Sonntag, 22. Mai 2016

Weil wir zusammengehören - Anouska Knight


Gerade haben Amy und James die freudige Nachricht erhalten, dass sie ein Baby adoptieren können, als Amy ihren Lebensgefährten bei einem Seitensprung ertappt. Von einem Moment auf den anderen wird ihr Traum von einer kleinen Familie zerstört. Wütend und enttäuscht trennt sie sich von James.
Bei einem Arbeitsprojekt lernt sie Rohan kennen, einen Kunden der Firma, für die sie tätig ist. Der attraktive, abenteuerliche und auch ein wenig geheimnisvolle Mann löst widersprüchliche Gefühle in ihr aus.
Während sich Amy in die Arbeit kniet, um ihre Enttäuschung über James' Fehltritt zu überwinden, kommt dieser zu ihr und gesteht ihr, dass er sie immer noch liebt. Er bittet sie, ihm seinen Fehler zu vergeben. Wie soll sie sich entscheiden?

Was Amy hier erlebt, stelle ich mir wahnsinnig schwer vor. Da ist sie kurz davor, sich ihren sehnlichsten Wunsch von einer eigenen Familie, von einem Baby zu erfüllen, als ihre Träume wie Seifenblasen zerplatzen. So enttäuscht sie auch ist, nach all der Mühe und Sorge nun auf diese Weise zu scheitern, sie kann trotzdem nicht so tun, als wäre nichts gewesen. Es geht um viel mehr als nur um einen unbedachten Seitensprung. Amy muss erkennen, dass in ihrer Beziehung schon länger nicht mehr alles perfekt war.
Um sich von ihren Problemen abzulenken, stürzt sie sich in die Arbeit. Es wartet ein interessantes Projekt auf sie. Nur mit dem Auftraggeber hat sie so ihre Schwierigkeiten. Von der ersten Begegnung an mit Rohan kommt es zu Missverständnissen. Sie wird nicht schlau aus dem attraktiven und waghalsigen Mann, der anscheinend vor keiner Gefahr zurückscheut.
Mit viel Einfühlungsvermögen beschreibt die Autorin hier zwei Menschen, die von ihrem Wesen her grundverschieden sind, sich aber doch in gewisser Weise zueinander hingezogen fühlen. Probleme ergeben sich, weil beide einen Schutzpanzer um ihre verletzte Seele aufgebaut haben und sich nach außen hin anders geben, als sie in Wirklichkeit sind. Erst langsam, nachdem sie mehr voneinander erfahren, beginnen sie, Verständnis für den jeweils Anderen zu empfinden und sich näher zu kommen. Aber sie scheitern immer wieder daran, dass sie so grundverschiedene Vorstellungen vom Leben und von der Zukunft haben. Es gibt wenig Hoffnung, einen gemeinsamen Nenner zu finden, und da gibt es ja auch noch eine wichtige Frau in Rohans Leben, die Amy nicht so einfach ignorieren kann.

Mir hat dieses Buch sehr gefallen, es hat mich gefesselt und mitgerissen. Ich konnte mich sehr gut und intensiv in Amy hinein versetzen, und obwohl Rohan zuerst ziemlich viel unternimmt, um unsympathisch zu erscheinen, ich möchte ihn trotzdem von Anfang an und ganz unabhängig davon, wie die Geschichte für ihn und Amy ausgeht. Der Roman hat noch einige interessante und sympathische Charaktere zu bieten. Da ist einmal Phil, Amys beste Freundin, und sie ist ein Mensch, den man nur allzu gerne als Freundin hätte. Auch Carter, ein guter Freund von Rohan, ist auf seine Weise liebenswert und sicher einen zweiten Blick wert. Und dann ist da auch noch Lily, ein ganz bezauberndes kleines Mädchen, das mein Herz (und nicht nur meines!) im Sturm erobert hat.
Anouska Knight hat einen tollen Schreibstil. Sie erzählt die Geschichte sehr sensibel und mit vielen Zwischentönen. Da ist nicht alles schwarz und weiß, sondern alle Charaktere haben viele Schattierungen, und ihre Entwicklung ist schön und glaubhaft dargestellt. Dazwischen wird es auch schon mal romantisch, aber stets ohne kitschig zu wirken.
Es ist ein Buch, das man am liebsten immer weiter lesen würde, und man möchte sich von den liebenswerten Figuren gar nicht mehr trennen. Auch die Kulisse, in der sich die Handlung weitgehend abspielt, hat ein ganz besonderes Flair, das mich fasziniert hat und das die Autorin sehr detailliert und bildhaft beschreibt.
Den Namen Anouska Knight werde ich mir merken, denn dieser Roman schreit förmlich nach mehr in seiner Art! Da mich dieses Buch begeistern konnte, habe ich mir auch gleich den Debütroman der Autorin besorgt, und ich hoffe, dass mich „Am Horizont ein Morgen“ ebenfalls nicht enttäuschen wird. Von der Covergestaltung passen beide Bücher sehr gut zusammen. Das Design, das ein wenig an einen Scherenschnitt erinnert, gefällt mir gut, und es ist auch sehr stimmig. Ich bin schon sehr gespannt auf weitere Werke der Autorin.




Samstag, 21. Mai 2016

Sturm im Paradies - Elisabeth Büchle


Die 26-jährige Sanitäterin Rebecca arbeitet bei der Luftrettung. Während der Weihnachtstage 2003 bargen sie und ihr Team einen schwer verletzten US-Amerikaner, der auf einer verschneiten Bergstraße im Schwarzwald einen schlimmen Autounfall hatte.
Nach seiner Genesung bedankt sich der reiche Marty bei seinen Rettern auf ganz eigene Weise und lädt sie zu seiner Hochzeit ein, die ungefähr ein Jahr später in Thailand stattfinden soll. Nach reiflichen Überlegungen sagt Rebecca zu. Sie verbindet die Reise gleich mit einem längeren, wohlverdienten Urlaub und fliegt bereits zwei Wochen vor der Feier nach Khao Lak. In einem wunderschönen Strandhotel trifft sie auch Lukas wieder, einen guten Freund von Marty, der ebenfalls zur Hochzeit eingeladen ist. Über den gemeinsamen Freund hatten sie sich bereits in Deutschland kennengelernt, und nun, während ihres Urlaubs, verbringen sie mehr Zeit miteinander. Dabei entdecken beide ihre Sympathie füreinander. In der paradiesischen Umgebung Thailands entwickelt sich eine zarte Romanze zwischen Lukas und Rebecca.
Bis hierher meint man, einfach eine gut geschriebene und wundervolle Liebesgeschichte zu lesen. Zwar lernt Rebecca auch Malee kennen, eine sympathische junge Thai, deren Cousine verschwunden ist. Rebecca hilft ihr bei der Suche nach Alaya und wird dabei mit einem ganz anderen Gesicht Thailands konfrontiert, denn in diesem wunderschönen Land blüht der Sextourismus, und viele junge einheimische Mädchen sehen ihre einzige Chance darin, als Prostituierte zu arbeiten.

Wovon in Khao Lak noch niemand etwas ahnt, das erfährt der Leser schon nach und nach zwischen den Kapiteln, denn dort werden in kurzen, sachlichen Abschnitten die Vorboten,  geographische Veränderungen in Form von schweren Seebeben, erwähnt, und einen Tag nach der Hochzeit ereignet sich die Tragödie. An diesem 26. Dezember 2004 bricht die größte Naturkatastrophe aller Zeiten über die Küste Thailands herein und verwandelt das malerische Paradies in eine todbringende Hölle. Von einem Moment auf den anderen ist nichts mehr wie es war. Die bis dahin so fröhlichen, glücklichen und sympathischen Protagonisten geraten in eine verhängnisvolle Lage. Sie verlieren sich aus den Augen, und jeder muss für sich mit dieser dramatischen Situation fertig werden, ohne zu wissen, wie es den Freunden oder der Familie geht. Ab dem Zeitpunkt, als der furchtbare Tsunami über Khao Lak hereinbricht, ändert sich alles.
Für die Autorin war es eine Gratwanderung, aber sicher auch eine große Herausforderung, diesen Roman zu schreiben, denn es ist wahrlich nicht einfach, über derart tragische Ereignisse zu berichten. Das Bedrückende daran ist ja, dass die Charaktere zwar fiktiv sind, die Kulisse und das Geschehen jedoch der Wirklichkeit entsprechen und diese Tragödie wirklich passiert ist. Am Bild ihrer Protagonisten zeigt Elisabeth Büchle Beispiele auf, die für viele wahre Schicksale stehen. Es ist bedrückend, wie authentisch sie alles beschreibt, und doch erscheint in all dem Elend auch so manches Licht, denn es entwickelt sich eine große Hilfsbereitschaft zwischen den Betroffenen. Menschen, die sich bisher nicht kannten, übernehmen plötzlich die Verantwortung füreinander. Viele wachsen in ihrem Einsatz für andere über sich hinaus und gehen hart an ihre Grenzen.
Es ist eine Geschichte, die zeigt, wie nahe Glück und Leid beieinander liegen, wie sich das Schicksal von einem Moment auf den anderen wenden kann, zum Guten wie zum Schlechten.
Dieser Roman ist bewegend, erschütternd und mitreißend. Ich muss gestehen, dass ich mir mit Rebeccas und Lukas' Geschichte eine ganze Nacht um die Ohren geschlagen habe und das Buch erst aus der Hand legen konnte, als ich bei der letzten Seite angelangt war. Es ist der Wahnsinn, wie viele unterschiedliche Emotionen man hier zwischen zwei Buchdeckeln findet und wie es einen mitnimmt, zumindest mir ist es so ergangen.
Die Geschichte ist so eindringlich, vielschichtig und auch realistisch, dass ich sie sicher so schnell nicht vergesse.


Samstag, 14. Mai 2016

Das stille Gift - Nicola Förg

Es gibt wieder einen neuen Fall für die Ermittlerinnen Irmi Mangold und Kathi Reindl.
Eines Tages stürzt ein völlig aufgebrachter Tourist in Irmis Büro. Er verströmt einen Geruch wie ein ganzes Güllefass und gibt zu Protokoll, dass er von einem ungehobelten Landwirt mit Gülle besprüht wurde, auf einem Wanderweg, wo Miller schon in all den Jahren, seit er in Garmisch Urlaub macht, mit seiner Frau spazieren gegangen sei. Irmi sieht diesen Vorfall zuerst nicht in ihrem Zuständigkeitsbereich, bis Miller angibt, dass ihm bei der Gülle-Attacke auch ein Metallteil um die Ohren geflogen sei. Der Tourist sieht dies als tätlichen Angriff. Eine Untersuchung ergibt, dass es sich bei dem Metallstück um die künstliche Hüfte eines Landwirts handelt, der einige Jahre zuvor spurlos verschwunden war. Kilian Schwaiger und seine Familie ereilte damals ein schweres Los. Zuerst kam Schwaigers behinderter kleiner Sohn ums Leben, dann stand seine Existenz auf dem Spiel, weil seine Kühe nach und nach an einer seltsamen und rätselhaften Krankheit zugrunde gingen. Schwaiger war sich sicher, dass sein verendetes Vieh Opfer der „Agrarmafia“ geworden war. Seine Kühe starben an Botulismus, ausgelöst durch kontaminiertes Futter. Die Zuständigen verneinten einen Zusammenhang und warfen Schwaiger unsauberes Arbeiten auf seinem Hof vor. Kilian Schwaiger sagte der Agrarwirtschaft mit ihren dunklen Machenschaften den Kampf an. Er besuchte Demonstationen, trat aber quasi gegen Windmühlenflügel an und zog letztendlich den Kürzeren bzw. er verschwand spurlos. War er einigen der „Großen“ im Weg, wurde er gar umgebracht? Der Tatsachenbestand lässt diesen Schluss zu, und schon ist Schwaiger sehr wohl ein Fall für die Mordkommission.

Irmi und Kathi ermitteln wieder in gewohnt forscher Weise. So verschieden wie die beiden Frauen sind, so unterschiedlich gehen sie auch an den neuen Fall heran, jede auf ihre persönliche Art, und sie ergänzen sich dabei perfekt. Was sie da aufdecken, sieht ganz nach einem Giftskandal aus. Es geht in diesem Krimi nicht nur um einen Mordfall, sondern man lernt ganz nebenbei so einiges dazu. Da liest man über Botulismus, über das Unkrautvernichtungsmittel Glyphosat, über Biogasanlagen und andere umweltrelevante Probleme. Die Autorin hat wieder sehr gründlich recherchiert, und man spürt hinter jedem Wort Nicola Förgs kritischen Einsatz für die Umwelt. So ist dies ein Alpen-Krimi ganz besonderer Art, denn mit „gemütlichen“ Regionalkrimis kann man ihn wahrlich nicht vergleichen. Zwar lernt man durch Irmis Augen auch diesmal wieder die guten Seiten ihrer Heimat kennen, aber die Schönheit von Natur und Landschaft wird überschattet von den Problemen und Schäden, die durch Raubbau in der Landwirtschaft an Pflanzen, Tieren und damit auch an Menschen entstehen.
Das stille Gift“ ist ungemein fesselnd geschrieben, und die persönlichen Belange der Protagonisten bringen auch immer ein wenig frischen Wind und Aufmunterung in die Geschichte, beispielsweise wenn über Kathis Sorgen mit ihrer halbwüchsigen Tochter berichtet wird. Aber da gibt es auch sehr nachdenkliche Passagen, wenn beispielsweise Irmi, die selbst aus einer Bauernfamilie stammt und ihrem Bruder auf dem Hof hilft, über Sinn und Unsinn der Milchkuhhaltung nachdenkt.
Es ist nicht nur eine spannende Kriminalgeschichte, sondern zudem ein sehr kritisches Buch, dessen Anspruch weit darüber hinaus geht, die Leser nur gut zu unterhalten.
Wieso gebe ich nur vier Sterne? Insgesamt kann ich sagen, dass mir auch dieser Krimi wieder ausgesprochen gut gefallen hat. Aber es gibt einige Vorkommnisse in der Geschichte, die leider nicht zur Auflösung kommen, und das hat mich ein klein wenig enttäuscht, denn hier war ich gespannt, wie das alles ins Bild passen würde. Ich kann dazu nicht mehr ins Detail gehen, denn dann würde ich zu viel von der Handlung verraten.
Auf jeden Fall ist „Das stille Gift“ sehr lesenswert, ungemein fesselnd und dazu auch noch sehr lehrreich. So vieles, was hier beschrieben wird, trifft den Nagel auf den Kopf, ist aber viel zu wenig bekannt. Und wir sollten alle wissen, wie es um die Natur, die Umwelt und auch um unsere Nahrung bestellt ist!