Dienstag, 5. Januar 2016

Die Tochter des Medicus - Gerit Bertram


Bei dem Pogrom im Jahr 1519 in Regensburg verliert die junge Jüdin Alisha nicht nur ihre gesamte Familie, sondern durch die dramatischen Erlebnisse auch ihre Stimme. Mit dem Medizinkoffer ihres Vaters geht die junge Frau nach Frankfurt und betätigt sich dort als Heilerin und Assistentin eines Arztes. Da sie nicht sprechen kann, fällt es ihr schwer, sich bei ihren Mitmenschen verständlich zu machen. Ihr größter Wunsch ist, in die Fußstapfen des Vaters zu treten und Ärztin zu werden. Aber das war zur damaligen Zeit schier unmöglich.

Die Rahmengeschichte zu diesem Roman, der von einem sehr berührenden Frauenschicksal des 16. Jahrhunderts handelt, spielt in der Gegenwart in Regensburg. Gideon Morgenstern findet im Vermächtnis seines verstorbenen Großvaters einen alten Koffer, in dem sich zahlreiche Relikte aus der Vergangenheit befinden. Neben Fotografien und alten Briefen enthält dieser Koffer auch ein Hochzeitsgewand und einen uralten Holzkoffer. Wie sich herausstellt, war das der Arztkoffer Daniel Friedmanns, Alishas Vater, der damals, vor vielen hundert Jahren bei dem Pogrom ermordet wurde. Gideon, der bisher kaum etwas mit dem Glauben seiner Vorfahren zu tun haben wollte, entdeckt auch alte Tagebücher, die er jedoch nicht lesen kann, da sie in Hebräisch verfasst sind. Mit Hilfe der Studentin Paula gelingt es ihm, die alten Schriften zu übersetzen, und die beiden jungen Leute erleben eine Überraschung, ist dies doch ein aufrüttelndes Zeitzeugnis, von Gideons Vorfahrin Alisha eigenhändig verfasst.
Je länger sich Gideon mit der Vergangenheit und den alten Tagebüchern beschäftigt und je mehr er über die damaligen Geschehnisse und über Alisha erfährt, umso stärker wird seine Faszination. Alishas Schicksal berührt ihn sehr, und er sieht sich selbst, sein Leben, seine Familie und die Religion seiner Vorfahren plötzlich aus einem ganz neuen Blickwinkel.

Nicht nur Gideon und Paula nehmen intensiven Anteil am Schicksal der schönen Alisha, auch ich, als Leserin dieses Romans, war von der ersten Seite an gefesselt und berührt. Die beiden Handlungsstränge, einmal die Vergangenheit mit Alisha und dazwischen die Gegenwart mit Gideon und Paula, laufen parallel nebeneinander her. Obwohl ich völlig in der Geschichte versinken konnte, fand ich die Wechsel zwischen den Zeiten nicht lästig. Ich habe sie nicht als Unterbrechungen wahrgenommen, sondern als Brücken, die Gideons Familiengeschichte aus Vergangenheit und Gegenwart verbinden.
Der Handlungsstrang über die Vergangenheit ist natürlich ungleich dramatischer als die Ereignisse der Gegenwart, denn was dem jüdischen Volk damals widerfahren ist, lässt sich aus humaner Sicht kaum begreifen. Zwar ist Alisha ein fiktiver Charakter, aber die historischen Ereignisse, die diesem Roman zugrunde liegen, sind leider nur allzu wahr. Im Anhang sind auch zahlreiche reale historische Personen verzeichnet, die im Verlauf der Geschichte Erwähnung finden. Die historische Handlung mit all ihren wahren Hintergründen ist meines Erachtens sehr ausführlich und gut recherchiert. Man erhält intensive Einblicke in das Leben einer jüdischen Gemeinde und erfährt sehr viel Wissenswertes über jüdische Bräuche, Regeln und Feiertage. Die vielen Erklärungen im Glossar, zu speziellen Bezeichnungen und Redewendungen, sorgen für ein gutes Verständnis.

Die Rahmenhandlung mit Gideon und Paula rundet diesen eindrucksvollen und bewegenden Roman sehr schön ab, denn Gideon macht eine starke und faszinierende Veränderung durch, die ihren Auslöser in dem alten Koffer und in Alishas Tagebüchern hat. Bei Gideon, dem momentan jüngsten Nachfahren der Familie Morgenstern, schließt sich der Kreis, und es ist nun an ihm, das uralte Vermächtnis zu bewahren und vielleicht eines Tages weiterzugeben. Für mich gehört dieses Buch zu den „nachhaltigen“ Romanen, die mich noch lange nach dem Lesen beschäftigen und mir intensiv in Erinnerung bleiben.




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