Dienstag, 11. August 2015

Ich warte auf dich, jeden Tag - Clarissa Linden


Im Nachlass ihres Großvaters findet die Amerikanerin Erin einen Brief aus Deutschland, geschrieben 1993. Auch ein Flugticket nach Deutschland liegt dabei. Obwohl ihr Großvater damals schon ein alter Mann war, handelt es sich eindeutig um einen Liebesbrief, jedoch nicht von ihrer Großmutter, sondern von einer Lily unterzeichnet. Der Brief endet mit den Worten: „Ich warte auf dich, jeden Tag“. Alexander Woodward, der ihr nie der Großvater war, den sie sich gewünscht hätte, den sie stets nur als kühl und unnahbar kennengelernt hatte, scheint in seiner Vergangenheit ein Geheimnis gehütet und die Liebe seines Lebens erfahren zu haben.
In ihrem eigenen Leben ist Erin gerade an einem Wendepunkt angekommen, denn ihre Ehe ist kaputt, und ihr Arbeitsplatz in einer schönen kleinen Buchhandlung hängt am seidenen Faden, da ihre Chefin und zugleich beste Freundin Charlotte in finanziellen Nöten steckt.
Nach langem Zögern und unter Charlottes Zuspruch entschließt sich Erin, dem Geheimnis ihres Großvaters auf die Spur zu kommen und sich auf die Suche nach der fremden Frau namens Lily zu machen. Sie reist nach Europa, in der Hoffnung, Spuren aus dem Leben ihres Großvaters und von Lily zu finden.
Ihre Suche beginnt in Barcelona, wo Erins erwachsener Sohn lebt und studiert. Sie führt nach Frankfurt und sogar bis Stockholm. Während ihrer Nachforschungen erfährt Erin, dass Lily damals, in den 30er Jahren, einer Widerstandsgruppe gegen die Nazis angehörte und dass auch ihr Großvater, durch seine Begegnung mit Lily, eine Verbindung mit dieser Gruppe hatte.

Betrachtet man das wunderschön gestaltete Cover und liest den Titel, erwartet man vermutlich einen sehr romantischen Roman. In gewisser Weise ist es das ja auch, denn die Geschichte erzählt von einer großen Liebe in den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts, in einer Zeit, als die Zeichen in Deutschland auf Sturm standen, als die Nationalsozialisten immer mehr Macht im Land bekamen. In zahlreichen Rückblicken erfährt man mehr über die Widerstandsbewegung und ihre Arbeit, über die politische Situation damals und darüber, wie es zu der Verbindung zwischen Lily und Alexander kam und wie sich alles entwickelte. So ist dieser Roman viel mehr als ein Liebesroman, er stellt vielmehr ein farbiges und plastisches Zeitzeugnis dar, denn auch wenn Alexanders und Lilys Geschichte fiktiv ist, so erzählt dieser Roman doch sehr viel Wahres und Brisantes aus der deutschen Geschichte.

Die Rolle der Vermittlerin zwischen Vergangenheit und Gegenwart übernimmt Erin. Sie ist Mitte Vierzig und erscheint gerade am Anfang des Romans als recht komplizierter Charakter. Sie leidet noch sehr unter der Trennung von ihrem Mann und macht sich das Leben selbst schwer, weil sie ihm immer noch hinterher trauert und ihn mit Telefonaten bedrängt. Sie demütigt sich selbst und badet in Selbstmitleid, ohne wirklich etwas mit ihrem Verhalten zu erreichen. Auch die Beziehung zu ihren Eltern, insbesondere zu ihrer Mutter, ist kompliziert. Man hat den Eindruck, sowohl Mutter als auch Tochter sind ständig in Habachtstellung und neigen dazu, in jedes Wort und jeden Blick der Anderen viel mehr Bedeutung hinein zu interpretieren als sie eigentlich hätten.
Erins Vertraute und Hilfe in Krisenzeiten ist Charlotte, ihre beste Freundin und Inhaberin des Buchladens „Books Charlotte loves“. Von Charlottes Optimismus und Stärke könnte sich Erin eine Scheibe abschneiden, denn obwohl ihr kleiner Laden Existenzprobleme hat, ist sie immer für Erin da und hat sich sogar etwas ganz Besonderes einfallen lassen. Jede Woche schreibt sie Erin einen Brief oder eine Mail, worin sie ihr ein Zitat aus einem Buch mitteilt. Erin soll das Buch, um das es geht, erkennen und lesen und herausfinden, was ihr der Inhalt über ihr eigenes Leben sagen soll oder wie sie ihrer Meinung nach für sich selbst einen Nutzen aus dem Gelesenen ziehen könnte.
Das ist das Besondere an diesem Buch, denn jedes Kapitel ist mit einem der Zitate aus Charlottes Büchern überschrieben, welches immer zum Inhalt passt. Das ist ein interessanter Ansatz, der mir sehr gefallen hat. Ich habe mich dabei an „alte Bekannte“ erinnert, die ich selbst schon vor längerer Zeit gelesen habe, auch waren Bücher dabei, die ich noch nicht kannte, wobei die entsprechenden Zitate wiederum mein Interesse geweckt haben. Charlottes Nachrichten mit einem neuen Buchvorschlag kommen zuverlässig und regelmäßig, auch während Erins gesamter Reise.
Mit Erins Augen erfährt man Neues und Altes über ihren Aufenthalt in Europa, dessen zentrales Ziel Frankfurt ist. Ihre Eindrücke, die sie in Deutschland macht, lassen sie nicht nur mehr über die Vergangenheit erfahren und unbekannte Seiten an ihrem Großvater zu entdecken, sondern sie helfen ihr auch, sich selbst auf Neues einzulassen und über ihren eigenen Schatten zu springen.
Der Roman hat kein Happy End im klassischen Sinn, denn das Schicksal zieht nicht immer gerade Bahnen, hier ebenso wenig wie im richtigen Leben. Aber es gibt einen sehr schönen Abschluss, der den Leser zufrieden zurücklässt. Man kann selbst weiterspinnen, was die Zukunft für Erin bringen mag. Auf jeden Fall ist sie nicht mehr so verkrampft und negativ eingestellt wie am Anfang ihrer Geschichte. Sie hat interessante Bekanntschaften geschlossen, viele wertvolle Erfahrungen gesammelt, und sie hat gelernt, das Beste aus ihrer Situation zu machen und dem Glück eine neue Chance zu geben.
Die Autorin, die durch Erzählungen ihrer Großmutter zu dieser Geschichte inspiriert wurde, hat hier unter neuem Pseudonym einen wundervollen Roman geschaffen, der mit interessanten, facettenreichen Charakteren aufwarten kann und in dem selbstverständlich auch wieder eine Katze eine wichtige Rolle spielt.
Im Anhang findet man Informationen zu all den genannten Büchern, aus denen die Zitate der einzelnen Kapitel stammen und kann auch einiges an wissenswerten historischen Fakten und Besonderheiten zur damaligen Zeit nachlesen.



Kommentare:

  1. Schön, dass dir das Buch auch so gut gefallen hat! Ich fands wunderbar, aber da ich nur wenige Bücher vorher "Die verbotene Zeit"gelesen habe, das über dieselbe Zeitepoche erzählt, waren die Themen sehr ähnlich und da hat mich eben "Die verbotene Zeit" mehr begeistert.
    Aber beides wunderbare Bücher, die ich nur empfehlen kann!
    Liebe Grüße
    Martina

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    1. So geht es einem ja manchmal, dass man zufällig mehrere Bücher mit einem ähnlichen Thema hintereinander liest und sich dann doch irgendwie für einen Favoriten entscheiden möchte. Ich habe "Die verbotene Zeit" bisher noch nicht gelesen, aber ganz dick auf meinem Wunschzettel stehen denn deine Rezension hat mich neugierig gemacht.
      Liebe Grüße
      Susanne

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