Sonntag, 1. Mai 2011

Wer die Nachtigall stört - Harper Lee



Die Icherzählerin Jean Louise Fink, genannt Scout, lebt mit ihrem Vater, dem Anwalt Atticus Fink und ihrem Bruder Jem in einer kleinen Stadt in Alabama. Die beiden Kinder verleben eine unbeschwerte Zeit und begehen allerhand Streiche, die sich zum Teil auch gegen den
rätselhaften Nachbarn Arthur Boo Radley richten. Die Geschwister haben den Mann noch nie gesehen, da er sehr zurückgezogen in seinem stillen Haus lebt. Um ihn ranken sich verschiedene Gerüchte. Diese ganze Situation ist Scout und Jem nicht so recht geheuer, und sie malen sich in ihrer Fantasie alle möglichen und unmöglichen Geschichten aus. Es geschehen immer wieder Dinge, welche sich die Kinder nicht erklären können, die aber anscheinend mit dem Haus der Radleys und seinem mysteriösen Bewohner zusammenhängen.

Scouts harmonische, geborgene Kinderwelt wird jäh gestört, als ihr Vater als Pflichtverteidiger für Tom Robinson eingesetzt wird. Der farbige Baumwollpflücker soll angeblich eine weiße Frau vergewaltigt haben. Obwohl objektiv betrachtet schnell klar wird, dass Tom die Tat gar nicht begangen haben kann, sind nur wenige Menschen von seiner Unschuld überzeugt. In den 30er Jahren hatte ein Farbiger in den Südstaaten einen schweren, fast hoffnungslosen Stand, denn hinter der Fassade einer beschaulichen Kleinstadtidylle lauern Vorurteile und Rassenhass. Scout und ihr Bruder bekommen das ganze Ausmaß dieses Dramas hautnah mit. Die Engstirnigkeit, welche sie hier bei ihren nächsten Nachbarn erleben, können sie nicht begreifen, denn Intoleranz hat in ihrer kindlichen Vorstellung keinen Platz. Nun müssen sie erfahren, dass selbst ihr gerechter und vorurteilsloser Vater nur wenig ausrichten kann, obwohl er alles tut, um seinen Mandanten Tom vor der Verurteilung zu bewahren. Und der Hass des Vaters der angeblich vergewaltigten jungen Frau wendet sich am Ende auch gegen die gesamte Familie Fink.

Die Gedanken und Handlungen eines kleinen Mädchens im Angesicht von Rassenhass und Gewalt sind berührend und gehen unter die Haut. Da ist einerseits ihre kindlich heile Welt, voller Abenteuer und Geheimnisse, die Scout mit dem Bruder teilt, aber es gibt auch die Kehrseite, denn durch den Beruf und das Engagement ihres Vaters werden die Kinder bald mit der bitteren Realität konfrontiert. Sie müssen erleben, dass nicht alle Nachbarn nett und harmlos sind. Vieles ist nicht so, wie es auf den ersten Blick erscheint. „Wer die Nachtigall stört“ ist ein Plädoyer gegen Rassenhass und Vorurteile. Durch den flüssigen und ansprechenden Schreibstil liest sich der Roman leicht, obwohl der Inhalt sehr tiefgründig ist. Es wird nichts beschönigt, die Autorin hält der Gesellschaft einen klaren Spiegel vor. Zu Unrecht ist dieses Buch ein wenig in Vergessenheit geraten. Meiner Meinung nach gehört es bereits zu den Klassikern, und die Aussagen der Geschichte sind nach wie vor aktuell, denn das Thema „Rassenhass“ gab es zu jeder Zeit und gibt es leider auch heute noch.

Ich habe eine alte Ausgabe im Nachlass meines Vaters gefunden, und eine Leserunde bei Büchereule.de gab den Ausschlag für mich, die Geschichte nun endlich zu lesen. Ganz sicher werde ich es mir, mit etwas zeitlichem Abstand, erneut vornehmen, denn vieles, was zu Beginn beschrieben wird, kann man besser verstehen, wenn man das Ende kennt. In diesem Sinn ist es gut, bei dem Roman zum „Wiederholungstäter“ zu werden.
Ich kann für dieses Buch eine vorbehaltlose, absolute Empfehlung aussprechen.

Dienstag, 26. April 2011

Das Evangelium nach Pilatus / Eric-Emanuel Schmitt


Dieses Hörbuch habe ich ganz bewusst für die Passionszeit und die Ostertage gewählt, da mich das Thema alljährlich in dieser Zeit besonders bewegt. Burghart Klaußner liest diese Erzählung sehr ernst und eindrucksvoll.

Sie teilt sich in zwei große Abschnitte auf.

Im ersten Teil hält der Ich-Erzähler Jeshua (Jesus) Rückblick auf sein Leben. Es ist die Nacht auf dem Ölberg, vor der Kreuzigung, und er erinnert sich an seine Kindheit und wie alles begann. Die Gedanken des zum Tode Verurteilten sind sehr persönlich und berührend. Sie zeigen Jeshuas menschliche Seite und die innere Zerrissenheit, die Zweifel, ob er alles richtig gemacht hat und auch seine Ängste.
Interessant ist die Theorie, dass es Jeshua lange nicht bewusst war, Gottes Sohn zu sein, sondern dass er sich selbst am Anfang als ganz normalen Menschen gesehen hat. Die Erkenntnis der Göttlichkeit stellte sich erst nach und nach ein und bestätigte sich durch mehrere einschneidende Erlebnisse. Was wir über die damaligen Ereignisse wissen, kennen wir größtenteils aus dem Neuen Testament. Hier erscheint nun vieles plötzlich in einem ganz neuen Licht, wie beispielsweise Judas’ Verrat und die Rolle des Pilatus.

Der zweite Teil besteht ausschließlich aus mehreren Schreiben des Statthalters Pilatus an seinen Bruder Titus nach Rom. Pilatus, allgemein bekannt als der Mann, der Jesus verurteilte und seine Hände in Unschuld wusch, schüttet dem geliebten Bruder in diesen Briefen sein Herz aus. Er berichtet von seinen Problemen und Gedanken im Zusammenhang mit der verschwundenen Leiche des gekreuzigten Jeshua. Er muss Nachforschungen anstellen, und die ganze Sache bekommt mehr und mehr den Anstrich eines Kriminalfalls. Pilatus hört von Jeshuas Auferstehung und wird mit verschiedenen Augenzeugen konfrontiert, versucht aber, die Angelegenheit rational und mit Vernunft anzugehen. Seine verzweifelten Bemühungen, diesen Fall ordentlich zu lösen, haben fast etwas Rührendes. Bei aller Skepsis gibt es da auch noch seine Ehefrau Claudia, die selbst zur Christin wird und deren Meinung er sehr schätzt.

Ohne die eigentliche Botschaft zu zerstören, vermittelt diese Version der Geschehnisse ganz andere Erkenntnisse. Vieles wird völlig neu betrachtet und hinterfragt. Altbekanntes, was man gewohnheitsmäßig als gegeben hinnimmt, erscheint plötzlich in einem anderen Licht, zum Teil auch logischer, da hier die jeweiligen Beweggründe angesprochen werden, was in den bekannten Evangelien für mein Empfinden manchmal zu kurz kommt. Mit Abstand zum vertrauten Wortlaut der Bibelgeschichten kann man neues Verständnis entwickeln. Ob gläubiger Christ, Skeptiker oder Agnostiker, fast jeder hat sich schon mit diesem Thema beschäftigt und sich seine eigenen Gedanken dazu gemacht. Wie es damals wirklich war, können wir nur erahnen. Die überlieferten Schriften haben nicht für alles eine Antwort parat, und heute sind wir teilweise auf Vermutungen und Theorien angewiesen. Glauben muss Fragen zulassen, und mit einer gewissen Offenheit findet man in Schmitts Fiktion auf jeden Fall neue, oft schlüssige Denkanstöße.

Freitag, 22. April 2011

Die Rose von Salerno - Dagmar Trodler


Ima von Lindisfarne ist mit einer Pilgergruppe unterwegs nach Santiago, um am Grab des Heiligen Jakob für ihren ertrunkenen Verlobten zu beten. Als dessen Bruder Aidan die Gruppe in Frankreich verlässt und sich dem verwegenen Ritter Gérard anschließt, folgt ihnen Ima nach Salerno, denn sie hat ein Versprechen gegeben, Aidan wieder gesund nach Hause zurück zu bringen. Zu ihrer eigenen Sicherheit schließt sie sich einer Gruppe von Gauklern an. In Italien tritt Gérard in die Dienste des Herzogs Robert Guiscard, um mit einem großen Heer gegen Rom zu ziehen und den Papst zu befreien. (Im Klappentext und verschiedenen Beschreibungen zum Roman ist von Papst Gregor XII die Rede. Dies scheint ein sich selbst vermehrender Druckfehler zu sein, denn eigentlich handelt es sich um Gregor VII, wie aus verschiedenen historischen Quellen ersichtlich ist und auch richtig in der Handlung erwähnt wird).

Mehrfach kreuzen sich die Wege von Ima und Gérard mit seinem Knappen Aidan, und die Begegnungen stehen nicht immer unter einem guten Stern. Trotz der ungehobelten Art des Ritters fühlt sich Ima stark zu ihm hingezogen. Beide müssen Schicksalsschläge hinnehmen und tragische Erlebnisse überstehen, aber ein gemeinsames Glück ist ihnen nicht vergönnt, denn zu groß sind die Standesunterschiede.

Es ist für mich gar nicht so einfach, in Worte zu fassen, was mir an den Romanen von Dagmar Trodler so besonders gefällt. Sie sind sehr verschieden, und doch ist jeder auf seine eigene Weise ganz besonders reizvoll.

Die gefühlvollen Verse von Hafis am Beginn eines jeden Kapitels sind eine wunderbare Einstimmung.

Die Autorin schildert ihre Charaktere so detailliert, dass man das Gefühl hat, sie leibhaftig vor sich zu sehen. Ihre poetischen, bildhaften Vergleiche wirken sehr lebensnah und haben doch auch etwas Mystisches. Besonders Ima mit ihren sechs Fingern an jeder Hand ist eine ganz außergewöhnliche Frau. Sie hat heilende Fähigkeiten, und ich habe den Eindruck, dass sie immer ein wenig von einer geheimnisvollen Aura umgeben ist. Gérard wird sehr ursprünglich dargestellt. Er ist ein richtiger Haudegen, aber in Imas Gegenwart wirkt er verletzlich und feinfühlig. Die beiden würden perfekt zusammenpassen, wären da nicht die großen Unterschiede in der Abstammung, die zwischen ihnen stehen.
In der historischen Kulisse Italiens haben die Protagonisten ihren Platz gefunden. Sie treffen Personen, die im elften Jahrhundert real existiert haben, sie leben, lieben und leiden, und alles ist so treffend beschrieben, als wäre es wirklich geschehen.

Eine Anmerkung möchte ich noch machen. Leider verraten diverse Kurzbeschreibungen, Kritiken und auch der Klappentext schon sehr viel von der Handlung und sind nicht als Spoiler gekennzeichnet. Das finde ich schade, denn es mindert das Lesevergnügen ungemein. Mein Rat ist daher, lieber gleich das Buch zu lesen und erst anschließend auf die Suche nach weiterführenden Informationen zu gehen.


Samstag, 16. April 2011

Sommerroulette - Liz Ambros



Klappentext:
Hitzesommer 2003.Konzernchef Lothar Schumacher, Big Lo nennen ihn Angestellte und Kontrahenten ehrfürchtig, hat sein Ziel erreicht und feiert in Allgäumühle sein fünfundzwanzigjähriges Firmenjubiläum. Sein Unternehmen steht auf sicheren Beinen und trotzt seiner zweiten Leidenschaft. Bis jetzt! Die Götzen Macht, Geld und Gier haben ihn verändert. Lothar will mehr und riskiert viel. Zu viel?

Für Tina wird die Gala zur Nagelprobe. Sie hat seit Monaten nur einen Gedanken, sich zurückzuholen, was ihr und ihrem Mann Ralf gehört und den Verantwortlichen für ihr Familiendrama zur Rechenschaft zu ziehen. Wird es ihr gelingen?

Christa bereut keinen Tag ihres alten Lebens. Jetzt ist sie auf dem Sprung in ein neues. Zweifel peinigt sie. Verdient nicht jeder eine zweite Chance? Warum soll sie zur Wiederholungstäterin in der Kategorie Verzeihen und Vergessen werden?

Plötzlich entdeckt Tinas Freundin Anni auf dem Firmenfest die Person, die sie seit Monaten belästigt. Tina verlässt um Mitternacht die Party, entschlossen den Schleier der Täuschung zu zerreißen und die Wahrheit zu entblößen. Sie folgt Annis dubiosen Schattenmann und wird von einem folgenschweren Unwetter überrascht.

Es ist, wie es ist und nichts bleibt, wie es war.

Sommerroulette ist ein erregender Gegenwartsroman über Liebe, Freundschaft, Macht, Enttäuschung und Eifersucht. Konfliktgeladen und mit viel Gefühl bewegen sich die Charaktere in ihrem Kampf um persönliches Glück aufeinander zu. Sie haben einen Traum: Neuanfang auf La Gomera. Für wen wird er sich erfüllen?

Meine Meinung:
Der Leser begleitet mehrere Personen durch einen ereignisreichen und sehr turbulenten Sommer. Zum Teil gibt es von Anfang an Verbindungen zwischen den Protagonisten, andere Handlungsstränge laufen erst locker nebeneinander her, um sich nach und nach miteinander zu verknüpfen.
Es gibt immer wieder rasante Szenenwechsel. Fast jeder neue Abschnitt wendet sich einem anderen der Charaktere zu, so dass man immer wieder genau gucken muss, wo und bei wem man sich lesetechnisch gerade befindet.

Der Schreibstil ist außergewöhnlich. Die Autorin wartet mit einer Vielfalt an phantasievollen Wortschöpfungen auf. Bei manchen Sätzen ist sie dabei ein wenig über das Ziel hinausgeschossen, denn die ungewohnte Ausdrucksweise ist nicht gerade alltagstauglich und erschwert das flüssige Lesen. Nach der ersten Verblüffung musste ich jedoch über so manchen ungewöhnlichen Begriff schmunzeln.

Jeder der verschiedenen Charaktere hat ein ganzes Bündel an Problemen zu bewältigen. Trotz abwechslungsreicher Beschreibungen fand ich zu den einzelnen Personen keinen rechten Zugang, was sicher mit daran lag, dass man sich so häufig auf immer neue Situationen einstellen muss. Ein weiterer Grund dafür ist sicher die zum Teil fehlende Interpunktion, besonders bei den Dialogen. Man tut sich manchmal schwer, zu erkennen, wer denn nun gerade spricht.

Ich musste mich durchwegs sehr konzentrieren, um den vielen Handlungssprüngen folgen zu können, was sicher auch teilweise daran lag, dass eben die Ausdrucksweise nicht die meine war. Die Art, wie sich am Ende alle Handlungsfäden finden, war mir dann wiederum zu glatt.

Da „Sommerroulette“ über Books on Demand erschienen ist, war vermutlich kein Lektor verfügbar, der die Autorin mit Rat und Tat vor der Veröffentlichung unterstützt hätte. Auch bei der Korrektur vor dem Druck war sie wohl ziemlich auf sich allein gestellt.

Auf diese Weise einen Roman zu veröffentlichen, ist ein mutiger Schritt und ganz sicher nicht einfach. Dies alles muss man berücksichtigen, und ich habe Verständnis dafür, wenn unter den gegebenen Voraussetzungen dieses Debüt nicht perfekt ist.

Mein Dank für die Zusendung des Rezensionsexemplars geht an Liz Ambros.

Da ich nicht alle meine gelesenen Bücher behalten kann, möchte ich mein Lese-Exemplar weitergeben. Wer von meinen Blogbesucher(inne)n sich einen eigenen Eindruck von dem Roman verschaffen möchte, kann hier bis morgen Abend, 21 Uhr einen Kommentar hinterlassen. Bei mehreren Interessenten entscheidet das Los.

Nachtrag am 17. April, 21 Uhr:

Das Buch ist noch zu haben. Übers Wochenende hat wohl das schöne Wetter gelockt, daher verlängere ich das Angebot. Der erste Kommentar hier im Post erhält das Leseexemplar.


Freitag, 15. April 2011

Die Liebenden von San Marco - Charlotte Thomas

Anfang des 16. Jahrhunderts wütet die Pest in Venedig. Auch die schöne Cintia, Tochter eines wohlhabenden Seidenhändlers, erkrankt und wird nach dem Tod ihrer Eltern auf eine Seucheninsel für ansteckend Kranke gebracht. Niccolo, dem Bruder ihres eigentlichen Verlobten, hat sie es zu verdanken, dass sie die Pest überlebt. Nach überstandener Krankheit sucht Cintia zusammen mit ihrer Cousine Zuflucht im Haus ihrer Tante, die ein Bordell in Venedig betreibt. Cintias Verlobter ist aus Venedig geflohen, und um habgierige Verwandte daran zu hindern, die Vormundschaft über sie und ihr Vermögen zu erlangen, geht sie eine Zweckheirat mit dem Schiffsbauer Paolo und Stiefsohn ihrer Tante ein. Aus der anfänglichen Vernunftehe entwickelt sich bald echte Zuneigung zwischen Cintia und Paolo. Aber das junge Paar kommt nicht zur Ruhe, und bald ist Cintia wieder alleine auf sich gestellt und muss sich gegen Neid und Missgunst wehren.

Nachdem mir „Die Lagune des Löwen“ nicht ganz so gut gefallen hat wie der erste historische Roman der Autorin, hat mich dieses Hörbuch wieder völlig in seinen Bann gezogen. Venedigs Geschichte wird lebendig, mit all den Katastrophen und politischen Ereignissen des beginnenden 16. Jahrhunderts. Mittendrin schlagen sich sympathische und weniger nette Protagonisten durchs Leben. Die Charaktere sind vielschichtig. Es gibt nicht einfach Schwarz und Weiß, sondern ganz viele Nuancen dazwischen. Interessant finde ich, dass man sehr viel über die Beweggründe der verschiedenen Romanfiguren erfährt und so deren Handlungen meist gut nachvollziehen kann.

Anne Moll spricht dieses Hörbuch in gewohnt angenehmer Weise. Ihr gelingt es, Stimmungen einzufangen und zu vermitteln, Spannung aufzubauen, den Protagonisten ein Gesicht zu geben und ihren jeweiligen Charakter hervorzuheben.