Montag, 12. Januar 2015

Still - Chronik eines Mörders - Thomas Raab


Segen oder Fluch? Karl Heidemann kommt mit einer ungewöhnlichen Gabe zur Welt, er hat ein ausgeprägt sensibles Gehör, was ihm schon zartes Vogelzwitschern, Grillenzirpen, ja sogar den Herzschlag seiner Mitmenschen, zur Qual werden lässt. Unverstanden von seiner Umgebung wächst er sehr isoliert auf und verbringt die meiste Zeit in der Abgeschiedenheit des heimischen Kellers. Als er bereits in jungen Jahren den Freitod seiner Mutter miterlebt, der ihm im Nachhinein einen ungeahnten inneren Frieden verschafft, beginnt Karl, sich mit dem Sterben und dem Tod zu beschäftigen. Er kann sich geräuschlos anderen Lebewesen nähern, und er beginnt zu töten, auf ganz unterschiedliche Weise und aus den verschiedensten Motiven, denn wie er feststellt, kann der Tod sowohl Strafe als auch Geschenk sein.
Der Leser begleitet den Protagonisten, von seinem ersten Schrei bis zum letzten Atemzug, durch diesen Roman. Karls Entwicklung vom Kind zum Jugendlichen, vom Jugendlichen zum Mann, seine ständige Suche nach Aufmerksamkeit und Liebe, zugleich aber auch nach Frieden und Stille, wird mit ungeheurer Intensität geschildert. Karl begeht schreckliche Taten, erscheint dabei jedoch nie als gefühlloses Ungeheuer, denn er wird bei allem, was er tut, von seinen Gefühlen getrieben, die er nie gelernt hat, in die richtigen Bahnen zu lenken. Als er endlich die wahre Liebe erfährt, ist es bereits zu spät, denn zu tief hat er sich schon in den Folgen seiner eigenen Taten verfangen.

Zu Beginn hat mich die Handlung ein wenig an Süskinds Parfum erinnert, denn auch Jean-Baptiste Grenouille, dem Protagonisten dieses Klassikers, war ein besonders ausgeprägter Sinn gegeben. War es bei Grenouille der Geruchssinn, so ist es bei dem jungen Heidemann das Gehör. Anders als bei Gernouille jedoch, der seinen Geruchssinn als Gabe betrachtete, ist für Karl sein hypersensibles Gehör eher eine Last. "Still" gliedert sich in drei große Hauptteile, die mit „Glaube“, „Liebe“ und „Hoffnung“ überschrieben sind. Das sind die drei göttlichen Tugenden, nach denen Karl im Lauf seines Lebens unermüdlich sucht. Auch wenn er als Kind von seinen Eltern keine religiöse Erziehung erfahren hat, so ist er doch nicht gottlos, nur hat er seine besondere, individuelle Interpretation von Recht und Unrecht, von Gut und Böse. Er legt sich sein ganz eigenes Weltbild zurecht, und für ihn ist es kein Widerspruch, dass er sowohl als Racheengel, manchmal aber wiederum als rettender Engel handelt.

Thomas Raab ist ein begnadeter Erzähler. Er hat hier keinen Krimi geschrieben, sondern eher die fiktive Biographie eines außergewöhnlichen Menschen. Die Sprache ist bildhaft, kraftvoll und eindringlich, zugleich aber auch wunderschön poetisch. Die Geschichte hat etwas Hypnotisches; man ist gebannt und kann nicht mehr von ihr lassen. Man wird in ein Wechselbad der Gefühle geworfen, zwischen fassungslosem Grauen über Karl Heidemanns Taten, stillem Staunen über die andere, gefühlvolle Seite des Progagonisten und genießerischem Auskosten des wunderbaren Schreibstils.


1 Kommentar:

  1. Das klingt sehr spannend und lesenswert. Es hebt sich etwas von der Masse der zeitgenössichen Bücher ab, ich bemängle ja manchmal, dass viele Bücher nach dem gleichen Schema "gestrickt" sind.

    LG

    AntwortenLöschen