Samstag, 30. März 2013

Das Turmzimmer - Leonora Christina Skov

Kurzbeschreibung aus dem Buch:
Dänemark, Anfang des 20. Jahrhunderts. An einem kalten Novembertag kehrt Nella als einzige Erbin in das Haus ihrer Familie zurück. Als junges Mädchen lebte sie dort zurückgezogen mit ihrer Mutter, der Autorin Antonia von Liljenholm. Begleitet wird Nella von ihrer Freundin Agnes, mit der sie gemeinsam das einst so prachtvolle Anwesen erkundet. Unter den knarrenden Dielenböden entdecken sie die Tagebücher der verstorbenen Verwalterin von Liljenholm und erkennen nach und nach, welche erschreckenden Geheimnisse das dunkle Haus jahrzehntelang verbarg. Doch die Geheimnisse lauern nicht nur in der Vergangenheit. Denn auch Agnes verschweigt ihrer Freundin etwas …

Meine Meinung:
Die Ich-Erzählerin Agnes Kruse hat eine besondere Art, ihre Leser zu fesseln, indem sie sie persönlich anspricht und ins Vertrauen zieht. Das schafft eine gewisse Nähe, da man unwillkürlich das Gefühl hat, in ein Geheimnis eingeweiht zu werden, was ja in gewisser Weise auch der Fall ist, da man einiges schon vor Agnes’ Freundin Nella erfährt. Trotzdem habe ich mir anfangs schwer getan, die verschiedenen Charaktere einzuschätzen. Erst als ich mehr über Agnes’ Vergangenheit und ihr Leben erfahren habe, konnte ich sie besser verstehen und mich dann auch auf die manchmal etwas verwirrende Handlung einlassen. Als verwirrend bezeichne ich sie, weil Agnes in ihren Ausführungen ziemlich sprunghaft ist. Der Schreibstil ist so außergewöhnlich wie die Erzählerin selbst. Agnes setzt einzelne Fragmente Stück für Stück zusammen, macht dabei häufig Gedankensprünge und ergeht sich in Andeutungen, die sie dann erst zu einem anderen Zeitpunkt ausführt. Sie beginnt oft, von einem Ereignis zu erzählen, bricht aber dann ab und kommt erst viel später wieder darauf zurück. Dazu kommt, dass sich der Roman in drei verschiedenen Zeiten bewegt: Es gibt einen Epilog von 1973, 1941 entdecken Agnes und Nella die Tagebücher der Haushälterin auf Liljenholm, und die Rückblicke dazwischen erzählen die Ereignisse von 1936. Das alles zusammen war auch der hauptsächliche Grund, dass ich ziemlich lange gebraucht habe, einerseits beim Lesen und auch, mich mit der Geschichte anzufreunden.
Für mich war der Aufbau des Romans gewöhnungsbedürftig, denn ich neige dazu, kurz angerissene Szenen schnell wieder zu vergessen, wenn sie so haltlos im Raum stehen und ich sie nicht einordnen kann. Viel später, wenn die Ich-Erzählerin erneut auf eine bereits erwähnte Episode zu sprechen kam, musste ich häufig wieder zurückblättern und noch einmal nachlesen, um die Zusammenhänge zu erkennen.
Aber das Durchhalten hat sich gelohnt, denn ab der Hälfte konnte ich mich der Faszination der Geschichte nicht mehr entziehen.  „Das Turmzimmer“ entwickelte eine gewisse Eigendynamik und wurde für mich zum Pageturner.
Die düsteren, unheimlichen Schilderungen nehmen einen gefangen. Agnes schreibt oft mit trockenem Humor, trotz aller Schrecken, mit welchen die beiden Frauen auf Liljenholm konfrontiert werden. Das lässt so manche Szene skurril wirken. Die Dinge entwickeln sich unglaublich und katastrophal. Oft kann man nicht sagen, was wirklich geschah und was nur Schein ist, so surreal ist das Geschilderte. Der Fortgang der Geschichte war für mich absolut nicht vorhersehbar.
Die letzten beiden Kapitel sind aus Nellas Sicht geschildert, weil Agnes zu diesem Zeitpunkt nicht fähig war, zu schreiben. Wieso, das werde ich natürlich hier nicht verraten.
Ich weiß jetzt schon, dass es nicht beim einmaligen Lesen bleiben wird, denn ich denke, in diesem Buch gibt es noch jede Menge zu entdecken, was man auf den ersten Blick gar nicht wahrnimmt. Auch sieht man die Geschichte beim zweiten Durchgang mit ganz anderen Augen, da man vieles bereits weiß. So kann man sich auf ganz andere Details konzentrieren, die man beim ersten Lesen übersehen hat.


Herzlichen Dank an den btb-Verlag, für die Überlassung des Rezensionsexemplars.




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