Mittwoch, 2. März 2016

Ich heiße nicht Miriam - Majgull Axelsson




Zu ihrem 85. Geburtstag bekommt Miriam Guldberg einen silbernen Armreif von ihrer Familie geschenkt, wo ihr Name eingraviert ist. Als sie dies sieht, bemerkt sie spontan „Ich heiße nicht Miriam“ und stürzt damit ihre Lieben in Verwirrung.
Als junge Frau kam die Jüdin zum Ende des Krieges nach Schweden, aber bisher wurde auch in der Familie nie über ihre schlimme Vergangenheit und ihre schreckliche Zeit während der Gefangenschaft im KZ gesprochen.
Als sie nun behauptet, sie sei nicht Miriam, befürchtet ihre Enkelin sogar, sie könne womöglich unter beginnender Demenz leiden. Aber dem ist ganz und gar nicht so, denn Miriam hat ein gutes Gedächtnis, fast zu gut. Dabei fällt es ihr schwer, die Erinnerungen an die furchtbare Zeit, die sie damals erlebt hat, zuzulassen. Im Lauf der Jahre ist sie eine Meisterin der Verdrängung geworden. In der Gegenwart hat sich Miriam eine Art Zuflucht in ihre eigene Gedankenwelt geschaffen. Ihr geistiger Rückzugsort gibt ihr Schutz und Halt, wenn die schrecklichen Erinnerungen zu übermächtig werden, an damals, als Miriam noch Malika war, ein Roma-Kind, zu einer Zeit, als es vor dem Regime schon als Verbrechen galt, anders zu sein.

An ihrem 85. Geburtstag muss es heraus. Zu lange hat sie all das Schreckliche in ihrem Innern verschlossen. Nun bricht sie ihr Schweigen und offenbart sich ihrer Enkeltochter. Die Verleugnung und Aufgabe ihrer Identität damals hat ihr das Leben gerettet und ihr eine sichere Zukunft ermöglicht. Nun, da die Wahrheit ans Licht will und sie sich Camilla anvertraut, wird sie zugleich von der Angst beherrscht, ihre eigene Familie könnte sie verurteilen und ablehnen. Als Jüdin konnte sie nach der Befreiung auf Mitleid und Hilfe hoffen. Aber viele, die sie als Miriam mitfühlend unterstützten, hätten Malika, die Romni, entsetzt fallen gelassen.

Es gibt viele Zeitsprünge im Handlungsablauf, die zu ganz unterschiedlichen Ereignissen und Situationen führen. Diese sind nicht in chronologischer Reihenfolge, sondern erfolgen auf Grund von Gedankenblitzen der Protagonistin. Sie erinnert sich an eine Person oder eine Szene von damals, und schon ist ihr die ganze Dramatik der Geschichte wieder im Gedächtnis. Immer noch stehen ihr die brutalen Bilder deutlich vor Augen, nur die Zeitabläufe verwischen. Die Gedankensprünge zu ganz unterschiedlichen Zeitpunkten und die häufig wechselnden Orte versinnbildlichen für mich die innere Zerrissenheit und Aufgewühltheit der alten Dame. Auch nach all den Jahren lastet immer noch das Bewusstsein auf ihr, dass sie mit einer Lüge lebt.

Der Erzählstil dieses Romans wirkt manchmal fast spielerisch leicht, besonders in den Szenen, wenn Miriam vor sich selbst und ihrem Schicksal auf der Flucht ist und sich innerlich in ihre Traumwelt zurückzieht. Sie versuchte, die schrecklichen Dinge, die um sie herum geschehen sind, möglichst auszublenden und das Leid, den Hunger, das Elend und die verstörenden Bilder der Leichenberge, mit denen sie täglich im KZ konfrontiert wurde, so gut wie möglich zu ignorieren, denn nur so hatte sie die Kraft, durchzuhalten und weiterzuleben.

Die Autorin malt mit Worten ein erschütterndes Bild, und sie tut es so berührend dass einen diese Lebensgeschichte nicht mehr loslässt. Obwohl Miriams Schicksal fiktiv ist, so ändert das nichts an der Tatsache, dass es sich in der Realität oft so oder in ähnlicher Weise abgespielt hat. Zwar sind die Romanfiguren weitgehend erfunden, nicht jedoch die Schauplätze, und die Handlung orientiert sich sehr eng an historischen Tatsachen.
Die Autorin setzt sich gerne und häufig für Randgruppen der Gesellschaft ein, was sie in diesem Roman in besonders eindringlicher Weise tut.
Majgull Axelsson bricht hier eine Lanze für eine Minderheit, für ein ganzes Volk, das sich immer wieder Pauschalurteile, Ablehnung und Verachtung gefallen lassen musste und zum Teil immer noch muss.
Der inhaltsschwere, sehr gründlich recherchierte und meisterlich geschriebene Roman wühlt auf. Er hinterlässt ein beklemmendes Gefühl, einen schalen Nachgeschmack, besonders wenn man die aktuelle Lage, den Fremdenhass und die Not der Flüchtlinge bedenkt. Brutale Übergriffe in neuester Zeit zeigen, dass dieses düstere Kapitel deutscher Geschichte immer noch Nachhall findet und das Problem der fremdenfeindlichen Gesinnung zum Teil auch heute noch nicht ausgestorben ist.

Ein sehr wichtiger und lesenswerter Roman!



Kommentare:

  1. Hallo,

    der Roman klingt wirklich klasse und der Titel ist ein richtiger Eye-Catcher! Danke fürs Vorstellen, das wandert auf jeden Fall auf meine Merkliste.

    Liebe Grüße
    Jacy

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    1. Freut mich sehr, wenn ich dir das Buch näher bringen konnte :-)
      LG
      Susanne

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