Sonntag, 4. August 2013

Der Schrecken verliert sich vor Ort - Monika Held



Kurzbeschreibung:
Als Lena auf den Zeugen aus Wien trifft, weiß sie, dass sie diesen Mann festhalten muss. Auf den ersten Blick haben Lena und Heiner nicht viel gemeinsam. Sie träumt von Ferien in der Südsee. Heiner verbringt die Nächte mit den Schrecken von Auschwitz. Die beiden wagen diese Liebe. Lena fragt sich, ob sie die Welt, in der ihr Mann zuhause ist, je verstehen wird. Heiner fragt sich, wie er sein Trauma aus Bildern und Geräuschen möglichst vollständig in den Kopf seiner Frau übertragen kann und ob es eine Grenze gibt, bis zu der man Erfahrungen weitergeben kann. Sollte er sie finden, wird er sie einreißen. Klug, berührend und mitreißend erzählt die Autorin und Journalistin Monika Held in ihrem großen Roman die Geschichte einer Liebe in den Zeiten nach Auschwitz.

Mein Eindruck:
Er ist Überlebender und als Zeuge zu den Auschwitz-Prozessen geladen, sie ist Dolmetscherin. Am 52. Verhandlungstag begegnen sich Heiner und Lena zum ersten Mal auf dem Gerichtsflur. Aus dem ersten Kennenlernen wird bald Liebe, und Lena geht das Wagnis einer Ehe und Lebensgemeinschaft mit dem viel älteren Mann ein. Das bedeutet auch, mit einem Senfglas, gefüllt mit kleinen Knochenteilen der Toten von Auschwitz, zu leben und von dicken Alben, voller Fotos und Zeichnungen von den Gräueltaten, immer wieder an die Vorgeschichte ihres Mannes erinnert zu werden. Für Lena ist es nicht leicht, mit Heiner zu leben und die geballte Wucht der Emotionen auszuhalten, die sich hier regelmäßig entladen. In ihrem Bemühen, Heiner zu verstehen und seine Gefühle nachvollziehen zu können, wenn auch nur ansatzweise, fühlt sich Lena manchmal richtig klein, aber sie wächst daran, den Schrecken mit dem geliebten Mann durchzustehen, der Heiner immer wieder einholt, nicht nur in der Nacht. Schon ein kleines Wort, ein Bildausschnitt, eine Geste kann genügen, um Heiner in diesen Zustand zu versetzen, der all das Erfahrene immer wieder aufleben lässt. Man kann nicht annähernd begreifen, was in dem Protagonisten vorgeht, zu viel Grausames hat er erfahren müssen.
Einerseits leidet er unter Alpträumen, wird mit den Verletzungen an Leib und Seele nicht fertig. Andererseits zeigt er zähnefletschend den Dämonen der Vergangenheit die Zähne.
Lena steht dem Verhalten ihres Mannes ohnmächtig gegenüber, möchte ihn so gerne verstehen, will es aber nicht zulassen, dass Heiner sich von den Schrecken früherer Zeiten und von seinem Schicksal auffressen lässt.
Heiner trägt schwer an der Schuld seiner Ohnmacht, daran, dass er zusehen musste, wie andere gestorben sind. Er fühlt sich schlecht dafür, dass er überlebt hat, und er quält sich selbst, indem er im Geiste alles immer wieder neu durchleidet.
Zu seinen Leidensgenossen von damals hat er eine ganz besondere Verbindung, und Lena muss mit dem schmerzlichen Gefühl fertig werden, immer abseits zu stehen, wenngleich es ja eigentlich ein Segen ist, die schrecklichen Erinnerungen der damaligen Häftlinge nicht zu teilen. Obwohl Heiner die schrecklichste Zeit seines Lebens in Auschwitz verbracht hat, fühlt er sich dem Ort in rätselhafter Weise verbunden.
Die Autorin verzichtet im Roman völlig auf Anführungszeichen bei der wörtlichen Rede, wodurch eine gewisse Distanz zu den Protagonisten entsteht, die andererseits wieder aufgelöst wird, durch bewegende Einblicke in deren Seelenleben.
Monika Held bringt sehr authentische und persönliche Erfahrungen in diese Geschichte ein. Auch wenn der Roman fiktiv ist, enthält er doch so viel Wahrheit, und seine Protagonisten haben reale Vorbilder. Er verschont nicht, und er klagt auch nicht an. Vielmehr geht es hier um das Danach.
Dieses außergewöhnliche und stark bewegende Buch beschäftigt sich mit den Nachwirkungen, die in gewisser Weise ebenso schrecklich sind, wie die damaligen Erlebnisse selbst, denn sie begleiten die Betroffenen ewig. Wie viel Vergangenheit kann ein Mensch aushalten? Ich glaube nicht, dass sich der Schrecken jemals verliert.
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