Montag, 12. September 2016

Das Haus der verlorenen Kinder - Linda Winterberg


Die junge Waise Maria arbeitet in Wiesbaden im Haus Sonnenschein, einem Seniorenheim. Dort lernt sie Betty kennen, eine recht eigenwillige alte Dame, die im Heim lebt. Trotz des großen Altersunterschieds freunden sich die beiden Frauen an. Marie spürt, dass die Schatten der Vergangenheit die alte Dame belasten und sie immer wieder einholen. Sie selbst ist auf der Suche nach ihren Wurzeln. Ihre Eltern hat sie früh verloren und wuchs im Heim auf. Über ihre Vorfahren weiß Marie so gut wie nichts. Mit Hilfe eines alten Tagebuchs kommt sie schicksalsschweren Ereignissen von damals auf die Spur, die ihr ganzes Leben verändern.

Die Handlung um Maria und Betty spielt in der Gegenwart, aber eigentlich ist es ein historischer Roman, denn die Rückblicke nehmen einen sehr großen Raum im Buch ein und führen nach Norwegen, ins Jahr 1941. Damals, zu Kriegszeiten, wurden in dem kleinen Fischerort Loshavn deutsche Soldaten stationiert. Die Freundinnen Lisbet und Oda haben viel gemeinsam, denn sie verlieben sich beide in einen jungen Deutschen. Die Familien reagieren mit Ablehnung und Unverständnis, und so verlassen Lisbet und Oda ihre Heimat, um bei ihren Geliebten zu sein. Als beide Männer an die Ostfront versetzt werden, lassen sie zwei verzweifelte Frauen zurück, denn beide Freundinnen sind schwanger. Sie finden Aufnahme und Hilfe bei den deutschen Besatzern und können in dem „Kriegsmütterheim“ Hurdal Verk ihre Kinder zur Welt bringen. Wie es für die Mütter und ihre Kinder weitergehen soll, ist ungewiss, denn der Traum, den geliebten Mann wieder zu treffen und heiraten zu können, scheint sich für beide Freundinnen nicht zu erfüllen.

In diesem bewegenden Roman behandelt die Autorin ein Thema, über das ich bisher noch nichts wusste, denn es geht um den Lebensbornverein, eine nationalsozialistische Organisation, die es sich zum Ziel setzte, die „nordische (arische) Rasse“ zu bewahren. Daher wurden die Verbindungen zwischen deutschen Soldaten und norwegischen Frauen begrüßt, denn die aus diesen Liebschaften entstehenden Kinder entsprachen den damaligen Vorstellungen des NS-Regimes von „Rassenreinheit“. Die Frauen der indigenen nordischen Völker, der Samen, fielen nicht unter diesen Status. Sie wurden auch anders behandelt, denn für die Ideologie und das Projekt „Lebensborn“ waren sie nicht von Nutzen.

Die Autorin hat unglaublich aufwändig und ausführlich für diesen Roman recherchiert, das merkt man an dem umfassenden Wissen, das hinter der Geschichte steckt. Auf zwei Zeitebenen beschreibt Linda Winterberg die tragischen Ereignisse und Schicksale dieser Zeit, und sie schlägt einen Bogen zur Gegenwart, denn die Nachkommen der damaligen Opfer suchen auch heute noch nach Antworten auf ihre zahlreichen Zweifel und Fragen. Vieles wird im Nebel der Vergangenheit verborgen bleiben und sich nicht mehr klären lassen, aber ich finde es gut und wichtig, durch diesen Roman etwas über das mir bisher unbekannte Thema zu erfahren. Die Autorin hat die realen historischen Fakten gekonnt und einfühlsam in diese berührende Geschichte eingeflochten und einen fesselnden und beeindruckenden Roman daraus entstehen lassen. Mich hat das Thema nachhaltig und weit über die Handlung hinaus beschäftigt, und das Schicksal dieser Frauen und ihrer Tyskerbarna („Deutschenkinder“) wird mir noch lange in Erinnerung bleiben. Insgesamt hat mir der Roman sehr gut gefallen, nur ging mir am Ende alles ein wenig zu schnell, und es blieben für mich einige Fragen offen, was ich sehr schade fand.



1 Kommentar:

  1. Hallo Susanne,
    genauso erging es mir auch. Ich kannte diese Einrichtungen nicht und war schockiert, dass die Kinder einfach den Frauen weggenommen und als Waisenkinder ausgegeben wurden, um sie danach SS-lern zu geben.
    Das Buch wird noch lange in meinem Kopf bleiben!!
    Liebe Grüße
    Martina

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