Donnerstag, 31. März 2016

Denn Liebe ist stärker als Hass - Shlomo Graber



„Sei stark mein Junge und lass keinen Hass in dein Herz … Liebe ist stärker als Hass, mein Sohn … vergiss das nie!“
Dies sind die letzten Worte einer Mutter an ihren geliebten Sohn, kurz bevor sie im Lager Auschwitz für immer getrennt werden. Shlomo Graber, der in diesem Buch die Geschichte seines Lebens erzählt, hat sich die Worte für immer eingeprägt, zu seinem Lebensmotto gemacht und stets beherzigt, egal was passierte.
Obwohl fast seine ganze Familie im Holocaust umkam und obwohl er in drei verschiedenen Konzentrationslagern gefangen war und Schreckliches erdulden musste, ist er heute ohne Hass.
Es ist erschütternd und berührend, den Bericht eines der letzten Zeitzeugen zu lesen.
Shlomo Graber erzählt von der zermürbenden, qualvollen Zeit der Gefangenschaft. Er stellt sich immer wieder Fragen ob der Sinnlosigkeit des ganzen. Der Größenwahn eines kleinen Mannes mit einem ausgeprägten Minderwertigkeitskomplex hielt jahrelang die ganze Welt in Atem und kostete unfassbar viele Menschen das Leben.
Aber dieses Buch konzentriert sich nicht nur auf die Schreckenszeit während des zweiten Weltkriegs, sondern der Autor erzählt auch von seiner Kindheit und seiner Entwicklung zum jungen Mann. Als er deportiert wurde, endete seine Jugend auf brutale Weise.
Shlomo Graber betont, dass er in seinem Bericht eigentlich nur an der Oberfläche kratzt. Um den Leser zu schonen, verzichtet er darauf, die Schreckenszeit im Konzentrationslager allzu detailliert zu schildern. Das Ausmaß der Brutalität, mit der damals gegen die Inhaftierten vorgegangen wurde, ist gar nicht vorstellbar. Wie schon so oft habe ich mich auch während der Lektüre des Buches wieder gefragt, wie es überhaupt so weit kommen konnte. Wie konnte ein kranker Geist, der sich „Führer“ nannte, es erreichen, dass ihn so viele unterstützten und ihm zujubelten? Wieso haben sich so viele bereit gefunden, die blutige „Arbeit“ in den Konzentrationslagern auszuführen? Es gibt so vieles, was ich nicht begreife, weil es sich für mich jeglicher Vernunft und Menschlichkeit entzieht.

Das Buch endet nicht mit dem zweiten Weltkrieg und der Befreiung der Überlebenden. Shlomo Graber berichtet, wie es für ihn und die Welt weiterging. In die Freude, endlich wieder frei zu sein und das Grauen überstanden zu haben, in die Hoffnung, doch noch Verwandte oder Freunde zu finden, die ebenfalls überlebt haben, mischte sich auch immer wieder die Trauer um diejenigen, die er verloren hat. Mit Mut, Tatkraft und Optimismus hat er sich ein neues Leben aufgebaut. Dass er sich seinen feinen Humor und unerschütterlichen Lebensmut bewahrt hat, dass er keinen Hass empfindet, sondern immer die Liebe im Herzen trug, macht Shlomo Graber zu einem ganz besonderen Menschen. Er hat sein Glück gefunden und lebt mittlerweile ein zufriedenes, erfülltes Leben in Basel. Er arbeitet als Kunstmaler und hält daneben auch heute noch Vorträge an Schulen und in Gemeinden, um besonders jungen Menschen Werte wie Toleranz, Achtung und Menschlichkeit zu vermitteln. Seine Bilder drücken so viel Lebensfreude und Kraft aus, dass man nur staunen kann. Mit der Lebensweisheit seiner fast 90 Jahre blickt er ohne Bitterkeit zurück, und er hat am Ende auch noch so manchen kritischen Rat für die Menschheit, denn auch heute, in unserer modernen, aufgeklärten Zeit, gibt es noch Strömungen und Bewegungen, die sich von Hass und Vorurteilen leiten lassen, auch im 21. Jahrhundert ist die Welt noch lange nicht frei von Not, Fanatismus und Ungerechtigkeit.
Gerade heutzutage, wo man fast täglich über Aktionen von Fremdenhass liest oder hört, ist dieses Buch aktueller und wichtiger denn je. Ich kann es nur jedem ans Herz legen!

Samstag, 26. März 2016

1000 Peitschenhiebe - Raif Badawi / Constantin Schreiber (Hrsg)


Raif Badawi ist ein saudi-arabischer Blogger, der im Internet seine Meinung zu Politik, Religion, Gleichberechtigung und Freiheit äußerte. Weil er seine liberale Einstellung öffentlich kundtat, wurde er mit zehn Jahren Haft, einer saftigen Geldstrafe und 1000 Peitschenhieben bestraft.
Dieses kleine Buch enthält vierzehn seiner Texte, die er zwischen 2010 und 2012 auf seinem Blog veröffentlicht hatte. Er sitzt immer noch im Gefängnis, und fünfzig Peitschenschläge musste er bereits erdulden. Es ist erschütternd, wenn man seine Ausführungen liest und weiß, dass er für diese Worte seine Freiheit eingebüßt hat. Er setzt sich für Liberalismus,Toleranz, Pluralität, Meinungsfreiheit und Menschenrechte ein. Sein Motto ist "Leben und leben lassen". Die Streitschrift wurde vom Ullstein Verlag herausgegeben. Es ist ein Non-Profit-Projekt zu Gunsten des Autors. Da es sich hier um ein Buch handelt, das die Meinung eines Menschen wiedergibt, der sagt was er denkt, um jeden Preis, würde ich es als Anmaßung empfinden, die Texte mit Sternen zu beurteilen, denn dazu fehlt mir auch das nötige Hintergrundwissen. Wenn überhaupt, dann kann ich sowieso nur fünf Sterne vergeben, weil er mir mit dem, was er hier ausführt, aus dem Herzen spricht. Ich muss gestehen, dass ich nicht alle Zusammenhänge hundertprozentig verstehe, dazu fehlt mir schlichtweg das Hintergrundwissen. Aber weitgehend kann man auch als Europäer verstehen und nachvollziehen, was Raif Badawi anspricht. 
Es ist eine wichtige Schrift, und auch wenn hier ein junger Mann für seine freie Meinungsäußerung so bitter bestraft wird und auch, wenn die aktuellen Terrormeldungen eine andere Sprache sprechen, so birgt das Buch auch ein Quäntchen Hoffnung, denn es zeigt, dass es in jedem Land, egal wie brutal und diktatorisch sein Regime ist, immer auch Menschen gibt, die liberal denken und sich für ein friedliches Miteinander und für die Menschenrechte einsetzen.
Diesen Menschen gilt meine ganze Hochachtung, und ich möchte mit dem Kauf und der Vorstellung dieses Buches meinen persönlichen, wenn auch winzigen Teil dazu beitragen, etwas zu ändern, denn hier fällt mir ein Zitat von Stefan Zweig ein: "Viele kleine Leute an vielen kleinen Orten, die viele kleine Schritte tun, können das Gesicht der Welt verändern."


Freitag, 18. März 2016

Das glücklichste Jahr - Petra Oelker

Das Leben der Eva Lessing




Dies ist kein Roman, sondern hier nimmt Petra Oelker ihre Leser mit auf eine Zeitreise ins 18. Jahrhundert. Wir wandeln auf den Spuren von Eva Lessing, im März 1736 als Eva Catharina Hahn in Heidelberg geboren. Zwölf Jahre war sie mit dem Hamburger Kaufmann Engelbert König verheiratet. Gotthold Ephraim Lessing war dem Ehepaar König freundschaftlich verbunden, und als Engelbert im Jahr 1768 starb, kümmerte sich Lessing um die Witwe, wie er es dem Freund versprochen hatte.

Schon bald merkt man, dass seine Zuneigung für Eva tiefer geht. Gotthold Ephraim Lessing hatte sich in die junge Witwe verliebt. Dieses Gefühl war ganz sicher nicht einseitig, und 1771 verlobten sich die Beiden. Aber es sollte noch acht Jahre dauern, bis sie endgültig ein Paar wurden, denn es warteten anderweitige Verpflichtungen auf sie. Während Lessing in Wolfenbüttel die Stelle als Bibliothekar in der Herzog-August-Bibliothek antrat, musste sich Eva erst einmal um den Nachlass ihres verstorbenen Mannes kümmern und reiste für längere Zeit nach Wien, um die König'schen Fabriken weiterzuführen und später zu veräußern. Dies alles nahm mehr Zeit in Anspruch als sie anfangs vermutete.

Erst im Oktober 1776 heirateten sie und zogen nach Wolfenbüttel. Leider war dem Ehepaar Lessing nur ein kurzes gemeinsames Glück beschieden, denn schon im Januar 1776 starb Eva, wenige Tage nach ihrem neu geborenen Sohn Traugott, am Kindbettfieber. Der frühe Tod seiner großen Liebe und seines einzigen, neu geborenen Kindes war ein Schicksalsschlag, von dem sich Lessing wohl nie ganz erholte. Er selbst starb nur drei Jahre später.

In feinfühliger und sehr sympathischer Weise spürt die Autorin den damaligen Ereignissen und Gegebenheiten nach und fügt sie zu einem stimmigen Bild zusammen. Anhand ihrer lebendigen Schilderungen kann man sich bestens in die Geschichte hinein versetzen, denn sie stellt diesen Zeitabschnitt, das soziale, gesellschaftliche, kulturelle und auch wirtschaftliche Leben, mit all seinen Facetten, sehr bildhaft und ausführlich dar, so dass sich der damalige Zeitgeist (wir befinden uns in der Epoche der Aufklärung) sehr deutlich nachempfinden lässt. Vieles von damals lässt sich anhand von schriftlichen Überlieferungen nachvollziehen, anderes ist ungewiss. Die Autorin hat ein sehr feines Gespür für Stimmungen und Situationen. Eva Lessings Lebensweg ist liebevoll und sehr gründlich recherchiert und dargelegt. Die Lücken zwischen den bekannten Fakten füllt Petra Oelker mit realistischen und sehr pragmatisch angestellten Vermutungen. Anhand der Tatsachen stellt sie sich die Fragen, wie könnte es wirklich gewesen sein, wie hätten die Betroffenen in bestimmten Fällen reagiert. Als Quelle für Informationen standen unter anderem hier besonders die so genannten „Brautbriefe“ zur Verfügung. Dieser rege Schriftwechsel zwischen Eva und Lessing gibt sehr persönliche und authentische Einblicke in das Denken und Fühlen dieses außergewöhnlichen Liebespaars.

Bisher kannte ich nur die Romane der Autorin, habe aber nun entdeckt, dass sich Petra Oelker daneben auch gerne außergewöhnlichen Frauenschicksalen widmet und diese nachzeichnet. „Das glücklichste Jahr“ hat mich sehr berührt und beeindruckt, denn das Buch zeigt, dass die faszinierendsten und berührendsten Geschichten doch das Leben selbst schreibt.



Mittwoch, 16. März 2016

Meine Neuzugänge der ersten März-Hälfte

In der ersten Hälfte des Monats März 2016 sind wieder ein paar Neuzugänge bei mir eingetrudelt.


Die drei Krimis hinten in der Mitte sind Rezensionsexemplare, ebenso "Frühlingsnächte". Da ich den ersten Band noch nicht gelesen habe und die Rose-Harbor-Reihe gerne von Anfang an verfolgen möchte, habe ich mir  "Winterglück" bestellt und werde demnächst damit beginnen. 
In der hinteren Reihe links steht ein kleines Geschenkbändchen aus dem Diogenes-Verlag. "Der schönste Ort der Welt" ist natürlich eine Buchhandlung, wie könnte es auch anders sein. Ich habe das Büchlein in unserem öffentlichen Bücherschrank gefunden, und es musste unbedingt mit, ebenso "Die Stimme der Violine" von Andrea Camilleri. Die beiden Bücher in der vorderen Reihe links "Siesta für die Seele" und "Winter in Maine" habe ich ertauscht.

Und dann hat mich Anfang dieser Woche noch Überraschungspost erreicht:


Carolyn Lucas hat passend zu ihren bisher erschienenen Engel-Romanen "Verrat der Engel" und "Vermächtnis der Engel" nun ein wunderschönes Notizbuch und passende Lesezeichen herausgebracht. Ich finde beides sehr gelungen und habe mich riesig gefreut, als ich das Päckchen in meinem Postkasten fand.
Ihr kennt die beiden Romane noch nicht? Ich kann sie euch empfehlen, wenn ihr gerne Urban Fantasy lest und neben guter Unterhaltung auch gerne ein wenig in das Reich der Legenden einsteigen möchtet. 
Für weitere Informationen verlinke ich euch hier meine Rezensionen dazu:
Vermächtnis der Engel
Verrat der Engel
Ich könnte mir übrigens gut vorstellen, dass es vielleicht irgendwann noch einen dritten Band dazu geben wird.

Donnerstag, 10. März 2016

Der Königsfluch - Pilippa Gregory


Über 42 Jahre begleitet man die Ich-Erzählerin Margaret Pole durch ein bedeutendes Stück englischer Geschichte. Margaret ist eine geborene Plantagenet, aber seit die Tudors England regieren, vermeidet sie jeden Hinweis auf ihre Herkunft, denn ihr Name könnte sie in Lebensgefahr bringen, da auch in ihren Adern königliches Blut fließt. Die Handlung beginnt im Jahre 1499, zur Regierungszeit von Henry VII. Dieser tut alles, um eventuelle Ansprüche auf seinen Thron auszuschalten. Dadurch hat Margaret schon ihren Vater und ihren Bruder auf tragische und schmerzliche Weise verloren, und doch steht sie loyal zum Königshaus. Sie kennt und betreut die Prinzen Arthur und Henry bereits in ihrer Kindheit. Sie wird zur besten Vertrauten und Freundin der spanischen Prinzessin Katharina von Aragón und folgt ihr als Hofdame, als sie mit Henry VIII. die Ehe eingeht. Aus Margarets Sicht erlebt man die Hoffnungen und Niederlagen der jungen Königin mit, deren wichtigste Aufgabe es ist, einen Thronfolger zur Welt zu bringen. Aber alle männlichen Nachkommen des Königs sterben, und Henry wird mit der Zeit immer unzufriedener und wendet sich von Katharina ab. Die Geschichte, wie sich Henry VIII. mehrfach neu vermählt und immer wieder Gründe findet, sich von seinen Ehefrauen zu trennen, ist wohl zur Genüge bekannt. Neu und interessant war für mich ein Blick auf die Vorgeschichte, auf die Jugendjahre dieses Königs, der später zum launischen Tyrannen wurde, dessen Entscheidungen und Urteile oft willkürlich ausfielen. Die Entwicklung dorthin ist sehr plastisch und ausführlich dargestellt.

Aus Margaret Poles Sicht wird das Leben am englischen Königshof sehr lebendig geschildert. Der Roman ist im Präsens, in der 1. Person, geschrieben, was einem die Ereignisse besonders nahe bringt.
Das Außergewöhnliche an diesem Roman ist für mich, dass er keine fiktive Handlung hat, und auch die Protagonisten hat es alle wirklich gegeben, zumindest alle wichtigen Charaktere. Durch die vielen kurzen Kapitel liest er sich wie ein Tagebuch, und auch wenn man natürlich nicht wissen kann, wie es sich damals genau zugetragen hat, so bewegt sich die Handlung doch sehr nahe am der Realität.
Margaret Pole weilte nicht ständig am Königshof. Da gab es auch ihre Familie und die eigenen Landgüter, um die sie sich kümmern musste. Als sie Witwe wird, beginnt ein langer und mühsamer Existenzkampf für sie und ihre Kinder. Aber ihre Loyalität gegenüber dem englischen Thron behielt sie durchgehend bei, und immer wieder wird sie als Ratgeberin und Unterstützung an den Hof geholt. So kümmert sie sich auch liebevoll um die Erziehung von Prinzessin Mary.
Ich fand es sehr aufschlussreich, die Geschichte von Heinrich VIII. einmal aus einer anderen Warte zu sehen und zugleich einen ausführlichen Blick auf die Lebensweise des englischen Adels werfen zu können, denn die Autorin spart nicht an Details, was das Leben und Schicksal und auch den Alltag ihrer Protagonistin betrifft. Philippa Gregory hat meine absolute Hochachtung, wenn man bedenkt, welch umfangreiche und ausführliche Recherche sie zu diesem Roman leisten musste. Man erhält einen kleinen Eindruck von den Ausmaßen, wenn man sich das Literaturverzeichnis im Anhang ansieht, denn das ist sage und schreibe acht Seiten lang! Eigentlich ist „Roman“ der falsche Ausdruck, sondern man könnte sagen, im „Königsfluch“ wurden historische Tatsachen sehr gründlich und detailreich aufbereitet und neu erzählt.
Beim Lesen historischer Romane suche ich immer gerne nach Sekundärliteratur, für noch ausführlichere Informationen und um die Geschichte aus mehreren Blickwinkeln betrachten zu können. Alles, was ich begleitend zum „Königsfluch“ gelesen habe, führte mich immer sehr präzise zu Philippa Gregorys Handlung hin, was zeigt, dass sich die Autorin sehr nahe an die Tatsachen hält. Ich habe durch dieses Buch einiges gelernt und so viel Neues über die englische Geschichte im 16. Jahrhundert erfahren, dass mich die Fülle an Informationen fast überwältigt hat. Für mich war dies kein Buch, das ich in einem Rutsch durchschmökern konnte, sondern ich habe es eher in Etappen gelesen und das Erfahrene immer wieder zwischendurch sacken lassen. Auch wird man mit sehr vielen Personen und Beziehungen konfrontiert, die sich glücklicherweise anhand zweier Stammbäume im Buch gut nachvollziehen lassen.
„Der Königsfluch“ ergänzt als sechster Band die Rosenkrieg-Reihe. Für mich war dies das erste Buch der Autorin, aber ich kann auf jeden Fall sagen, dabei wird es sicher nicht bleiben. Wer sich für Englands frühere Geschichte interessiert, der kommt an Philippa Gregorys Büchern einfach nicht vorbei.