, ist sie völlig aufgelöst und fährt am nächsten Tag mit der Bahn nach Frankfurt. Ihr Mann bleibt in Kassel zurück. Ihm scheint die ganze Angelegenheit gleichgültig zu sein.
In Frankfurt wohnt Lieselotte in der Wohnung ihrer Mutter Amelie. Dabei lernt sie sehr bald die Nachbarin kennen, Marga, eine junge Stundentin, die mit ihrem Kater „Cat Balou“ gleich nebenan wohnt und mit der sich Lieselotte schnell anfreundet. Bei Marga findet sie Verständnis, und sie hofft, von ihr mehr über Amelie zu erfahren. Das Verhältnis zwischen Mutter und Tochter war immer distanziert, und für Lieselotte ist es kaum vorstellbar, dass die stets so starke Amelie nun hilflos und ohne Bewusstsein im Krankenhaus liegt. Als Lieselotte ein altes Foto entdeckt, hofft sie, mehr über die Vergangenheit und über das Schicksal ihres Vaters zu erfahren, worüber ihre Mutter nie gesprochen hat. Ihre Recherchen, die sie mit Margas Hilfe unternimmt, führen sie 36 Jahre zurück, und die Erkenntnisse, die sie über diese Zeit gewinnt, versetzen sie in Erstaunen. Nie hätte sie hinter Amelies kühler Art diese Lebensfreude und Leidenschaft zur Fliegerei erwartet, von der sie nun erfährt.
In diesen Rückblicken ins Jahr 1935 lernt man eine völlig andere Amelie kennen, eine junge Frau mit Träumen und Lebensplänen. Sie und ihre beste Freundin Hanni möchten Pilotinnen werden, was zur damaligen Zeit, unter dem Naziregime, nicht gerade einfach zu erreichen war. Aber die Freundinnen haben feste Vorsätze, die sie sich von niemandem zerstören lassen wollen. Als Amelie sich in Hannas Fluglehrer verliebt, gerät die Freundschaft der beiden jungen Frauen in eine Krise, die alle Beteiligten auf eine Tragödie zusteuern lässt.

In die Rahmengeschichte, die in den frühen 70er Jahren spielt, konnte ich geistig sofort eintauchen. Die Atmosphäre und den Zeitgeist von damals hat die Autorin wunderbar treffend dargestellt. Ich selbst habe das Jahr 1971 als Teenager erlebt und mich beim Lesen direkt wieder in diese Zeit zurück versetzt gefühlt, so gut und farbig ist sie beschrieben. An die erwähnten Musikstücke habe ich noch lebhafte Erinnerungen, und auch die Themen rund um die Frauenbewegung haben mich damals bereits beschäftigt. Wie stark beschränkt die Rechte einer Ehefrau damals noch waren, das wusste ich jedoch bisher nicht und habe es erst jetzt durch diesen Roman erfahren. Lieselottes Wandlung im Verlauf der Geschichte hat mir sehr gefallen, denn die Protagonistin steht für viele Frauen ihrer Zeit. Es musste erst einiges geschehen, sie aus ihrem Alltagstrott zu reißen und wachzurütteln.

Richtig dramatisch wird es jedoch in der Vergangenheit. Hier hat die Autorin einige äußerst brisante Themen verarbeitet. Die Fliegerei in der Geschichte ist ein faszinierendes Thema, das hier im Roman vielschichtig und mit all seinen Problemen dargestellt ist. Weibliche Berufsflieger entsprachen so gar nicht dem nationalsozialistischen Idealen, sondern wurden wohl eher als Exoten angesehen. Das Regime sah für Frauen eher ein gemütliches Heim, Mann und Kinder vor.
So gesehen kann ich mir schon vorstellen, dass Hanna den Weg zu ihrem Lebenstraum nicht in dieser Männerdomäne alleine gehen wollte. Erschütternd ist jedoch die Art und Weise ihres Vorgehens und die Erkenntnis, wie schnell freundschaftliche Verbundenheit und Zuneigung in besitzergreifende Eifersucht und sogar in Hass umschlagen kann.
Eigentlich nicht neu für mich, aber doch immer wieder bestürzend ist die Tatsache, wie wenig die Menschen zur Hitlerzeit über ihr eigenes Leben bestimmen konnten, wie stark sie unter Beobachtung standen, nicht nur Angehörige von „Randgruppen“ der Gesellschaft, sondern ganz normale Bürger. Es war eine Zeit, in der es schon gefährlich war, jemanden zu kennen, der dem Regime ein Dorn im Auge war, in dem schon ein einziges Wort todbringend sein konnte.

Dies ist ein vielschichtiger Roman, denn er beleuchtet nicht nur zwei interessante Zeitabschnitte des 20. Jahrhunderts, sondern greift viele besondere Themen auf. Hier erfährt man über ein schwieriges Mutter-Tochter-Verhältnis, das von der Vergangenheit belastet ist, und man erlebt eine junge Frau, die hin und her gerissen ist, zwischen der besten Freundin, ihrem Zukunftstraum und der Liebe ihres Lebens und wie sie an dieser Zerrissenheit fast zerbricht.

Somit bietet dieser Roman nicht nur beste, hochwertige Unterhaltung, sondern daneben auch viel Gesprächsstoff und Themen, über die man noch lange nachdenkt. Da es bei beiden Handlungssträngen sehr stark um die Frauenbewegung geht, denn auch die mutigen Fliegerinnen aus den 20er und 30er Jahren sind bereits Vorreiter der Emanzipation gewesen, passt dieses Buch für mich besonders gut in den März, den Monat, in dem auch alljährlich der Weltfrauentag begangen wird.  

👍👍👍👍👍



Heute, am 20.09.2021, ist der Roman in einer neuen, überarbeiteten Auflage erschienen. Ich verlinke euch im Anschluss zur neuen Ausgabe.

Donnerstag, 12. Januar 2017

Die Holunderschwestern - Teresa Simon

Die Holunderschwestern
Teresa Simon
Heyne Verlag
ISBN 978-3453419230

In der Rahmenhandlung geht es um die Restauratorin Katharina Raith, die zusammen mit ihrer Partnerin und besten Freundin Isi eine gut gehende Werkstatt betreibt. In ihrer Freizeit kocht Katharina sehr gerne, bevorzugt Gerichte aus der alten, handgeschriebenen Kladde, in der ihre Urgroßmutter Fanny ihre Rezepte und persönlichen Tipps aufgeschrieben hat. Franziska Raith, wie Fanny eigentlich hieß, hatte in jungen Jahren ihre Heimatstadt Weiden verlassen und war nach München gegangen, wo sie als Köchin arbeitete.
Eines Tages steht ein fremder junger Engländer vor Katharinas Tür. Alex Bluebird, wie er sich vorstellt, hat einige alte Fotos dabei und das Tagebuch von Fanny. Katharina ist völlig verblüfft und kann sich gar nicht vorstellen, wie das Tagebuch ihrer Urgroßmutter nach England gekommen sein soll. Neugierig beginnt sie zu lesen.

Zusammen mit Katharina tauchen wir, während sie in Fannys Tagebuch liest, in eine andere Zeit ein. Wir lernen Fanny kennen, als sie mit dem Zug nach München unterwegs ist. Während der Fahrt macht sie Bekanntschaft mit einer jüdischen Familie und freundet sich mit der Tochter Alina an. Es ist nicht leicht für die junge Frau, in München Fuß zu fassen, aber als Fanny ihren Arbeitsplatz als Weißnäherin verliert, nimmt die Familie Rosengart sie als Köchin bei sich auf. Sie verbringt eine glückliche Zeit bei Alina, die ihr zur besten Freundin wird und deren Familie. In der großen Stadt fühlt sie sich wohl, und bald kommt sie auch in Kontakt mit Münchner Künstlerkreisen und kocht für sie so manches Festessen. Eines Tages steht Fannys Zwillingsschwester Fritzi vor der Tür. Auch sie möchte in München bleiben und eine Anstellung finden. Es brechen schwierige Zeiten an, und einige tragische Ereignisse sowie Fritzis Eifersucht entfernen die Zwillingsschwestern immer mehr voneinander. Aber wie Fanny es ausdrückt: Es geht nicht mit ihr, aber auch nicht ohne sie.

Gerade die Einblicke in die Vergangenheit von Katharinas Familie, die man im Roman durch die detaillierten Schilderungen aus Fannys Tagebüchern erhält, haben mich fasziniert. Die frühere Handlung spielt im Zeitraum zwischen den beiden Weltkriegen. Es ist eine Zeit des Umbruchs, die Monarchie wird abgeschafft und vorübergehend entsteht eine Räterepublik. In dieser Zeit werden die Nationalsozialisten und ihr Einfluss immer stärker. Für die Familie Rosengart brechen schwere Zeiten an, denn Juden sind in München nicht mehr sicher.
Für mich waren die Schilderungen der damaligen Zeit besonders eindrucksvoll, weil es diverse Parallelen zwischen Fannys und meiner Familie gibt, denn auch meine Urgroßmutter war Köchin in München, und einige ihrer Rezepte von damals haben wir in der Familie bewahrt. Auch musste ich beim Lesen oft an meine Großeltern denken, die sich ebenfalls im Zeitraum der Handlung kennengelernt haben. Es sind mir daher immer wieder Details aus alten Erzählungen zu meiner eigenen Familiengeschichte eingefallen. Der Erzählstrang über die Vergangenheit hat mich absolut fasziniert, und mir ging es so wie Katharina mit Fannys Tagebüchern, ich konnte gar nicht aufhören zu lesen. Spannend fand ich auch die vielen Details zu Künstlern dieser Zeit, denn Fanny lernt nicht nur Paul Klee und seine Familie kennen, sondern viele weitere interessante Menschen, die damals in München gelebt haben. Hier wurde sehr viel Reales in die Handlung aufgenommen, und die detaillierten Beschreibungen der Schauplätze tun ein Übriges, den Leser zu fesseln.

Die Abschnitte, die in der Gegenwart spielen, sind für mein Empfinden wirklich nur ein netter Rahmen. Hier hatte ich manchmal den Eindruck, dass die Handlung mit Hilfe einiger Zufälle, die mir manchmal nicht so ganz glaubwürdig erschienen, zurechtgebogen wurde. Auch wurden hier im zwischenmenschlichen Bereich noch ein paar Dramen eingefügt, die für mein Gefühl unnötig waren, weil sie etwas konstruiert wirkten. Ich finde, die Tragödien der Vergangenheit hätten völlig ausgereicht. Leider geht aufs Ende zu alles ziemlich schnell, und einige Nebenzweige der Handlung verlaufen irgendwo im Nichts. Es klärt sich nicht alles, und zu manchen Ereignissen hätte ich gerne etwas mehr erfahren. Trotz meiner kritischen Anmerkungen hat mir der Roman aber insgesamt ausgesprochen gut gefallen, schon aus dem Grund, weil mich die Vergangenheit emotional sehr berührt hat. Auch gibt Fanny am Schluss noch einige bayerische Rezepte preis, und beim Lesen musste ich schmunzeln, denn alle hätten auch aus dem Kochbuch meiner eigenen Urgroßmutter stammen können.  

👍👍👍👍 1/2


Montag, 12. September 2016

Das Haus der verlorenen Kinder - Linda Winterberg


Die junge Waise Maria arbeitet in Wiesbaden im Haus Sonnenschein, einem Seniorenheim. Dort lernt sie Betty kennen, eine recht eigenwillige alte Dame, die im Heim lebt. Trotz des großen Altersunterschieds freunden sich die beiden Frauen an. Marie spürt, dass die Schatten der Vergangenheit die alte Dame belasten und sie immer wieder einholen. Sie selbst ist auf der Suche nach ihren Wurzeln. Ihre Eltern hat sie früh verloren und wuchs im Heim auf. Über ihre Vorfahren weiß Marie so gut wie nichts. Mit Hilfe eines alten Tagebuchs kommt sie schicksalsschweren Ereignissen von damals auf die Spur, die ihr ganzes Leben verändern.

Die Handlung um Maria und Betty spielt in der Gegenwart, aber eigentlich ist es ein historischer Roman, denn die Rückblicke nehmen einen sehr großen Raum im Buch ein und führen nach Norwegen, ins Jahr 1941. Damals, zu Kriegszeiten, wurden in dem kleinen Fischerort Loshavn deutsche Soldaten stationiert. Die Freundinnen Lisbet und Oda haben viel gemeinsam, denn sie verlieben sich beide in einen jungen Deutschen. Die Familien reagieren mit Ablehnung und Unverständnis, und so verlassen Lisbet und Oda ihre Heimat, um bei ihren Geliebten zu sein. Als beide Männer an die Ostfront versetzt werden, lassen sie zwei verzweifelte Frauen zurück, denn beide Freundinnen sind schwanger. Sie finden Aufnahme und Hilfe bei den deutschen Besatzern und können in dem „Kriegsmütterheim“ Hurdal Verk ihre Kinder zur Welt bringen. Wie es für die Mütter und ihre Kinder weitergehen soll, ist ungewiss, denn der Traum, den geliebten Mann wieder zu treffen und heiraten zu können, scheint sich für beide Freundinnen nicht zu erfüllen.

In diesem bewegenden Roman behandelt die Autorin ein Thema, über das ich bisher noch nichts wusste, denn es geht um den Lebensbornverein, eine nationalsozialistische Organisation, die es sich zum Ziel setzte, die „nordische (arische) Rasse“ zu bewahren. Daher wurden die Verbindungen zwischen deutschen Soldaten und norwegischen Frauen begrüßt, denn die aus diesen Liebschaften entstehenden Kinder entsprachen den damaligen Vorstellungen des NS-Regimes von „Rassenreinheit“. Die Frauen der indigenen nordischen Völker, der Samen, fielen nicht unter diesen Status. Sie wurden auch anders behandelt, denn für die Ideologie und das Projekt „Lebensborn“ waren sie nicht von Nutzen.

Die Autorin hat unglaublich aufwändig und ausführlich für diesen Roman recherchiert, das merkt man an dem umfassenden Wissen, das hinter der Geschichte steckt. Auf zwei Zeitebenen beschreibt Linda Winterberg die tragischen Ereignisse und Schicksale dieser Zeit, und sie schlägt einen Bogen zur Gegenwart, denn die Nachkommen der damaligen Opfer suchen auch heute noch nach Antworten auf ihre zahlreichen Zweifel und Fragen. Vieles wird im Nebel der Vergangenheit verborgen bleiben und sich nicht mehr klären lassen, aber ich finde es gut und wichtig, durch diesen Roman etwas über das mir bisher unbekannte Thema zu erfahren. Die Autorin hat die realen historischen Fakten gekonnt und einfühlsam in diese berührende Geschichte eingeflochten und einen fesselnden und beeindruckenden Roman daraus entstehen lassen. Mich hat das Thema nachhaltig und weit über die Handlung hinaus beschäftigt, und das Schicksal dieser Frauen und ihrer Tyskerbarna („Deutschenkinder“) wird mir noch lange in Erinnerung bleiben. Insgesamt hat mir der Roman sehr gut gefallen, nur ging mir am Ende alles ein wenig zu schnell, und es blieben für mich einige Fragen offen, was ich sehr schade fand.



Freitag, 15. Juli 2016

Septembermeer - Gabriela Jaskulla


David und Svea wollen sich ihren Traum von einer eigenen Buchhandlung erfüllen. Zu diesem Zweck ziehen sie auf eine kleine Insel in der Ostsee. Schon ihre Ankunft wird spektakulär, denn sie geraten in einen Sturm und erleiden Schiffbruch. Erst nach und nach knüpfen sie Kontakte zu den Inselbewohnern, die den Neuen anfangs skeptisch gegenüber stehen. Zuerst gibt es einige Verwirrungen auf beiden Seiten, sowohl bei den Einheimischen als auch bei den Neuankömmlingen. Man muss sich erst langsam zusammenraufen. Schon bald werden jedoch Freundschaften geschlossen, aber dann geschieht etwas, das die Menschen auf der Insel völlig aus der Bahn wirft, sowohl die Einheimischen als auch die Zugezogenen.

Liest man den Klappentext, hat man den Eindruck, dass sich dieser Roman hauptsächlich um Svea und David dreht. Diese eröffnen zwar das „Inselreigen“, aber die weiteren Kapitel handeln weitgehend auch von den anderen Menschen auf der Insel.
Es ist ein langsames Herantasten des jungen Paares, ein Einfühlen in diesen völlig neuen, anderen Lebensbereich. In den folgenden Kapiteln erfährt man von Begegnungen mit den Inselbewohnern. Da gibt es die alte Fotografin Elsbeth, die sich mit David anfreundet. Man lernt den Tierarzt Hanno und seine Frau Julia sowie die gemeinsamen halbwüchsigen Kinder Mats und Pimpy kennen.
Da gibt es die etwas andere Kneipe, wo man der Wirtin Eleonor und den zwölf Fischern begegnet. Julias Freundin Jeanette kümmert sich um Kunst und Kultur im ehemaligen Haus eines Dichters, der vor hundert Jahren auf der Insel lebte. Im kleinen Supermarkt trifft man auf die Verkäuferin Sine, und dann gibt es da auch noch den geheimnisvollen, ein wenig unheimlichen „Vogelmann“.
Von diesen und noch weiteren Inselbewohnern erfährt man Näheres im Verlauf der Geschichte.

Im Grunde genommen ist es ein Roman über die ganze Insel mit ihren Bewohnern. Hier scheint alles langsamer zu laufen. Das Leben ist geprägt von Gelassenheit und Gleichmut. Was man hier erfährt, ist für die Protagonisten ihr ganz normales Leben, mit all seinen Höhen und Tiefen.
Das Meer und die Insel haben die Menschen, die hier leben, geprägt, was sich in ihrer Wesensart niederschlägt. Wie die Ostsee, so kommt das Schicksal mal friedlich, mal stürmisch daher. Jeder der vorgestellten Inselbewohner nimmt den Leser mit in seine eigene Welt, sowohl in die reale als auch in die Welt seiner Gedanken und seiner gelebten, aber auch der ungelebten Träume.

Die Autorin hat die Fähigkeit, mit Worten zu malen. Ihre üppigen, poetischen Beschreibungen ließen beim Lesen brillante, schillernde Bilder vor meinem geistigen Auge entstehen. Auch Gedanken, Stimmungen und Gefühle sind sehr intensiv dargestellt und fast visuell wahrnehmbar. Es ist, als würde man das Leben und die Menschen auf der Insel durch ein Vergrößerungsglas betrachten. Man staunt über die Nähe, die man schon nach wenigen Sätzen zu den verschiedenen Charakteren gewinnt.
Wir erfahren das Schöne, das Faszinierende aber auch das Dramatische im Alltäglichen. Hinter so mancher Idylle versteckt sich eine menschliche Tragödie, wie es sich nach und nach offenbart. Es sind Momentaufnahmen des Insellebens, normal und doch so völlig anders, manchmal melancholisch und auch ab und zu ein wenig skurril.

Ich habe die schönen Formulierungen genossen, die Art, wie die Autorin Stimmungen einfängt, wie sie mit facettenreichen Beschreibungen die Insel zum Leben erweckt.
Ich habe mit den Protagonisten gefühlt, mich mit ihnen gefreut und mit ihnen gebangt.
Wie ich erfahren habe, hat die Autorin bereits einen Roman über die kleine Insel in der Ostsee geschrieben, und es steht für mich außer Frage, dass ich auch „Ostseeliebe“ lesen möchte, wo die Vorgeschichte von Hanno und Julia erzählt wird.

Gabriela Jaskulla ist eine Neuentdeckung für mein Bücherregal und für mein Leserherz, und beides hat sie im Sturm erobert.  




Donnerstag, 31. Dezember 2015

All die verdammt perfekten Tage - Jennifer Niven


Finch und Violet begegnen sich auf einem Glockenturm, ungefähr 6 Stockwerke über der Erde. Man hat den Eindruck, dass beide aus dem gleichen Grund dort oben stehen. Finch fragt sich, ob heute ein guter Tag zum Sterben sei, bis er Violet entdeckt, die dem Abgrund schon beängstigend nahe steht. Gemeinsam schaffen sie es, den Glockenturm wohlbehalten wieder zu verlassen. Durch dieses Ereignis kommen sie sich näher und werden ein Paar. Was ihnen in der kommenden Zeit alles widerfährt, davon handelt dieser Roman. Beide haben sehr unterschiedliche Beweggründe für ihre "Lebensmüdigkeit". Während Violet nicht über den Tod ihrer Schwester hinwegkommt und sich ständig schuldig fühlt, kämpft Finch gegen ganz andere Dämonen in seiner Seele. Hinter seiner aggressiven Art, die ihn schon in so manche Zwickmühle gebracht hat, verbirgt sich ein hoch sensibler junger Mensch, der sich selbst für nicht gut genug hält, als dass jemand ihm Zuneigung entgegenbringen könnte, der aber am liebsten alle Menschen, die ihm am Herzen liegen, glücklich sehen möchte. Seine Sicht der Dinge fand ich sehr anrührend und hat mich auch ins Grübeln gebracht, ob es denn irgend eine Möglichkeit geben könnte, ihn aus seinem schwarzen Loch zu befreien, in das ihn seine manisch-depressiven Zustände regelmäßig ziehen.

Die Protagonisten waren mir sehr sympathisch, aber ich muss gestehen, dass mir ihre Denkweise zum Teil fremd war bzw. dass ich mich nicht in sie hinein versetzen konnte, denn Suizid-Gedanken, wie sie beide haben, sind mir völlig fremd und kann ich so gar nicht nachvollziehen. So haben mich zwar beide Charaktere berührt, aber ich konnte ihre Beweggründe nicht verstehen. Vielleicht lag es daran, dass ich den Roman als Hörbuch gehört habe, und das ist ja eine gekürzte Fassung, aber gerade im Hinblick darauf, was Finchs Entwicklung und Gedankengänge betrifft, war vieles nur angedeutet. Vage kommt zum Vorschein, dass er sichtliche Probleme mit seinen Eltern hatte. Diese haben sich getrennt, und während der Vater inzwischen mit einer neuen Frau und kleinem Sohn zusammenlebt, macht die Mutter den Eindruck, als wäre sie nur mit sich selbst beschäftigt und würde sich hinter ihrer Arbeit verkriechen, um nicht in Selbstmitleid zu versinken. Sie weiß so gar nichts über ihre Kinder, von denen nicht nur Finch Probleme hat, sondern auch seine beiden Schwestern machen nicht gerade den Eindruck, fest mit beiden Beinen im Leben zu stehen.  Die ganze Familie erweckt einen recht hoffnungs- und planlosen Eindruck auf mich.
Violet dagegen wächst in behüteter Umgebung auf, und ihre Eltern machen sich Sorgen um sie, ist es doch noch gar nicht lange her, dass sie eine Tochter verloren haben. Hier ist das Problem die Sprachlosigkeit, dass sich jedes Familienmitglied in sein eigenes Schneckenhaus verkriecht und dabei nicht mit der Trauer um den verlorenen geliebten Menschen fertig wird.

Die Aussagekraft der Geschichte ist sehr komplex und vielschichtig, denn hier geht es um weit mehr als um zwei lebensmüde Jugendliche. Hier geht es unter anderem um Trauerarbeit und Lebensbewältigung und um noch so vieles mehr. Es ist eine bittersüße Liebesgeschichte, die jedoch für mich viele Fragen offen lässt.

Sprachlich hat mir der Roman sehr gut gefallen, und es gibt viele poetische Passagen, die zum Nachdenken anregen.
Folgendes ist mein Lieblingszitat:

"Es geht nicht um das, was man mitnimmt,
sondern um das, was man zurücklässt."

Gelesen wird das Hörbuch von Annina Braunmiller-Jest und Patrick Mölleken.

Annina Braunmiller-Jest ist mir bereits von anderen Hörbüchern (von Maggie Stiefvater und Stephenie Meyer) bekannt, und ich mag ihre angenehme, ruhige Stimme sehr gerne. Sie ist genau richtig für die Rolle der Violet. Patrick Mölleken war mir bisher weniger bekannt, aber er ist in zahlreichen Filmen und Fernsehserien zu sehen und zu hören. Auch er liest sehr angenehm, und seine Stimme passt gut zu Finch.





Dienstag, 15. Dezember 2015

Unter dem Polarlicht - Elisabeth Büchle


Nachdem Chiara kurz vor Weihnachten ihren Arbeitsplatz in der Bank verloren hat, ist sie sehr erleichtert, als ihr aus heiterem Himmel ein Job angeboten wird. Sie soll für einen Bestseller-Autor, der sich die Handgelenke gebrochen hat, das Manuskript seines aktuellen Romans tippen. Was sie erst erfährt, als sie dem Zeitvertrag bereits zugestimmt hat: der Autor lebt nicht in der Schweiz, wie sie vermutete, sondern in einer einsamen Hütte in den kanadischen Rocky Mountains. Aber Chiara lässt sich so schnell nicht entmutigen und ergreift die Gelegenheit beim Schopf. Kurz entschlossen nimmt sie die weite Reise auf sich und landet bei einem mundfaulen Einzelgänger. Florian Forster ist ebenso wenig erfreut wie Chiara, dass seine Einsamkeit plötzlich durch eine Frau gestört wird.
Während der gemeinsamen Arbeit am Manuskript arrangieren sich der Autor und seine Schreibkraft mit der Zeit, und Florian merkt sehr bald, dass die eigenwillige Chiara sich nicht so leicht einschüchtern lässt, sondern ihm durchaus paroli bietet, wenn ihr etwas an dem wortkargen Mann nicht gefällt.
Je länger Chiara in dieser einsamen, verzauberten Bergwelt mit Forster lebt, umso wohler fühlt sie sich, und auch menschlich kommt sie dem Autor näher, hat sie Shakespeare, Forsters eigensinnigen Neufundländer, doch schon vom ersten Tag an für sich eingenommen.
Als Chiaras Freunde von Deutschland aus Erkundigungen über den Autor einholen, stoßen sie auf einen dunklen Punkt in dessen Vergangenheit, und sie fürchten um Chiaras Sicherheit.

Elisabeth Büchles neuester Roman unterscheidet sich in einigen Punkten von ihren bisherigen Werken. Waren diese immer dickere Wälzer, so kann man diesen Roman, mit seinen zweihundert Seiten, durchaus als ein „Büchle“ im wahrsten Sinn des Wortes bezeichnen. Außerdem ist dies der erste zeitgenössische Roman der Autorin.
Mit „Unter dem Polarlicht“ beweist die Autorin einmal mehr ihr Können, denn auch die Handlung in der Gegenwart ist absolut mitreißend und berührend. Zudem zeigt dieser Roman, dass man durchaus auch mit einem relativ überschaubaren Plot die Leserschaft begeistern kann. Den größten Teil der Handlung bestreiten nur die beiden Protagonisten Chiara und Florian, mit dem Hund Shakespeare in einer bezaubernden Nebenrolle. Zwar tauchen dazwischen noch einige Charaktere auf, aber im Grunde genommen geht es ja um die beiden Menschen, die sich in der Einsamkeit der kanadischen Berge zusammenraufen müssen. Auf so engem Raum, umgeben von der Stille frisch gefallenen Schnees in der Landschaft, bleibt nichts oberflächlich oder gleichgültig. Die beiden Hauptpersonen stehen vor dem Leser quasi wie auf einer Bühne und lassen sich bis auf den Grund ihrer Seele schauen. Da wird so manches offenbart, was schon lange in den Protagonisten schlummerte, sei es Verbitterung, Enttäuschung oder Resignation. Sowohl Chiara als auch Florian haben in der Vergangenheit Verletzungen erfahren, die erst heilen müssen, und wie sagt man so schön, um gut zu heilen, muss eine Wunde zuerst gesäubert werden. Dies trifft hier auch im übertragenen Sinn zu.
In diesem Roman kommen tiefe Gefühle zum Ausdruck, und Chiara und Florian müssen lernen, alte Schuld loszulassen und zu vergeben, um ihren eigenen Frieden zu finden.
Unter dem Polarlicht erkennen die Protagonisten ihren persönlichen Weg aus all ihrer Gewissens- und Seelennot. Aber auch wenn es um ernste Themen geht, so ergeben sich im Verlauf der Handlung zwischendurch viele heitere, humorvolle Momente, die das Herz wärmen. So ganz nebenbei erfährt man auch einiges über die tiefere Bedeutung der Candy Canes, denn die süßen Zuckerstangen spielen ebenfalls eine wichtige, symbolische Rolle.
Wie bei allen Romanen der Autorin spielt auch hier der christliche Glaube eine wichtige Rolle, dabei wird dieses Thema stets sehr behutsam und dezent umgesetzt. Die Handlung wird getragen von den sympathischen Protagonisten und den wunderbaren Landschaftsbeschreibungen. Man taucht ein in diese Geschichte, wie in den watteweichen Schnee der Bergwelt, und man begleitet die Protagonisten und möchte sie am liebsten gar nicht mehr aus den Augen lassen, bis sie ihr ganz persönliches Weihnachtswunder erfahren.

Dieses schöne Buch ist nicht nur für einen selbst eine Bereicherung, sondern es eignet sich auch sehr gut als kleines Weihnachtsgeschenk für einen lieben Menschen, mal so als Tipp für alle, die noch kurzfristig vor dem Fest ein schönes, herzliches und persönliches Präsent suchen.




Freitag, 4. Dezember 2015

Holunderherzen - Brigitte Janson


Anne hat kein Glück in der Liebe. Gerade erst ist ihre Beziehung mit Roland gescheitert, und Anne weint sich die Augen aus dem Kopf. Doch dann beschließt sie kurzerhand, sich eine Auszeit zu nehmen und zieht zu ihrer Tante Tilly auf deren Öko-Hof an der Lübecker Bucht. Hier möchte sie einfach mal abschalten.
Was Anne jedoch vorfindet, als sie bei ihrer Tante ankommt, ist ein verwahrlostes Grundstück mit einem windschiefen Häuschen und ein paar Wohnwagen. Tilly wirkt zerstreut und plötzlich gar nicht mehr so forsch und schwungvoll, wie Anne sie in Erinnerung hat. Auch wenn sie es nie zugeben würde, ist die alte Dame ist doch irgendwie froh, ihre Nichte nun bei sich zu haben. Ihr Mops Hugo, den Tilly sehr verwöhnt hat, ist jedoch nicht davon überzeugt, dass er und sein Frauchen Gesellschaft brauchen, und wenn ihm jemand zu nahe kommt, beißt er auch schon mal zu.
Und doch fühlt sich Anne nach kurzer Zeit wohl an der Ostsee und beginnt, Pläne für ihre Zukunft zu machen. Die drehen sich hauptsächlich ums Geschäft, aber es kommt auch ein anziehender Mann darin vor, der attraktiv sein könnte, wäre er nicht so dünn und ernst. Das Interesse ist durchaus nicht einseitig, wie Anne bald bemerkt.
Aber es gibt da ein Problem, das alles überschattet und Annes Pläne ins Wanken bringt.

Mit dem fiktiven Städtchen Glückshafen und Tillys Öko-Hof an der Ostsee hat die Autorin auch für ihren neuesten Roman wieder eine idyllische, stimmungsvolle Kulisse geschaffen. Sie beschreibt Land und Leute sehr authentisch und wartet auch diesmal wieder mit einer ganzen Reihe interessanter Charaktere auf. Neben Anna sind die Hauptpersonen des Romans in erster Linie Tante Tilly, außerdem der Glückshafener Arzt Carsten Sörensen und seine Tochter Kyra sowie Thies, ein wortkarger, kauziger Fischer. Brigitte Janson haucht ihren Protagonisten Leben ein, und man schließt die verschiedenen Charaktere schnell ins Herz. Auch Hugo ist ein richtiger kleiner Sympathieträger, wenn er auch öfters ziemlich verzogen und frech erscheint. Bei seinem exzentrischen Frauchen ist es aber kein Wunder, dass auch der Hund etwas eigenwillig ist. Es lässt sich alles so schön an, Anne fühlt sich schnell heimisch in der neuen Umgebumg und beschließt, zu bleiben. Aber etwas am Verhalten ihrer Tante bereitet ihr Sorgen. Die entstehenden Probleme sind hier sehr feinfühlig und mit Herzenswärme dargestellt. Sehr schön fand ich das Verhältnis zwischen Kyra und Tilly, und auch Thies, der alte Fischer, hat eine ganz besondere Beziehung zu der störrischen alten Dame. Seine liebevolle Art Tilly gegenüber fand ich sehr berührend.

Beim Betrachten des schönen Covers, mit erhabenen, glänzenden Holunderbeeren auf mattem Grund, hatte ich an diesen Roman ähnliche Erwartungen wie an „Winterapfelgarten“, denn das war für mich ein richtiger „Wohlfühlroman“. Aber diesmal wird die insgesamt positive Handlung von einem Problem überschattet. Über dessen Lösung, wie sie im Roman erfolgt, musste ich seitdem immer wieder nachdenken und auch darüber, ob so der einzige Ausweg aus dem Dilemma sein kann. Die Art, wie die Protagonisten mit der Angelegenheit umgehen, hat mich ins Grübeln gebracht, und ich muss sagen, dass mich der Roman am Schluss recht niedergeschlagen zurückgelassen hat, obwohl dieses Ende zum Teil durchaus auch positiv war, aber einige der Ereignisse haben dem Roman seine Leichtigkeit genommen.

Es liegt ganz sicher nicht an der Schreibweise der Autorin, denn die ist toll, wie immer. Aber ich kann mich mit der Problemlösung, wie sie hier erfolgte, nicht recht anfreunden; sie hinterlässt ein ungutes Gefühl bei mir. Wieso genau, das kann ich hier nicht erklären, denn sonst würde ich zu viel von der Handlung vorwegnehmen. Das Buch ist insgesamt sehr schön geschrieben und auch auf jeden Fall lesenswert, aber man sollte sich eben nicht ausschließlich auf "Friede, Freude, Eierkuchen" einstellen.


Sonntag, 15. November 2015

Die Stille unter dem Eis - Rachel Weaver


Als Anna durch Alaska trampt, wird sie von dem Fischer Kyle mit dem Auto mitgenommen. Sie haben das gleiche Ziel, und als sie merken, dass sie auch die Leidenschaft zur unberührten Natur und zu Freiheit und Abenteuer teilen, werden sie bald ein Paar. Eines Tages erfahren sie von der Gelegenheit, über den Winter einen abgelegenen Leuchtturm für einen winzigen Betrag zu mieten und den Turm in Gegenleistung dafür instand zu halten. Spontan sind sie sich einig, dass sie dieses Abenteuer wagen wollen. Die kleine Insel, auf der sich der Leuchtturm befindet, ist unbewohnt. Seit vor zwanzig Jahren der damalige Leuchtturmwärter verschwand, fand sich niemand mehr bereit, dorthin zu ziehen und die Wartung zu übernehmen.
Mit geringer Ausstattung geht das junge Paar seine neue Aufgabe an und muss mit einigen Schwierigkeiten kämpfen. Der anbrechende Winter macht es oft lange Zeit unmöglich, aufs Festland zu fahren, um neuen Proviant zu holen. Während Anna das Gefühl hat, endlich angekommen zu sein, wird der Aufenthalt in der Einsamkeit für Kyle zur Zerreißprobe. Statt auf der einsamen Insel die Zweisamkeit zu pflegen, entfernen sich Anna und Kyle immer mehr voneinander, und beiden wird klar, dass es vieles gibt, was sie noch nicht voneinander wissen und was sie vor dem Anderen geheim halten.

In einer Sache sind die beiden Protagonisten gut, nämlich ihr Innerstes und ihre Geheimnisse voreinander zu verbergen. Diese Heimlichkeiten, bei Anna basierend auf tiefen Schuldgefühlen, bei Kyle auf einer erlebten Enttäuschung, führen dazu, dass sich die Beiden immer weiter auseinander leben und das auf engstem Raum, den die Insel mit dem Leuchtturm ihnen bietet. Ihre Hoffnungen, die sie in diesen Aufenthalt gesetzt haben, erfüllen sich nicht, und in der Stille der Wildnis macht sich auch zwischen den Liebenden Sprachlosigkeit breit.
So unterschiedlich die Probleme von Kyle und Anna auch sind, so haben sie doch eines gemeinsam, sie fordern Vergebung. Bis es dazu kommt und beide ihre Vergangenheit aufarbeiten können, muss einiges geschehen. Die Abenteuer und Erlebnisse der beiden jungen Menschen, umhüllt von den eindrucksvollen Schilderungen der Naturgewalten, die um die kleine Insel toben, haben eine ungeheure Sogwirkung. Man kann nicht mehr von dem Buch lassen, so kraftvoll und lebendig sind die Beschreibungen. In eingeblendeten Rückblicken erfährt man nach und nach, was die Protagonisten umtreibt, und man erkennt, das beide ihren eigenen, ganz persönlichen Weg gehen müssen, um ihren inneren Frieden zu finden.

Die Autorin legt hier ein brillantes Debüt vor. Ihr eindringlicher und zugleich schön und leicht zu lesender Schreibstil haben mich fasziniert und berührt. Ich werde mir den Namen Rachel Weaver auf jeden Fall merken und hoffen, in Zukunft noch mehr in dieser Art von ihr zu lesen.




Freitag, 30. Oktober 2015

Kräuter der Provinz - Petra Durst-Benning


Therese, Bürgermeisterin des schwäbischen Örtchens Maierhofen und zugleich Wirtin der „Goldenen Rose“, macht sich Sorgen um die Zukunft ihres Dorfes. In Maierhofen ist irgendwann die Zeit stehen geblieben. Für Touristen ist der kleine Ort nicht attraktiv, denn er hat keine Besonderheiten zu bieten und keine Attraktionen, die locken. Mangels Zukunftsperspektive kehrt die junge Generation der Heimat den Rücken, um anderswo ihr Glück und Arbeit zu suchen.
Zu allem Überfluss ist Therese krank, da hilft es auch nicht, dies zu ignorieren und sogar ihrer besten Freundin Christine zu verschweigen, denn irgendwann muss sie sich den Tatsachen stellen. Aber was soll aus ihrem geliebten Heimatort werden? Eines Nachts, als sie wieder einmal nicht schlafen kann, hat sie eine zündende Idee. Sie nimmt Kontakt zu ihrer Cousine auf. Greta, die erfolgreiche Werbefachfrau aus Frankfurt, soll eine Imagekampagne für Maierhofen ins Leben rufen. Anfangs sieht alles recht hoffnungslos aus, aber Therese hat nicht mit der Tatkraft ihrer Maierhofener gerechnet. Alle legen sich mächtig ins Zeug, um ihren gemeinsamen Traum zu verwirklichen, nämlich ihren Heimatort zu einem richtigen Genießerdorf zu machen.

Petra Durst-Benning, bisher beliebt und bekannt durch ihre wunderbaren historischen Romane, hat nun ihren ersten zeitgenössischen Roman fertig gestellt, und ich muss sagen, sie hat sich selbst übertroffen. Ihre Protagonisten könnte man als liebenswerte Helden des Alltags bezeichnen, denn mit viel Energie und Ideenreichtum schaffen es die Maierhofener, etwas Neues, Besonderes auf die Beine zu stellen. Wie sich das alles entwickelt und wie die Bewohner des kleinen Dorfes im Allgäu das anstellen, kann man hautnah mitverfolgen. Greta, die extra aus Frankfurt anreist, um ihrer Cousine zu helfen, ist anfangs skeptisch, denn außer ländlicher Idylle und Ruhe hat das Dörfchen nichts zu bieten, meint sie. Aber je länger sie in Maierhofen weilt, umso mehr erliegt sie dem Charme des Dorfes und seiner Bewohner, und sie entdeckt die vielen Köstlichkeiten, die es hier überall so selbstverständlich gibt. Statt Sushi probiert sie Holzofenbrot mit wildem Schnittlauch, statt bei Starbucks frühstückt sie in der Dorfbäckerei und ist hingerissen von dem leckeren Gebäck, so ganz ohne künstliche Zusatzstoffe, und statt fertiger Würzmischungen mit Geschmacksverstärkern gibt es bei Sam, dem Koch der Goldenen Rose, himmlische Gaumenfreuden, ganz natürlich mit Christines selbst gemachtem Kräutersalz gewürzt.
Der ganze Roman ist so schön und stimmig, die wunderbaren Beschreibungen sind ein Fest für alle Sinne, denn man kann förmlich die Blumenwiesen und die Bäume riechen,man meint, die Vögel zwitschern zu hören und sieht die Umgebung mit Gretas Augen.
Es ist alles fast zu schön, um wahr zu sein, aber doch bleibt die Handlung realistisch, denn wie im wahren Leben gilt auch hier, wo Licht ist, da ist auch Schatten, und so gibt es auch in der Geschichte einige Sorgen und Probleme durchzustehen.
Die Liebe hat ebenfalls ihren Platz im Roman, und so mancher findet das große Glück in Maierhofen. Auch hier bleibt die Autorin aber stets realistisch, und die Leser finden zwar jede Menge Romantik, die jedoch nie kitschig wirkt.
Sehr deutlich wird Petra Durst-Bennings Anliegen, die Welt ein klein wenig reizvoller und heimeliger zu machen, indem man das Schöne und Gute im Kleinen findet und das Natürliche dem Künstlichen vorzieht. Wie heißt es so schön „Warum in die Ferne schweifen? Sieh, das Gute liegt so nah!“ Gerade im Zeitalter der Globalisierung, wo Nachrichten über Umweltschäden und Lebensmittelskandale fast schon an der Tagesordnung sind, sollten wir uns mehr auf die Schönheiten und Köstlichkeiten in unserer unmittelbaren Umgebung besinnen.
Das Buch soll nicht nur unterhalten, sondern auch Denkanstöße liefern, und es soll inspirieren. Das ist der Autorin hervorragend gelungen, denn die wundervolle Geschichte um Maierhofen wird sehr schön ergänzt und umrahmt, von zahlreichen Rezepten und Anregungen. Da kann man beispielsweise die Maierhofener Nusskekse selbst backen oder sich sein eigenes Gewürzsalz mischen. Man findet Rezepte zu Holunderblütensirup oder Löwenzahngelee aus Jessys Hexenküche ebenso wie Küchentipps von Sam aus der Goldenen Rose. Das alles ist genau mein Ding, denn ich liebe es, mit Kräutern zu experimentieren und selbst Gewürzmischungen zu kreieren. Daher habe ich dieses Buch ganz besonders ins Herz geschlossen.
So ist nun zwar die Geschichte zu Ende, aber das ist noch lange kein Grund, das Buch gleich ins Regal zu stellen, denn das Beispiel der Maierhofener animiert geradezu, selbst aktiv zu werden und sich und seine Lieben mit kleinen Köstlichkeiten zu verwöhnen. So gesehen habe ich mich von den Protagonisten noch lange nicht verabschiedet, sondern „besuche“ sie immer wieder gerne, indem ich durch das schöne Buch blättere.
Es ist ein ganz bezaubernder, unterhaltsamer Roman, der die Schönheiten des Landlebens sehr lebendig in Szene setzt, der aber auch die Problematik der Landflucht durch die junge Bevölkerung nicht verschweigt. Ich bin ganz hingerissen von der vielschichtigen Mischung, die dieses Buch bietet und von dem tollen Konzept der Maierhofer für ihre Heimat, das wirklich Schule machen sollte.  




Montag, 5. Oktober 2015

So friedlich, das Meer - Brigitte Beil


Als die spröde Camilla eine Affäre mit Paolo, ihrem verheirateten Chef, beginnt, erhält sie im Freundes- und Familienkreis die unterschiedlichsten Ratschläge. Einer davon ist: „Sei locker, bleib geschmeidig“. Dass es mit einem Macho wie Paolo nicht lange gut geht, geschweige denn eine Zukunft hat, ist absehbar, und so kommt es, wie es kommen muss, der Mann serviert Camilla eiskalt ab.

Jahre später, als Camilla bereits glücklich verheiratet und Mutter zweier süßer Kinder ist, scheint die Vergangenheit vergessen, aber als sie Paolo unerwartet wiedersieht, kommt alles wieder hoch, die Kränkungen, die Enttäuschung und die Wut.
Camilla macht den Fehler, alle Männer über einen Kamm zu scheren, und so beginnt sie, ihrem eigenen Mann zu misstrauen und ihm die gleichen miesen Charaktereigenschaften zu unterstellen wie Paolo. Ihr ständiges Misstrauen, ihre eifersüchtigen Szenen, ihre dauernde Beobachtung, das alles schlägt ihren Mann Gianni (übrigens eine Seele von Mensch!) in die Flucht. Camilla fühlt sich haltlos, entwurzelt, und sie tut das einzige, was ihr in dieser Situation richtig erscheint, sie flieht vor dem Durcheinander, das sie in ihrer Ehe angerichtet hat und verlässt Vicenza. In München, weit weg von zuhause, möchte sie vergessen und sich ein neues Leben aufbauen.

Bei diesem neuen Roman von Brigitte Beil bin ich sehr zwiegespalten. Der Schreibstil ist wie gewohnt toll; die Autorin sieht genau hin und beschreibt die Charaktere im Roman sehr detailliert. Das italienische Flair, das sie in ihrer Erzählung vermittelt, ist in leuchtenden Farben ausgemalt und gut vorstellbar. Auch Camillas Seelenleben wird genauestens unter die Lupe genommen. Allerdings hätte ich die Protagonistin in mehreren Situationen gerne gepackt und einmal kräftig geschüttelt, denn was sie ihrem Ehemann unterstellt, ist schon sehr heftig. Ihre Eifersucht und die damit verbundenen Wahnvorstellungen waren für mich nicht nachvollziehbar, obwohl ich natürlich weiß, dass es solche Fälle durchaus gibt, wo sich die Abgründe der menschlichen Seele auftun und jegliche Vernunft im Keim ersticken. Was sich Camilla damit selbst und ihrer Familie antut, ist unbeschreiblich. Ich konnte mich nicht in sie hinein versetzen, denn ihre geliebten beiden kleinen Kinder für mehrere Monate einfach so bei den Großeltern in Italien zurück zu lassen und ins Ausland zu verschwinden, das war für mich nicht ganz glaubwürdig.

Die Handlung ist ungefähr so eingeteilt, dass es in der ersten Hälfte des Buches um Camillas Affäre mit Paolo geht. Dieser Teil hat sich für mich recht zäh in die Länge gezogen, und ich musste all meine Konzentration aufbieten, um weiter zu lesen. Camillas Erlebnisse in ihrer Ehe und wie es dazu kam, ihrem Mann dermaßen zu misstrauen, das ist dann schon etwas kompakter und kurzweiliger dargestellt, und so manche Szene, mit viel Humor beschrieben, hat mich mit den ersten hundertfünfzig Seiten wieder versöhnt.

Wie die Sache ausgeht, war einerseits schon länger absehbar, aber es gab dann doch noch eine große Überraschung, die etwas makaber anmutet, aber hier ergeht sich die Autorin lediglich in vagen Andeutungen, mit denen ich allerdings nicht so ganz glücklich bin.
Ich möchte das Ende so beschreiben: Man weiß nichts, ahnt viel und befürchtet alles.



Mittwoch, 26. August 2015

Wenn Amor nicht zuhört - Elke Becker


Laura, 26, ist eine Lehrerin mit hohen Idealen. Sie möchte den verwöhnten Kindern betuchter Familien das wahre Leben näherbringen. Darum bewirbt sie sich in einem Eliteinternat. Als sie eine Absage erhält, ist sie enttäuscht, wirft aber die Flinte nicht ins Korn, sondern nimmt eine Stelle als Erzieherin in New York an. Hier soll sie sich um Henry und Elise, die beiden Kinder der reichen Witwe Vera Sutton kümmern. Während des Flugs nach New York macht sie Bekanntschaft mit dem Stargeiger Adrian Anger. Der attraktive aber äußerst arrogante Mann sitzt zwangsläufig im Flugzeug neben ihr und zeigt sich von seiner allerschlechtesten Seite.
Missmutig stellt Laura fest, dass sich Adrians Apartment im gleichen Haus wie Vera Suttons Wohnsitz befindet und dass er zu allem Überfluss noch der Musiklehrer der beiden Halbwüchsigen ist, die sie von nun an betreut.
Lauras neuer Job ist eine wahre Herausforderung, denn besonders Elise macht es ihrer neuen Erzieherin nicht leicht. Laura muss sich gegen so manchen Streich der jungen Dame wappnen.
Dazu kommt, dass es ihr nicht gelingt, Adrian zu ignorieren. Immer wieder kreuzen sich ihre Wege, und zu ihrer eigenen Verblüffung stellt Laura fest, dass er ihr nicht einerlei ist. Seine Musik berührt sie stärker als ihr lieb ist und zeigt ihr einen ganz anderen Adrian. Auch er findet mehr und mehr Gefallen an der deutschen Erzieherin, die seine Allüren nicht hinnimmt, sondern ihm durchaus Kontra gibt. Ihre energische Art imponiert dem Musiker. Aber dann schlägt sie ihm ein schier unmögliches Arrangement vor.

Elke Beckers aktueller Roman kommt leicht und locker daher und bietet dabei interessante Charaktere, tolle Schauplätze und eine kurzweilige Handlung, in der es nicht nur vor Spannung knistert, sondern wo auch ganz schön die Funken fliegen, wenn Laura und Adrian sich begegnen. Damit nicht genug, denn auch wenn die Handlung diesmal nicht so schicksalsschwer erscheint wie in manchen anderen Romanen der Autorin, so ist sie doch keineswegs oberflächlich. Laura hat es sich zur Aufgabe gemacht, reichen Kindern das wahre Leben nahe zu bringen, und dafür gibt sie vollen Einsatz. Im Umgang mit ihren Schützlingen findet sie genau das richtige Maß zwischen nötiger Konsequenz, Vorsicht, Einfühlungsvermögen und Humor. Aber mit ihrer offenen Art erobert sie nicht nur die Herzen der Kinder, sondern auch das des Geigers Adrian, der auf den ersten Blick so selbstgefällig wirkt. Zwischen ihm und Laura kommt es ständig zu Missverständnissen, die ihren Ursprung wiederum in der Voreingenommenheit beider Seiten haben. Obwohl die Handlung größtenteils heiter und leicht ist, hat sie doch auch ein Anliegen, denn sie vermittelt, dass der Schein oft trügt und dass man sich nicht von Vorurteilen leiten lassen soll, weil manches anders ist, als man anfangs meint.
Insofern unterhält der Roman nicht nur vorzüglich, sondern er gibt den Lesern auch Stoff zum Nachdenken. Die Leichtigkeit der Handlung in Kombination mit einigen wichtigen, interessanten Denkanstößen, gefällt mir sehr.



Dienstag, 11. August 2015

Ich warte auf dich, jeden Tag - Clarissa Linden


Im Nachlass ihres Großvaters findet die Amerikanerin Erin einen Brief aus Deutschland, geschrieben 1993. Auch ein Flugticket nach Deutschland liegt dabei. Obwohl ihr Großvater damals schon ein alter Mann war, handelt es sich eindeutig um einen Liebesbrief, jedoch nicht von ihrer Großmutter, sondern von einer Lily unterzeichnet. Der Brief endet mit den Worten: „Ich warte auf dich, jeden Tag“. Alexander Woodward, der ihr nie der Großvater war, den sie sich gewünscht hätte, den sie stets nur als kühl und unnahbar kennengelernt hatte, scheint in seiner Vergangenheit ein Geheimnis gehütet und die Liebe seines Lebens erfahren zu haben.
In ihrem eigenen Leben ist Erin gerade an einem Wendepunkt angekommen, denn ihre Ehe ist kaputt, und ihr Arbeitsplatz in einer schönen kleinen Buchhandlung hängt am seidenen Faden, da ihre Chefin und zugleich beste Freundin Charlotte in finanziellen Nöten steckt.
Nach langem Zögern und unter Charlottes Zuspruch entschließt sich Erin, dem Geheimnis ihres Großvaters auf die Spur zu kommen und sich auf die Suche nach der fremden Frau namens Lily zu machen. Sie reist nach Europa, in der Hoffnung, Spuren aus dem Leben ihres Großvaters und von Lily zu finden.
Ihre Suche beginnt in Barcelona, wo Erins erwachsener Sohn lebt und studiert. Sie führt nach Frankfurt und sogar bis Stockholm. Während ihrer Nachforschungen erfährt Erin, dass Lily damals, in den 30er Jahren, einer Widerstandsgruppe gegen die Nazis angehörte und dass auch ihr Großvater, durch seine Begegnung mit Lily, eine Verbindung mit dieser Gruppe hatte.

Betrachtet man das wunderschön gestaltete Cover und liest den Titel, erwartet man vermutlich einen sehr romantischen Roman. In gewisser Weise ist es das ja auch, denn die Geschichte erzählt von einer großen Liebe in den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts, in einer Zeit, als die Zeichen in Deutschland auf Sturm standen, als die Nationalsozialisten immer mehr Macht im Land bekamen. In zahlreichen Rückblicken erfährt man mehr über die Widerstandsbewegung und ihre Arbeit, über die politische Situation damals und darüber, wie es zu der Verbindung zwischen Lily und Alexander kam und wie sich alles entwickelte. So ist dieser Roman viel mehr als ein Liebesroman, er stellt vielmehr ein farbiges und plastisches Zeitzeugnis dar, denn auch wenn Alexanders und Lilys Geschichte fiktiv ist, so erzählt dieser Roman doch sehr viel Wahres und Brisantes aus der deutschen Geschichte.

Die Rolle der Vermittlerin zwischen Vergangenheit und Gegenwart übernimmt Erin. Sie ist Mitte Vierzig und erscheint gerade am Anfang des Romans als recht komplizierter Charakter. Sie leidet noch sehr unter der Trennung von ihrem Mann und macht sich das Leben selbst schwer, weil sie ihm immer noch hinterher trauert und ihn mit Telefonaten bedrängt. Sie demütigt sich selbst und badet in Selbstmitleid, ohne wirklich etwas mit ihrem Verhalten zu erreichen. Auch die Beziehung zu ihren Eltern, insbesondere zu ihrer Mutter, ist kompliziert. Man hat den Eindruck, sowohl Mutter als auch Tochter sind ständig in Habachtstellung und neigen dazu, in jedes Wort und jeden Blick der Anderen viel mehr Bedeutung hinein zu interpretieren als sie eigentlich hätten.
Erins Vertraute und Hilfe in Krisenzeiten ist Charlotte, ihre beste Freundin und Inhaberin des Buchladens „Books Charlotte loves“. Von Charlottes Optimismus und Stärke könnte sich Erin eine Scheibe abschneiden, denn obwohl ihr kleiner Laden Existenzprobleme hat, ist sie immer für Erin da und hat sich sogar etwas ganz Besonderes einfallen lassen. Jede Woche schreibt sie Erin einen Brief oder eine Mail, worin sie ihr ein Zitat aus einem Buch mitteilt. Erin soll das Buch, um das es geht, erkennen und lesen und herausfinden, was ihr der Inhalt über ihr eigenes Leben sagen soll oder wie sie ihrer Meinung nach für sich selbst einen Nutzen aus dem Gelesenen ziehen könnte.
Das ist das Besondere an diesem Buch, denn jedes Kapitel ist mit einem der Zitate aus Charlottes Büchern überschrieben, welches immer zum Inhalt passt. Das ist ein interessanter Ansatz, der mir sehr gefallen hat. Ich habe mich dabei an „alte Bekannte“ erinnert, die ich selbst schon vor längerer Zeit gelesen habe, auch waren Bücher dabei, die ich noch nicht kannte, wobei die entsprechenden Zitate wiederum mein Interesse geweckt haben. Charlottes Nachrichten mit einem neuen Buchvorschlag kommen zuverlässig und regelmäßig, auch während Erins gesamter Reise.
Mit Erins Augen erfährt man Neues und Altes über ihren Aufenthalt in Europa, dessen zentrales Ziel Frankfurt ist. Ihre Eindrücke, die sie in Deutschland macht, lassen sie nicht nur mehr über die Vergangenheit erfahren und unbekannte Seiten an ihrem Großvater zu entdecken, sondern sie helfen ihr auch, sich selbst auf Neues einzulassen und über ihren eigenen Schatten zu springen.
Der Roman hat kein Happy End im klassischen Sinn, denn das Schicksal zieht nicht immer gerade Bahnen, hier ebenso wenig wie im richtigen Leben. Aber es gibt einen sehr schönen Abschluss, der den Leser zufrieden zurücklässt. Man kann selbst weiterspinnen, was die Zukunft für Erin bringen mag. Auf jeden Fall ist sie nicht mehr so verkrampft und negativ eingestellt wie am Anfang ihrer Geschichte. Sie hat interessante Bekanntschaften geschlossen, viele wertvolle Erfahrungen gesammelt, und sie hat gelernt, das Beste aus ihrer Situation zu machen und dem Glück eine neue Chance zu geben.
Die Autorin, die durch Erzählungen ihrer Großmutter zu dieser Geschichte inspiriert wurde, hat hier unter neuem Pseudonym einen wundervollen Roman geschaffen, der mit interessanten, facettenreichen Charakteren aufwarten kann und in dem selbstverständlich auch wieder eine Katze eine wichtige Rolle spielt.
Im Anhang findet man Informationen zu all den genannten Büchern, aus denen die Zitate der einzelnen Kapitel stammen und kann auch einiges an wissenswerten historischen Fakten und Besonderheiten zur damaligen Zeit nachlesen.