Montag, 2. April 2012

Die Heilerin von London - Charlotte Betts



Die Geschichte beginnt im Jahr 1665. Susannah Leyton lebt mit ihrem Vater in London. Die Mutter hat sie früh verloren, zum Vater hat sie ein sehr herzliches Verhältnis. Tagsüber hilft sie ihm in seiner Apotheke, und abends am Kamin führen sie angeregte Gespräche über Heilmittel oder Bücher, die sie sich gegenseitig vorlesen. Zwar werden in der Stadt vermehrt Pestfälle bekannt, auch in der Apotheke ist mehr zu tun, aber das Leben der Leytons läuft insgesamt recht beschaulich, bis der Apotheker beschließt, erneut zu heiraten. Seine Auserwählte, die junge Witwe Arabella, bringt drei kleine Kinder mit in die Ehe. Ihr Verhältnis zu Susannah ist von Anfang an distanziert. Die Stiefmutter sieht in ihr nur eine lästige Mitbewohnerin, die ihre Pläne und Interessen stört, und sie möchte die junge Frau schnellstmöglich aus dem Haus haben. Aus blinder Liebe zu seiner frisch gebackenen Ehefrau fügt sich der Vater schweren Herzens und willigt in Susannahs Heirat mit dem betuchten und attraktiven Kaufmann aus Barbados, Henry Savage, ein. Jedoch, die junge Ehe gestaltet sich nicht besonders glücklich, denn Henry ist kaum zu Hause. Er muss sich neue Geschäftsverbindungen in London aufbauen, wie er sagt. Susannahs einzige Abwechslung sind die Besuche von Henrys Cousin, dem Arzt William Ambrose. Mit ihm kann sie nach Herzenslust über medizinische Belange diskutieren, und er hat Verständnis dafür, dass sie sich nach ihrer Arbeit in der Apotheke sehnt. Mittlerweile fallen immer mehr Menschen der Pest zum Opfer, und auch in Susannahs Umfeld sind Verluste zu verzeichnen. Als dann ein Feuer in der von der Pest gebeutelten Stadt ausbricht und sich rasend schnell ausbreitet, muss Susannah nicht nur um ihr eigenes Leben fürchten, sondern auch um die Menschen, die ihrem Herzen nahe stehen.

Susannah ist in einer verzweifelten Lage, als ihr die Stiefmutter unmissverständlich klar macht, dass sie in ihrem Elternhaus nicht mehr erwünscht ist. Viele Wahlmöglichkeiten gab es für Frauen ja nicht, was im Roman auch gut zum Ausdruck kommt, und so entschließt sich die Protagonistin zu einer Vernunftheirat. Anfangs sieht es noch hoffnungsvoll aus, denn Susannah hat sich fest vorgenommen, alles zu tun, damit ihre Ehe glücklich wird, und im Grunde genommen ist Henry auch ein sympathischer Mensch, aber die Beziehung scheitert kläglich. Die Gründe dafür sind sehr vielschichtig und werden von der Autorin einfühlsam und glaubhaft dargelegt, denn nicht zuletzt spielen auch Susannahs Ängste vor einer Schwangerschaft eine große Rolle. Diese sind nur allzu verständlich, wenn man bedenkt, wie sie ihre Mutter verloren hat. Aber auch Henrys Verhalten ist befremdend und nicht dazu angetan, die Lage zu bessern. Susannah weiß nicht genau, was es ist, aber sie spürt, dass sich hinter seiner Ablehnung ein Geheimnis verbirgt.
Auch später, als Witwe, sind ihre Möglichkeiten begrenzt, und sie muss jede Menge Zugeständnisse machen, um nicht in Armut und Obdachlosigkeit zu versinken, denn eine soziale Absicherung, wie man sie heute kennt, war damals nicht vorgesehen. Doch es gab auch Lichtblicke und schöne Momente, denn man darf nicht vergessen, trotz aller Angst vor Ansteckung ging für die Gesunden das normale Leben irgendwie weiter. Obwohl ihr das Schicksal übel mitgespielt hat, schafft sich Susannah mit einem kleinen Kräutergarten eine Oase der Ruhe und des Friedens, wo sie Furcht und Aufregung wenigstens ab und zu vergessen kann.
Die ganze Lage in der Stadt, das Ausmaß der Katastrophe, ist sehr ausführlich und dramatisch geschildert. Die Autorin verbindet die historischen Fakten, von der Pestepidemie bis zur Feuersbrunst, sehr gekonnt mit den Erfahrungen ihrer Protagonisten. Ihre Art zu schreiben ist so packend, dass man kaum die Finger von dem Buch lassen kann, es ist ein wahrer Pageturner. Ich lese ja viel und auch nicht unbedingt langsam, aber 528 Seiten in zwei Tagen, das ist auch für mich außergewöhnlich und zeigt sehr deutlich, wie stark mich die Handlung gefesselt hat.

Herzlichen Dank an den Rowohlt Verlag für die Übersendung eines Rezensionsexemplars. 


1 Kommentar:

  1. Das hört sich wirklich gut an! Da ich ja auch historische Bücher gerne lese, kommt das Buch gleich mal auf meine Wunschlist! Danke für die tolle Rezi!!
    Martina

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