Montag, 5. Oktober 2015

So friedlich, das Meer - Brigitte Beil


Als die spröde Camilla eine Affäre mit Paolo, ihrem verheirateten Chef, beginnt, erhält sie im Freundes- und Familienkreis die unterschiedlichsten Ratschläge. Einer davon ist: „Sei locker, bleib geschmeidig“. Dass es mit einem Macho wie Paolo nicht lange gut geht, geschweige denn eine Zukunft hat, ist absehbar, und so kommt es, wie es kommen muss, der Mann serviert Camilla eiskalt ab.

Jahre später, als Camilla bereits glücklich verheiratet und Mutter zweier süßer Kinder ist, scheint die Vergangenheit vergessen, aber als sie Paolo unerwartet wiedersieht, kommt alles wieder hoch, die Kränkungen, die Enttäuschung und die Wut.
Camilla macht den Fehler, alle Männer über einen Kamm zu scheren, und so beginnt sie, ihrem eigenen Mann zu misstrauen und ihm die gleichen miesen Charaktereigenschaften zu unterstellen wie Paolo. Ihr ständiges Misstrauen, ihre eifersüchtigen Szenen, ihre dauernde Beobachtung, das alles schlägt ihren Mann Gianni (übrigens eine Seele von Mensch!) in die Flucht. Camilla fühlt sich haltlos, entwurzelt, und sie tut das einzige, was ihr in dieser Situation richtig erscheint, sie flieht vor dem Durcheinander, das sie in ihrer Ehe angerichtet hat und verlässt Vicenza. In München, weit weg von zuhause, möchte sie vergessen und sich ein neues Leben aufbauen.

Bei diesem neuen Roman von Brigitte Beil bin ich sehr zwiegespalten. Der Schreibstil ist wie gewohnt toll; die Autorin sieht genau hin und beschreibt die Charaktere im Roman sehr detailliert. Das italienische Flair, das sie in ihrer Erzählung vermittelt, ist in leuchtenden Farben ausgemalt und gut vorstellbar. Auch Camillas Seelenleben wird genauestens unter die Lupe genommen. Allerdings hätte ich die Protagonistin in mehreren Situationen gerne gepackt und einmal kräftig geschüttelt, denn was sie ihrem Ehemann unterstellt, ist schon sehr heftig. Ihre Eifersucht und die damit verbundenen Wahnvorstellungen waren für mich nicht nachvollziehbar, obwohl ich natürlich weiß, dass es solche Fälle durchaus gibt, wo sich die Abgründe der menschlichen Seele auftun und jegliche Vernunft im Keim ersticken. Was sich Camilla damit selbst und ihrer Familie antut, ist unbeschreiblich. Ich konnte mich nicht in sie hinein versetzen, denn ihre geliebten beiden kleinen Kinder für mehrere Monate einfach so bei den Großeltern in Italien zurück zu lassen und ins Ausland zu verschwinden, das war für mich nicht ganz glaubwürdig.

Die Handlung ist ungefähr so eingeteilt, dass es in der ersten Hälfte des Buches um Camillas Affäre mit Paolo geht. Dieser Teil hat sich für mich recht zäh in die Länge gezogen, und ich musste all meine Konzentration aufbieten, um weiter zu lesen. Camillas Erlebnisse in ihrer Ehe und wie es dazu kam, ihrem Mann dermaßen zu misstrauen, das ist dann schon etwas kompakter und kurzweiliger dargestellt, und so manche Szene, mit viel Humor beschrieben, hat mich mit den ersten hundertfünfzig Seiten wieder versöhnt.

Wie die Sache ausgeht, war einerseits schon länger absehbar, aber es gab dann doch noch eine große Überraschung, die etwas makaber anmutet, aber hier ergeht sich die Autorin lediglich in vagen Andeutungen, mit denen ich allerdings nicht so ganz glücklich bin.
Ich möchte das Ende so beschreiben: Man weiß nichts, ahnt viel und befürchtet alles.



1 Kommentar:

  1. Was die Überraschung am Ende anbelangt, so meine ich, ist doch ganz klar, wohin die Reise geht. Das ist nicht nur eine Befürchtung.

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