Freitag, 17. März 2017

Unsere Hälfte des Himmels - Clarissa Linden



Die Rahmenhandlung dieses Romans spielt im Jahr 1971. Lieselottes Leben gleicht einem alten, abgetragenen Kleidungsstück. Es ist langweilig und farblos geworden. Mit ihrem Ehemann hat sie eigentlich nichts gemeinsam. Sie und Eduard leben mehr oder weniger desinteressiert nebeneinander her. Manchmal fragt sich Lieselotte, wie es so kommen konnte und ob sie ihren Mann eigentlich einmal wirklich geliebt hat. Immer häufiger hört oder liest sie, dass andere Frauen für ihre Rechte auf die Straße gehen und demonstrieren. Sie selbst hat nicht den Mut dazu.
Als Lieselotte einen Anruf erhält, dass ihre Mutter einen schweren Unfall hatte und im Koma liegt, ist sie völlig aufgelöst und fährt am nächsten Tag mit der Bahn nach Frankfurt. Ihr Mann bleibt in Kassel zurück. Ihm scheint die ganze Angelegenheit gleichgültig zu sein.
In Frankfurt wohnt Lieselotte in der Wohnung ihrer Mutter Amelie. Dabei lernt sie sehr bald die Nachbarin kennen, Marga, eine junge Stundentin, die mit ihrem Kater „Cat Balou“ gleich nebenan wohnt und mit der sich Lieselotte schnell anfreundet. Bei Marga findet sie Verständnis, und sie hofft, von ihr mehr über Amelie zu erfahren. Das Verhältnis zwischen Mutter und Tochter war immer distanziert, und für Lieselotte ist es kaum vorstellbar, dass die stets so starke Amelie nun hilflos und ohne Bewusstsein im Krankenhaus liegt. Als Lieselotte ein altes Foto entdeckt, hofft sie, mehr über die Vergangenheit und über das Schicksal ihres Vaters zu erfahren, worüber ihre Mutter nie gesprochen hat. Ihre Recherchen, die sie mit Margas Hilfe unternimmt, führen sie 36 Jahre zurück, und die Erkenntnisse, die sie über diese Zeit gewinnt, versetzen sie in Erstaunen. Nie hätte sie hinter Amelies kühler Art diese Lebensfreude und Leidenschaft zur Fliegerei erwartet, von der sie nun erfährt.
In diesen Rückblicken ins Jahr 1935 lernt man eine völlig andere Amelie kennen, eine junge Frau mit Träumen und Lebensplänen. Sie und ihre beste Freundin Hanni möchten Pilotinnen werden, was zur damaligen Zeit, unter dem Naziregime, nicht gerade einfach zu erreichen war. Aber die Freundinnen haben feste Vorsätze, die sie sich von niemandem zerstören lassen wollen. Als Amelie sich in Hannas Fluglehrer verliebt, gerät die Freundschaft der beiden jungen Frauen in eine Krise, die alle Beteiligten auf eine Tragödie zusteuern lässt.

In die Rahmengeschichte, die in den frühen 70er Jahren spielt, konnte ich geistig sofort eintauchen. Die Atmosphäre und den Zeitgeist von damals hat die Autorin wunderbar treffend dargestellt. Ich selbst habe das Jahr 1971 als Teenager erlebt und mich beim Lesen direkt wieder in diese Zeit zurück versetzt gefühlt, so gut und farbig ist sie beschrieben. An die erwähnten Musikstücke habe ich noch lebhafte Erinnerungen, und auch die Themen rund um die Frauenbewegung haben mich damals bereits beschäftigt. Wie stark beschränkt die Rechte einer Ehefrau damals noch waren, das wusste ich jedoch bisher nicht und habe es erst jetzt durch diesen Roman erfahren. Lieselottes Wandlung im Verlauf der Geschichte hat mir sehr gefallen, denn die Protagonistin steht für viele Frauen ihrer Zeit. Es musste erst einiges geschehen, sie aus ihrem Alltagstrott zu reißen und wachzurütteln.

Richtig dramatisch wird es jedoch in der Vergangenheit. Hier hat die Autorin einige äußerst brisante Themen verarbeitet. Die Fliegerei in der Geschichte ist ein faszinierendes Thema, das hier im Roman vielschichtig und mit all seinen Problemen dargestellt ist. Weibliche Berufsflieger entsprachen so gar nicht dem nationalsozialistischen Idealen, sondern wurden wohl eher als Exoten angesehen. Das Regime sah für Frauen eher ein gemütliches Heim, Mann und Kinder vor.
So gesehen kann ich mir schon vorstellen, dass Hanna den Weg zu ihrem Lebenstraum nicht in dieser Männerdomäne alleine gehen wollte. Erschütternd ist jedoch die Art und Weise ihres Vorgehens und die Erkenntnis, wie schnell freundschaftliche Verbundenheit und Zuneigung in besitzergreifende Eifersucht und sogar in Hass umschlagen kann.
Eigentlich nicht neu für mich, aber doch immer wieder bestürzend ist die Tatsache, wie wenig die Menschen zur Hitlerzeit über ihr eigenes Leben bestimmen konnten, wie stark sie unter Beobachtung standen, nicht nur Angehörige von „Randgruppen“ der Gesellschaft, sondern ganz normale Bürger. Es war eine Zeit, in der es schon gefährlich war, jemanden zu kennen, der dem Regime ein Dorn im Auge war, in dem schon ein einziges Wort todbringend sein konnte.

Dies ist ein vielschichtiger Roman, denn er beleuchtet nicht nur zwei interessante Zeitabschnitte des 20. Jahrhunderts, sondern greift viele besondere Themen auf. Hier erfährt man über ein schwieriges Mutter-Tochter-Verhältnis, das von der Vergangenheit belastet ist, und man erlebt eine junge Frau, die hin und her gerissen ist, zwischen der besten Freundin, ihrem Zukunftstraum und der Liebe ihres Lebens und wie sie an dieser Zerrissenheit fast zerbricht.

Somit bietet dieser Roman nicht nur beste, hochwertige Unterhaltung, sondern daneben auch viel Gesprächsstoff und Themen, über die man noch lange nachdenkt. Da es bei beiden Handlungssträngen sehr stark um die Frauenbewegung geht, denn auch die mutigen Fliegerinnen aus den 20er und 30er Jahren sind bereits Vorreiter der Emanzipation gewesen, passt dieses Buch für mich besonders gut in den März, den Monat, in dem auch alljährlich der Weltfrauentag begangen wird.  

👍👍👍👍👍


Donnerstag, 16. März 2017

Neuzugänge in der ersten Märzhälfte


Wie gewohnt zeige ich euch zur Monatsmitte schon mal die Bücher, die bisher im März neu bei mir eingezogen sind.
Die oberen drei Bücher sind Rezensionsexemplare, mit denen ich gerechnet habe. Wie könnte es auch anders sein, sind es drei historische Romane. "Die Liebe in diesen Zeiten" spielt während des zweiten Weltkriegs in England. "Der grüne Palast" entführt den Leser nach Wien, zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Soviel ich bisher weiß, ist der Roman weitgehend in Brief-Form geschrieben. Ich bin gespannt. Bei "Weiße Rosen und die Titanic" ist eigentlich schon vom Titel her einigermaßen klar, worum es geht. 😉 
Die beiden Bücher unten links und in der Mitte habe ich vom Verlag überraschend zugesandt bekommen und kann noch gar nichts weiter dazu sagen. Es wird auch eine Weile dauern, bis ich dazu komme, die Bücher zu lesen, denn die angekündigten Rezensionsexemplare haben nun mal Vorrang. "Assassino" habe ich als Überraschungsbuch über die Facebook-Gruppe erhalten. 
Das war's auch schon für heute. Ich gehe dann mal wieder lesen. 😉

Mittwoch, 8. März 2017

Die Irak-Mission - Carola Wegerle


Klappentext:
Dieser spannende Roman führt Sie mitten in den Nahen Osten:
Im Nordirak explodiert ein Militärflugzeug und stürzt brennend in ein kurdisches Waisenlager. Hunderte Kinder sind schwer verletzt. Ibrahim, der einzige Arzt vor Ort, ist mit den vielen Verletzten hoffnungslos überfordert. Er bittet die junge Chirurgin Claire, ihm zu helfen. Obwohl sie das Trauma ihres ersten Auslandseinsatzes in einem Krisengebiet noch nicht verarbeitet hat, lässt sie sich darauf ein. Dabei gerät die Ärztin zwischen die Fronten eines politischen Ränkespiels.

Mein Eindruck:
Der Roman ist im Präsens geschrieben, und diese Schreibweise bringt mir eine Geschichte immer besonders nahe. Bildhaft und sehr authentisch schildert die Autorin die Ereignisse im Nordirak, wohin die Chirurgin Claire dem Hilferuf eines alten Freundes folgt. Als sie nach Ibrahims Anruf aufbricht, um ihn in Kirkuk bei der Versorgung der vielen verletzten Kinder zu unterstützen, weiß sie noch nicht, auf was sie sich da einlässt, denn ihre Mission ist einerseits wichtig, aber auch sehr gefährlich.
Drei Frauen begleiten sie, um mit ihr zu arbeiten. Doch bereits auf dem Weg nach Kirkuk ergeben sich ungeahnte Hindernisse und Gefahren.
Zur gleichen Zeit ist auch ein Mitarbeiter des BND unterwegs in den Irak. Robert hat eine besondere Mission zu erfüllen und spielt eine wichtige Rolle im Roman.
Und da ist dann noch Gulala, die ebenfalls einige Zeit in Deutschland lebte und seit dieser Zeit mit Ibrahim befreundet ist. Gulala ist eine sympathische, intelligente Frau, aber seit ihrer Heirat lebt sie weitgehend isoliert. Rizgar, ihr Mann, ist nicht an ihrer Meinung interessiert und sieht ihren Platz einzig und allein im Haus. So ist sie in erster Linie für ihre Söhne da und schreibt heimlich brisante Berichte, die jedoch nicht zur Veröffentlichung kommen, da im Nordirak ein absoluter Funkstopp herrscht, denn der Flugzeugabsturz soll unter allen Umständen vertuscht werden.

Die Autorin hat einen sehr fesselnden, eindringlichen Schreibstil. Kirkuk ist in der Handlung ein Brennpunkt, wo viele verschiedene Interessen aufeinanderprallen. Die Protagonisten arbeiten unter Lebensgefahr, sitzen quasi ständig wie auf einem Pulverfass, das jeden Moment explodieren kann. Dass sie trotzdem tun, was getan werden muss, setzt ungeheuer viel Mut und Idealismus voraus. Sehr plastisch wird die Lage beschrieben, indem man Einblick in die Gedanken- und Gefühlswelt der verschiedenen Charaktere erhält. Die Geschichte ist so packend dargestellt, dass sie mich bis in meine Träume verfolgte.
Sie bietet jede Menge Stoff zum Nachdenken. Man erfährt hier eine Welt der Männer, die getrieben sind von Ehre, Rache und Machthunger und dies alles mit Brutalität und Waffengewalt erzwingen wollen. Obwohl Frauen in diesem Gefüge nach außen hin wenig zu sagen haben, liegt doch bei ihnen, in ihrem Wunsch nach Frieden, die wahre Stärke, eine große, unerschütterliche Kraft, die alles vorantreibt und tatsächlich etwas bewirkt.

Diese weibliche Urkraft, die Carola Wegerle in ihrem Roman sehr deutlich zum Ausdruck bringt, ist für mich die schlüssige und wichtige Aussage der Geschichte. Aus diesem Grund ist meines Erachtens heute, am internationalen Frauentag, der perfekte Zeitpunkt, meine Rezension zu veröffentlichen.

👍👍👍👍👍