Samstag, 4. Juni 2011

Abyssinia: Mein Jahr in Äthiopien - Carola Frentzen



"Abyssinia" ist ein Erfahrungsbericht der Journalistin Carola Frentzen. Die Autorin hat ihr komfortables Leben in Rom hinter sich gelassen, um für ein Jahr nach Äthiopien zu ziehen und dort, gemeinsam mit ihrem Lebensgefährten, ein Hilfsprojekt aufzubauen. Während ihrer Zeit am Horn von Afrika hat sie Tagebuch geführt. Mit ihren Lesern teilt sie nun ihre Eindrücke und Gefühle. Sie schildert das Land und die Menschen aus einem völlig neuen Blickwinkel.

Allgemein ist Äthiopien als eines der ärmsten Länder bekannt, sonst weiß man nicht viel darüber. Dieses Buch ermöglicht einen Blick hinter die Kulissen. Mit der Zeit beginnt man, das Land und seine Einwohner mit der besonderen Mentalität durch die Augen der Autorin zu sehen. Man spürt hinter jedem Satz ihre Hingabe und Liebe zu diesem Teil Afrikas. Sie hat sich Äthiopien mit Herz und Seele verschrieben.

Die angenehme Schreibweise macht es leicht, sich in die verschiedenen Situationen hinein zu versetzen und Äthiopien von einer ganz anderen Seite kennen zu lernen. Vieles, was man über die Medien oder auch als Tourist in Erfahrung bringen kann, ist unvollkommen oder weit entfernt von der Realität. Neben bitterster Armut gibt es auch unermesslichen Reichtum, und die Autorin macht deutlich, dass die Spenden der Hilfsorganisationen nicht immer dort landen, wo sie dringend gebraucht werden. Auch den Menschen, die aktiv helfen möchten, wird es oft nicht gerade leicht gemacht.

Sie berichtet einerseits über das große Elend, über Korruption und auch über grausame Bräuche und Verstümmelungen, die bei einigen Völkern noch an der Tagesordnung und auch mit vernünftigen Argumenten nur schwer auszurotten sind. Andererseits zeigt sie uns den Zauber und die Faszination, die dieses Land auf jeden ausübt, der sich wirklich darauf einlässt. Für sie ist dieser Teil von Afrika eine Art Heimat geworden, und sie hat viele Menschen dort lieb gewonnen.

Zum Teil gibt das Buch sehr private Einblicke in das Leben der Autorin, denn ihr langjähriger Lebensgefährte, der selbst Halb-Äthiopier ist und das Hilfsprojekt mit ihr gemeinsam geplant hat, trennt sich von ihr. Der private Kummer macht ihre Situation nicht gerade einfach, und ihre Pläne drohen zu scheitern, aber letztendlich wächst sie an dieser privaten Krise und kann im Verlauf des Jahres sehr viel Positives schaffen.

"Abyssinia“ ist die beeindruckende Geschichte einer starken Frau, die uns zeigt, dass man auch mit kleinen Schritten viel bewirken kann, es ist eine einzige große Liebeserklärung an dieses Land und seine Menschen. Die intensiven Schilderungen haben mich sehr berührt und beschäftigen mich noch nachhaltig. Sie machen es möglich, wenigstens ansatzweise zu verstehen, was Frau Frentzen an diesem Land so liebt. Es ist ein Buch, das man von Zeit zu Zeit immer wieder zur Hand nehmen wird, um die Bilder zu betrachten oder ausgewählte Passagen, vielleicht sogar die ganze Geschichte, erneut zu lesen und die Gedanken in die Ferne schweifen zu lassen, in ein Land, welches das große Geheimnis von den Ursprüngen der Menschheit in sich birgt.

Vielen Dank für die Überlassung des Rezensionsexemplars an den Blanvalet-Verlag.

Dienstag, 31. Mai 2011

Bloggeraktion: Die neuen Lieblingsbücher der Deutschen


Liebe Leser,
wie schon angekündigt startet morgen, am 01.06.2011, die Aktion "Blogger suchen die neuen 100 Lieblingsbücher der Deutschen". Ich freue mich sehr auf Eure persönlichen Lieblinge. So könnt Ihr mitmachen:
1. Schickt mir zwischen dem 01.06. und 01.08. 2011 eine Liste mit Euren 15 Lieblingsbüchern (Mail an klusi56@googlemail.com).
2. Vermerkt auf der Liste Euren Namen, Wohnort und Euer Alter.
3. Bücher aus Serien zählen einzeln, Ihr solltet also nicht schreiben "Biss-Trilogie", sondern Euch z.B. für "Biss zum Morgengrauen" entscheiden.
4. Die Reihenfolge der Bücher ist egal, nur die Anzahl der Nennungen auf allen Listen zählt.
5. Insgesamt nehmen 66 Blogs an der Aktion teil - reicht aber bitte Eure Liste nur bei einem dieser Blogs ein.
6. Gerne könnt Ihr im Freundes- und Familienkreis weitere Listen einsammeln und diese (wieder mit Namen, Wohnort und Alter) bei mir einreichen.
7. Auf meinem Blog findet Ihr regelmäßig Updates zur Aktion, genau wie bei ... (Herzbücher, Kielfeder und allen anderen teilnehmenden Blogs, die hier aufgeführt sind: Claudias Bücherregal ).


Montag, 30. Mai 2011

Die Vertraute - Eva Ibbotson


Wien vor hundert Jahren: Susanna Weber führt am beschaulichen Madensky-Platz einen Modesalon. Frau Susanna, wie sie von ihren Nachbarn und Kunden genannt wird, hat immer ein offenes Ohr für die Sorgen und Nöte der Menschen, die ihren Rat suchen. Sie hat das Herz auf dem rechten Fleck, und egal ob es um ein unglückliches Wunderkind geht, um einen Vater, der sich so sehr einen Sohn wünscht und mit sieben Töchtern gesegnet ist, ob für freiwillige oder unfreiwillige Vegetarier, für ihre revolutionäre Näherin oder einen Metzger auf Freiersfüßen, Susanna findet immer die passenden Worte des Trostes. Mit ihren lebensklugen Ratschlägen rettet sie so manche verfahrene Situation. Dabei verdrängt sie gerne ihre eigenen Sorgen, denn hinter der adretten und unbeschwerten Fassade hat auch Susanna ein paar Geheimnisse, die ihr von Zeit zu Zeit aufs Gemüt schlagen. Und dann wird die Idylle ganz plötzlich getrübt, und nicht nur Susannas Existenz ist in Gefahr, sondern der ganze Madensky-Platz mit allen Anwohnern ist bedroht, denn die Häuser dort sollen abgerissen werden…

Ein Jahr lang vertraut die sympathische Ich-Erzählerin ihrem Tagebuch alles an, was rund um den Madensky-Platz geschieht und was sie mit ihren Nachbarn, Kunden und Freunden erlebt. Man hat beim Lesen das Gefühl, als würde ein Hauch der damaligen Zeit herüberwehen. Leicht und beschwingt wirkt der Roman auf den ersten Blick, und der Wiener Charme wird spürbar. Mit Humor und Herzenswärme plaudert Susanna über ihren Alltag und über besondere Ereignisse. Die liebenswerte Art, wie sie Probleme anpackt, lässt einen schmunzeln. Doch sie Geschichte hat auch ernste Töne, die von Trauer, Angst und Enttäuschung berichten. „Die Vertraute“ ist ein wunderbarer Roman, der das Flair der guten alten Zeit perfekt herüberbringt, romantisch, einfühlsam und mit viel Zeitkolorit ausgeschmückt.

Samstag, 28. Mai 2011

Das Richterspiel - Sabine Kornbichler


Marlene Degner betreibt einen Dienstleistungsservice für Senioren. Sie begleitet ihre Kunden bei Arztbesuchen und erledigt kleinere Arbeiten und Besorgungen. Heidrun Momberg, ihre liebste Kundin, stürzt am letzten Tag des Jahres von einer Leiter und muss in die Klinik. In der Silvesternacht möchte die Ich-Erzählerin nach dem Kater der alten Dame sehen und findet in deren Haus eine tote junge Frau. Wie sich herausstellt, wurde sie umgebracht.
Als der erblindete und darum frühzeitig pensionierte, ehemalige Kommissar Arnold Claussen sie engagiert, um ihm bei seinen Recherchen das Augenlicht zu ersetzen, ist Marlene zuerst gar nicht begeistert und würde am liebsten ablehnen. Aber dann gewinnt der Drang die Oberhand, mehr über den schrecklichen Mord und die Zusammenhänge zu erfahren.

Von Anfang an war ich hin und her gerissen zwischen dem Wunsch, das Buch schnell durchzuschmökern, um bald zu erfahren, wie die Geschichte ausgeht und dem Bedürfnis, langsam und bewusst zu lesen, um den angenehmen und schönen Schreibstil möglichst lange und ausführlich genießen zu können.
Sabine Kornbichler schreibt so selbstverständlich und natürlich, dass man das Gefühl hat, der Handlungsablauf könnte durchaus auch in der eigenen Nachbarschaft geschehen. Die Protagonistin ist mir sehr sympathisch, und ich könnte mir die liebenswerte und mutige junge Frau gut als Freundin vorstellen. Ihre Beweggründe und Reaktionen waren für mich überzeugend und nachvollziehbar.
Ich fand es sehr interessant, Marlene und Claussen bei ihren Nachforschungen über die Schulter zu schauen. Auch die wechselhafte Gemütslage des blinden Ex-Kommissars kann man ermessen, wenn man sich in seine Situation versetzt, was mit Hilfe der feinfühligen Beschreibung seines Schicksals sehr gut gelingt.

Die Handlung fesselt, zieht den Leser mit und lässt ihn bis zum Ende nicht los. Es ist nicht nur ein spannender, raffiniert angelegter Kriminalroman, sondern wie man es von ihr kennt bringt die Autorin wieder ein heikles Thema ins Geschehen. Diesmal geht es um Kindesmisshandlung, sensibel und doch eindringlich zur Sprache gebracht. Der Leser wird animiert, sich mit diesem brisanten und erschreckend realistischen Fall auseinanderzusetzen. Da geht es nicht einfach um einen Mord und ein greifbares Motiv, sondern hier spielt menschliches Versagen und falsch verstandene Psychologie eine Rolle; uralte Wunden werden berührt.
„Das Richterspiel“ ist ein sehr gelungener Roman, mit komplexen Zusammenhängen, ausgefeilt und bis zuletzt nicht vorhersehbar.

Freitag, 27. Mai 2011

Süße kleine graue Maus - Sandra Brown


Die schöne Rana, ein sehr bekanntes und beliebtes Ex-Model, zieht sich aus der Öffentlichkeit zurück, um den Zwängen der Berühmtheit und der Bevormundung ihrer Mutter zu entgehen. Sie versteckt ihr attraktives Äußeres hinter unförmigen Kleidungsstücken und ihre exotischen Augen hinter einer getönten Brille. Als ein neuer Mieter in das Appartment gegenüber einzieht, reagiert Rana verwirrt. Der attraktive Trent Gamblin ist Footballspieler und übt eine ungeheure Wirkung auf die junge Frau aus. In seiner Gegenwart wird sie stetig hin und hergerissen zwischen Ablehnung und Faszination. Trent spürt bald, dass sich hinter Ranas unattraktiver Aufmachung eine ganz besondere Frau verbirgt.

Bei dem Roman handelt es sich um eine romantische Liebesgeschichte, die wie eine moderne Variante von Aschenputtel wirkt. Die Protagonisten sind recht einnehmend dargestellt, wenn sich auch die Handlung und die Beschreibung größtenteils auf Äußerlichkeiten reduziert. Nach anfänglichem Gezicke kommen sich Rana und Trent dann doch verhältnismäßig schnell näher. Dass Rana trotzdem ihre unscheinbare Fassade so lange aufrecht erhalten kann, erschien mir eher unrealistisch. Der Roman bietet eine süße Liebesgeschichte, die jedoch an Tiefe vermissen lässt. Mit gerade mal 190 Seiten ist das Buch nicht gerade ein Wälzer und das Lesevergnügen dementsprechend kurz. Für mich war es ein ganz netter, leicht zu lesender Zeitvertreib für zwischendurch, aber nicht mehr.