Samstag, 31. Oktober 2015

Henkersmarie - Astrid Fritz


Klappentext:
Rothenburg ob der Tauber, um 1540. Maria wächst als Henkerstochter in einer schäbigen Gasse heran. Dem Mädchen ist der Beruf des Vaters eine fremde Welt. Nur zu deutlich spürt sie, dass sie gemieden wird - gelten Henker und ihre Familien doch als "Unehrliche", mit denen man nicht in Berührung kommen soll. Als sie alt genug ist, nimmt ihr Vater sie zum ersten Mal zu einer Hinrichtung mit. Danach schwört sie sich, die Henkerswelt für immer hinter sich zu lassen, sobald sie erwachsen ist. Aber ihre Eltern haben andere Pläne: Sie soll den Sohn und baldigen Nachfolger des Freiburger Henkers heiraten. Bleibt ihr nur die Flucht?

Mein Eindruck:
Dies ist ein Entwicklungsroman, in dem es hauptsächlich um Marie Vollmer, die Tochter des Rothenburger Henkers Hans Vollmer, geht.
Das Buch ist in drei große Abschnitte gegliedert. Sie sind mit
Kindheit“, „Lehrjahre und „Zeit der Reife“ überschrieben. So begleitet man Maries Leben, von ihrem fünften Lebensjahr an über dreizehn Jahre, bis ins junge Erwachsenenalter.
Einen derart intensiven Eindruck vom Leben einer Henkersfamilie hat mir bisher noch kein anderes Buch vermittelt. Astrid Fritz hat sich hier einem faszinierenden historischen Thema gewidmet. In den meisten Romanen, die ich bisher gelesen habe, geht es mehr um die Opfer, die vom Henker gefoltert oder gerichtet werden; der Scharfrichter selbst spielt eine düstere Rolle und übt sein Amt eher anonym aus. Über sein Leben außerhalb der Mauern von Gefängnis und Folterkeller erfährt man so gut wie nichts.
Das macht diesen Roman so interessant, denn hier lernt man den Henker als Menschen kennen. Man erlebt ihn im Kreis seiner Familie, und im Fall von Maries Vater ist er ein warmherziger, einfühlsamer und gutmütiger Mensch. Das war für mich eigentlich kaum vorstellbar, diese Wesenszüge mit einem derart grausamen Beruf zu vereinbaren.
Astrid Fritz vermittelt in ihrem Roman ein sehr eindrucksvolles Bild des Henkers und seiner Familie. Man erfährt viel über den Alltag von Frau und Kindern, die es in der damaligen Gesellschaft nicht unbedingt leicht hatten, denn sie wurden meist geächtet. Ihre Wohnstätte lag in abgelegenen Vierteln der jeweiligen Stadt, wo alle „Unehrlichen“ lebten.
Wenn man erfährt, wie es Marie und ihren Geschwistern in der Schule erging, dass sie auch dort von ihren Mitschülern geschnitten und geächtet wurden, nur weil der Vater den Beruf des Henkers inne hatte, dann kann man sich gut vorstellen, wie schwer das für manche „Henkerskinder“ war. Am Beispiel von Marie und ihren beiden Brüdern sieht man auch, wie unterschiedlich und individuell die Kinder ihre Lebenssituation betrachteten und verarbeiteten. Während Marie und ihr jüngerer Bruder unter der Situation leiden und kaum ertragen können, welcher Tätigkeit ihr Vater nachgeht, so ist der ältere Bruder eher kaltschnäuzig. In interessiert, was ein Henker alles erledigen muss, und er würde lieber heute als morgen in die Fußstapfen seines Vaters treten.
Wie es dazu kam, dass ihre Mutter, eine Tochter aus gutem Hause, den Henker geheiratet hat, das fragt sich Marie immer häufiger, je älter sie wird, denn im Lauf der Jahre kommt sie ins Grübeln. Hier weiß der Leser von Anfang an mehr als Marie, denn die Vorgeschichte wird bereits im Prolog erzählt. Marie möchte die Tradition auf keinen Fall fortsetzen, indem sie wieder in eine Henkersfamilie einheiratet, was damals üblich war.
Man kann sagen, die Autorin ist im 16. Jahrhundert, über das sie in einigen Romanen schreibt, quasi zuhause. Alles ist bis ins Detail ausführlich recherchiert, und Maries Geschichte ist sprachlich sehr authentisch dargestellt. In vielen ihrer Romane spielt sich die Handlung im Freiburger Raum ab, was sicher daran liegt, dass Astrid Fritz selbst lange Zeit in Freiburg gelebt hat und ihr diese Gegend besonders vertraut ist. Auch ist die historische Recherche, gerade was das Thema „Henker“ angeht, in diesem Raum sicher besonders ergiebig denn Freiburg kann auf viele Jahrhunderte Stadtgeschichte zurückblicken.
Henkersmarie“ ist ein sehr eindrucksvoller historischer Roman, der dem Leser einen ausführlichen Blick hinter die Kulissen gewährt und zeigt, dass ein Henker oft auch ein liebevoller und treu sorgender Familienvater war, der nicht zuletzt selbst unter seiner Arbeit litt. Mir hat der Roman nicht nur unterhaltsame Stunden bereitet, sondern mich auch nachhaltig beeindruckt und meinen Blickwinkel auf diese verrufene Berufsgattung ziemlich verändert.
Ein absolut lesenswertes Buch!





Freitag, 30. Oktober 2015

Kräuter der Provinz - Petra Durst-Benning


Therese, Bürgermeisterin des schwäbischen Örtchens Maierhofen und zugleich Wirtin der „Goldenen Rose“, macht sich Sorgen um die Zukunft ihres Dorfes. In Maierhofen ist irgendwann die Zeit stehen geblieben. Für Touristen ist der kleine Ort nicht attraktiv, denn er hat keine Besonderheiten zu bieten und keine Attraktionen, die locken. Mangels Zukunftsperspektive kehrt die junge Generation der Heimat den Rücken, um anderswo ihr Glück und Arbeit zu suchen.
Zu allem Überfluss ist Therese krank, da hilft es auch nicht, dies zu ignorieren und sogar ihrer besten Freundin Christine zu verschweigen, denn irgendwann muss sie sich den Tatsachen stellen. Aber was soll aus ihrem geliebten Heimatort werden? Eines Nachts, als sie wieder einmal nicht schlafen kann, hat sie eine zündende Idee. Sie nimmt Kontakt zu ihrer Cousine auf. Greta, die erfolgreiche Werbefachfrau aus Frankfurt, soll eine Imagekampagne für Maierhofen ins Leben rufen. Anfangs sieht alles recht hoffnungslos aus, aber Therese hat nicht mit der Tatkraft ihrer Maierhofener gerechnet. Alle legen sich mächtig ins Zeug, um ihren gemeinsamen Traum zu verwirklichen, nämlich ihren Heimatort zu einem richtigen Genießerdorf zu machen.

Petra Durst-Benning, bisher beliebt und bekannt durch ihre wunderbaren historischen Romane, hat nun ihren ersten zeitgenössischen Roman fertig gestellt, und ich muss sagen, sie hat sich selbst übertroffen. Ihre Protagonisten könnte man als liebenswerte Helden des Alltags bezeichnen, denn mit viel Energie und Ideenreichtum schaffen es die Maierhofener, etwas Neues, Besonderes auf die Beine zu stellen. Wie sich das alles entwickelt und wie die Bewohner des kleinen Dorfes im Allgäu das anstellen, kann man hautnah mitverfolgen. Greta, die extra aus Frankfurt anreist, um ihrer Cousine zu helfen, ist anfangs skeptisch, denn außer ländlicher Idylle und Ruhe hat das Dörfchen nichts zu bieten, meint sie. Aber je länger sie in Maierhofen weilt, umso mehr erliegt sie dem Charme des Dorfes und seiner Bewohner, und sie entdeckt die vielen Köstlichkeiten, die es hier überall so selbstverständlich gibt. Statt Sushi probiert sie Holzofenbrot mit wildem Schnittlauch, statt bei Starbucks frühstückt sie in der Dorfbäckerei und ist hingerissen von dem leckeren Gebäck, so ganz ohne künstliche Zusatzstoffe, und statt fertiger Würzmischungen mit Geschmacksverstärkern gibt es bei Sam, dem Koch der Goldenen Rose, himmlische Gaumenfreuden, ganz natürlich mit Christines selbst gemachtem Kräutersalz gewürzt.
Der ganze Roman ist so schön und stimmig, die wunderbaren Beschreibungen sind ein Fest für alle Sinne, denn man kann förmlich die Blumenwiesen und die Bäume riechen,man meint, die Vögel zwitschern zu hören und sieht die Umgebung mit Gretas Augen.
Es ist alles fast zu schön, um wahr zu sein, aber doch bleibt die Handlung realistisch, denn wie im wahren Leben gilt auch hier, wo Licht ist, da ist auch Schatten, und so gibt es auch in der Geschichte einige Sorgen und Probleme durchzustehen.
Die Liebe hat ebenfalls ihren Platz im Roman, und so mancher findet das große Glück in Maierhofen. Auch hier bleibt die Autorin aber stets realistisch, und die Leser finden zwar jede Menge Romantik, die jedoch nie kitschig wirkt.
Sehr deutlich wird Petra Durst-Bennings Anliegen, die Welt ein klein wenig reizvoller und heimeliger zu machen, indem man das Schöne und Gute im Kleinen findet und das Natürliche dem Künstlichen vorzieht. Wie heißt es so schön „Warum in die Ferne schweifen? Sieh, das Gute liegt so nah!“ Gerade im Zeitalter der Globalisierung, wo Nachrichten über Umweltschäden und Lebensmittelskandale fast schon an der Tagesordnung sind, sollten wir uns mehr auf die Schönheiten und Köstlichkeiten in unserer unmittelbaren Umgebung besinnen.
Das Buch soll nicht nur unterhalten, sondern auch Denkanstöße liefern, und es soll inspirieren. Das ist der Autorin hervorragend gelungen, denn die wundervolle Geschichte um Maierhofen wird sehr schön ergänzt und umrahmt, von zahlreichen Rezepten und Anregungen. Da kann man beispielsweise die Maierhofener Nusskekse selbst backen oder sich sein eigenes Gewürzsalz mischen. Man findet Rezepte zu Holunderblütensirup oder Löwenzahngelee aus Jessys Hexenküche ebenso wie Küchentipps von Sam aus der Goldenen Rose. Das alles ist genau mein Ding, denn ich liebe es, mit Kräutern zu experimentieren und selbst Gewürzmischungen zu kreieren. Daher habe ich dieses Buch ganz besonders ins Herz geschlossen.
So ist nun zwar die Geschichte zu Ende, aber das ist noch lange kein Grund, das Buch gleich ins Regal zu stellen, denn das Beispiel der Maierhofener animiert geradezu, selbst aktiv zu werden und sich und seine Lieben mit kleinen Köstlichkeiten zu verwöhnen. So gesehen habe ich mich von den Protagonisten noch lange nicht verabschiedet, sondern „besuche“ sie immer wieder gerne, indem ich durch das schöne Buch blättere.
Es ist ein ganz bezaubernder, unterhaltsamer Roman, der die Schönheiten des Landlebens sehr lebendig in Szene setzt, der aber auch die Problematik der Landflucht durch die junge Bevölkerung nicht verschweigt. Ich bin ganz hingerissen von der vielschichtigen Mischung, die dieses Buch bietet und von dem tollen Konzept der Maierhofer für ihre Heimat, das wirklich Schule machen sollte.  




Montag, 26. Oktober 2015

Zurück zu ihr - Elke Becker, Joleen Carter, Johanna Danninger, Greta Milán, Ramona Seidl, Babsy Tom


Kurzbeschreibung:
Unüberwindbar scheint die Zeit - wenn zwei Liebende durch das Schicksal getrennt werden. Was bleibt ist die Sehnsucht und die Hoffnung, dass ihre Liebe immer stärker sein wird, als jegliches Hindernis auf ihrem Weg ... 
Eine silberne Taschenuhr, verloren im Tosen des Zweiten Weltkrieges, wird Zeugin einiger solcher Begegnungen. Auf ihrer jahrzehntelangen Reise um die Welt, wechselt sie nicht nur einmal ihren Besitzer und beeinflusst dabei so manche Entscheidung. 
Begleite die Uhr auf ihrem Weg und erlebe sieben wundervolle Liebesgeschichten. Tragisch, erfüllend, denkwürdig und nachhaltig wie das Leben selbst.

Mein Eindruck:
Elke Becker, Joleen Carter, Johanna Danninger, Greta Milán, Ramona Seidl und Babsy Tom.
Die genannten sechs Autorinnen nehmen den Leser mit auf eine Zeitreise, beginnend während des zweiten Weltkrieges, bis hinein in die Gegenwart. Was die Autorinnen gemeinsam geschaffen haben, ist ein besonderer Roman, zugleich aber auch eine Sammlung von Kurzgeschichten. Man lernt sieben Liebespaare kennen und erfährt ihre ganz persönlichen Geschichten. Die Verbindung zwischen den Schicksalen stellt eine alte silberne Taschenuhr dar, die durch die Jahrzehnte auf verschlungenen Wegen um die Welt reist und auf irgend eine Weise immer mit den Liebenden zu tun hat, um die es in den einzelnen Erzählungen geht.
Man lernt ganz unterschiedliche Menschen kennen, und ihre Schicksale sind sehr berührend. Es sind zum Teil außergewöhnliche Beziehungen, die im Verlauf der Handlung entstehen. Gerade die Vielfalt der Geschichten macht dieses Buch so besonders. Jede der sechs Autorinnen bringt ihre persönliche Handschrift, ihren eigenen Stil in ihren Part des Buches ein, und doch sind alle Abschnitte stimmig und harmonisch vereint. Das Bindeglied zwischen ihnen ist immer die alte Uhr, die auf rätselhafte Weise in jeder der sieben Liebesgeschichten eine Rolle spielt. Nicht alle Erzählungen haben ein glückliches Ende. Manches bleibt offen und der Phantasie des Lesers überlassen, manches endet tragisch, und doch gibt es auch die Glücksmomente. Letztendlich ist es im Gesamten ein hoffnungsvoller Roman, der getragen wird von der alten, silbernen Taschenuhr mit dem wundervollen eingravierten Satz, der zum Nachdenken bringt: „Unüberwindbar scheint die Zeit, doch stärker ist die Liebe“. Im Licht dieser Gravur bekommt so manche der geschilderten Liebesgeschichten eine tiefe, bittersüße Bedeutung. Es lohnt sich, die alte Uhr durch die Zeiten zu begleiten und sich auf dieses außergewöhnliche Konzept der sechs Autorinnen einzulassen, von denen ich bisher nur eine kannte. Der Roman hat mich sehr berührt und angesprochen, und er hat meine Neugierde geweckt, auf fünf weitere, mir bisher unbekannte Autorinnen und ihre Werke, die ich nun nach und nach kennenlernen und entdecken möchte.



Donnerstag, 22. Oktober 2015

Das Sternenboot - Stefanie Gerstenberger


Nicola und Stella, die Hauptfiguren des Romans, kommen am gleichen Tag, dem 1. April 1947, zur Welt, doch während Flora und Tommaso, Nicolas Eltern, ihren kleinen Sohn mit Freude und sehr liebevoll empfangen, wird Stella in eine kalte Welt geboren, wo es von Seiten ihrer adligen Eltern keine Liebe für sie gibt. Ihre Mutter, unzufrieden mit ihrer Ehe und ihrem ganzen Leben, hatte alle Hoffnungen in die Geburt eines Sohnes gesetzt, aber es ist „nur“ ein drittes Mädchen geworden. Sehr bald kommt die Kleine in die Obhut ihrer Großeltern und ihrer Tante Assunta. Hier wächst sie, zusammen mit ihrem Cousin Lolò, in einer Atmosphäre von Zuneigung und Geborgenheit heran.
Nico ist noch ein Kleinkind, als sein Vater, der Carabiniere, bei einem Einsatz auf mysteriöse Weise ums Leben kommt. Von da an gibt es für Flora nur noch ihren geliebten Sohn, dem sie all ihre Fürsorge angedeihen lässt. Dass er sich für das nahe Meer, fürs Schwimmen und Tauchen begeistert, kann sie gar nicht verstehen, es bereitet ihr eher Sorgen, denn ständig fürchtet sie, dass Nico etwas zustoßen könnte.

Ihre erste Begegnung steht unter keinem guten Stern, denn Stella, mittlerweile von ihrer leiblichen Mutter in die Villa geholt und dort nur schikaniert, möchte fliehen und weiß nicht wie und wohin. Nico kann ihr nicht helfen, muss aber von da an ständig an das faszinierende Mädchen mit den traurigen Augen denken.
Immer wenn sich die Aprilkinder treffen, kommt es zu irgendwelchen Missverständnissen, und Stella bemerkt nicht, dass sich Nico in sie verliebt hat. Doch der gibt nicht auf, obwohl alles gegen diese Verbindung spricht und seine Liebe hoffnungslos scheint.
Wie es mit den beiden jungen Menschen weitergeht, darauf möchte ich hier gar nicht weiter eingehen, denn das muss man einfach selbst lesen!

Ich habe alle bisher erschienenen Romane von Stefanie Gerstenberger gelesen, und sie haben mich alle fasziniert und begeistert. Auch bei diesem war es nicht anders. Ihr neues Werk spielt wieder in Italien, fällt aber ein wenig aus dem Rahmen, wenn man die anderen Bücher der Autorin kennt. Bisher spielten alle, mit diversen Rückblicken auf frühere Begebenheiten, größtenteils in der Gegenwart. „Das Sternenboot“ jedoch beginnt im Jahr 1947, in der Nachkriegszeit, und man verfolgt über die Jahre die Entwicklung der Protagonisten, wie sie langsam die Kinderschuhe abstreifen und zu jungen Erwachsenen werden.
Wie die Autorin das Land und die Menschen schildert und ihre Geschichte erzählt, ist so lebendig und farbig, dass man sich fühlt, als wäre man mittendrin.
Es ist diese ganz besondere Art, Dinge und Stimmungen zu beschreiben, immer mit kleinen italienischen Kommentaren versetzt, die die Atmosphäre so plastisch und authentisch werden lassen.
Und dann gibt es auch die bedrohlichen Situationen, denn unter südlicher Sonne regiert die Mafia und versetzt die Menschen in Angst und Schrecken.
Ist die Geschichte auch oft tiefgründig und ein wenig melancholisch, gibt es doch auch die humorvollen Momente, wo man diese ganz besondere italienische Lebensart und Leichtigkeit entdeckt. Dieser Roman duftet nach Meer und Zitronen, er atmet sizilianische Luft, er berührt und er hat Seele.

Ich muss gestehen, dass mich besonders der letzte Satz der Geschichte stark beunruhigt hat, denn er sagt so vieles aus, und doch weiß man nicht, wie man ihn einordnen soll. Was es mit dieser Bemerkung auf sich hat, werden wir erst im zweiten Teil erfahren, den es laut Aussagen der Autorin im kommenden Jahr geben wird. Aber bis zu seinem Erscheinen ist noch eine lange Zeit des Hoffens und Bangens, so dass wir Leser noch gewaltig auf die Folter gespannt werden. Ich kann es kaum erwarten!


Dienstag, 20. Oktober 2015

Tim lebt! - Simone & Bernhard Guido mit Kathrin Schadt

Wie uns ein Junge, den es nicht geben sollte, die Augen geöffnet hat.


Tim feiert seinen 18. Geburtstag. Das ist für jeden jungen Menschen etwas ganz Besonderes, für Tim jedoch gleich in mehrfacher Hinsicht, denn Tim hat das Down Syndrom, und er hat seine eigene Abtreibung überlebt!

Dieses berührende Buch gibt Einblick in Tims Leben. Es erzählt, wie es dazu kam, dass er den Eingriff, der ihn für immer von dieser Welt holen sollte, überlebt hat, wenn auch mit vielen körperlichen und geistigen Einschränkungen, die darauf zurückzuführen sind, dass er nach der eingeleiteten Geburt nicht sofort medizinisch versorgt worden ist, sondern erst neun Stunden später, da er ja gar nicht überleben sollte. Es erzählt aber auch die Geschichte einer Liebe, die sich auf den ersten Blick in Tims große blaue Augen in die Herzen der Guidos schlich und seine Pflegeeltern nicht mehr losließ.

Im Buch kommen viele Menschen in Tims Umkreis zu Wort: seine Pflegeeltern und deren leibliche Söhne, Verwandte, Freunde, Bekannte, Nachbarn, Ärzte und Pfleger. Alle äußern sich ehrlich,manchmal durchaus auch kritisch, zur gegebenen Situation und zu Tims erstaunlicher Entwicklung, aus ihrer persönlichen Sicht.
Bernhard und Simone Guido haben Tim so vieles gegeben. Sie haben ihm quasi ein neues Leben geschenkt, indem sie ihm all das gaben, was ein kleines Kind braucht: ein Heim, eine Familie, Fürsorge, Liebe und Geborgenheit. Dies war sicher nicht immer leicht, denn Tim braucht mehr von all dem als andere Menschen. Aber trotz aller Probleme und obwohl er schon oft in Lebensgefahr schwebte und viele Operationen über sich ergehen lassen musste, ist er auf seine Weise sehr stark, mit enormer Energie und einem großen Lebenswillen. Auch die Guidos sind willensstark und verfolgen unbeirrt ihren Weg. Sie wissen genau, was sie wollen, und mit der Aufnahme von mittlerweile drei behinderten Pflegekindern haben sie ihren Traum erfüllt und ihre persönlichen Vorstellungen vom Leben umgesetzt. Nur so konnten sie kritischen Stimmen, Vorwürfen und Missbilligung von außen Stand halten.

An Tims Beispiel erfährt man viel über geltende Regelungen in Deutschland, wie in einem solchen Fall verfahren wird, und man muss feststellen, dass die fortschrittliche Medizin zwar körperliche und geistige Schäden heutzutage sehr oft bereits pränatal feststellen kann, aber eben nie das wirkliche Ausmaß. Mit der Diagnose, wie sie auch immer aussehen mag, werden die jungen Eltern oft allein gelassen; es fehlt die so wichtige Betreuung und Beratung. Nicht nur werdende Eltern, auch die Ärzte sind überfordert, wenn die Diagnose auf eine Behinderung des Fötus schließen lässt. Die Umwelt reagiert nicht selten mit Unverständnis und kennt nur eine Lösung: die Abtreibung. Dass diese in vielen Fällen eigentlich keine mehr ist, sondern dass das ungewollte Kind auf natürlichem Weg geboren werden muss, wissen viele nicht, denn dies wäre sicher ein Aspekt, der so manchen rigorosen Befürworter der Abtreibung zum Nachdenken bringen könnte.
Je mehr man in diesem Buch über Tim und seine Familie erfährt, über die Lebensfreude, die der junge Mann empfindet und die Zuneigung, die er nahe stehenden Menschen entgegenbringt, umso stärker frage ich mich, woher wir uns heutzutage das Recht nehmen, über Sein oder Nichtsein eines Ungeborenen zu entscheiden. Wie können wir uns anmaßen, einem Kind das Lebensrecht zu verweigern, nur weil es nicht der Norm entspricht?
Es gibt sicher Fälle, wo es nicht anders geht, wenn so schwere körperliche und geistige Behinderungen beim Kind offensichtlich sind, dass sein künftiges Leben nur ein Dahinvegetieren wäre. Aber die moderne Pränatal-Diagnostik macht es möglich,
eben auch weniger ausgeprägte Behinderungen festzustellen und in absehbarer Zeit wird es kaum noch Kinder mit Downsyndrom geben, da sich die meisten Eltern entschließen, dieses Kind nicht zu bekommen. Wenn man sich einmal näher mit Menschen beschäftigt, die das Downsyndrom haben, stellt man fest, welch ein Verlust es für die Welt wäre, wenn es diese lebensfrohen und warmherzigen Menschen nicht gäbe.

Das Buch hat mich sehr nachdenklich gemacht, hier geht es nicht nur um das Schicksal eines einzelnen Jungen, sondern um viel mehr, nämlich um existentielle Fragen, um die Würde des Menschen und um das Recht auf Leben. Wo soll die Grenze gezogen werden? Was ist zumutbar, was dagegen untragbar? Ist die Entscheidung, einen Fötus mit Diagnose Down Syndrom abzutreiben, nicht ein inakzeptabler Eingriff in die Schöpfung? Jeder Mensch empfindet dies anders, aber Tims Geschichte zeigt, welche ungeheure Kraft in diesem Jungen steckte, denn allen Erwartungen zum Trotz hörte er nach seiner Geburt einfach nicht auf zu atmen. Trotz beträchtlicher körperlicher Einschränkungen, die eigentlich nicht hätten sein müssen, lebt er, und wie er lebt! Ihm und seiner sympathischen Pflegefamilie gehört meine ganze Hochachtung.
Dies ist ein Buch, das man einfach gelesen haben sollte, denn es liefert jede Menge interessanter Informationen und Fakten, ohne in irgend einer weise zu verurteilen, es gibt viele Denkanstöße, und es bereichert und erweitert den Horizont, indem es eine Lebenssituation zeigt, die von der gesellschaftlichen Norm abweicht und doch auf jeden Fall lebenswert ist.



Neuzugänge Oktober 2015

Zwar sind es so mitten im Monat nicht allzu viele Neuzugänge, aber über ein Buch habe ich mich so riesig gefreut, dass ich nicht damit bis zum Monatsrückblick warten wollte, es euch zu zeigen.

Ich habe es ja schon gelesen, denn ich hatte die wunderbare Gelegenheit, den neuen Roman von Rebecca Gablé vorab als Manuskript zu erhalten und im Rahmen einer Leserunde zu lesen.
Hier geht es zu meiner Rezension: Der Palast der Meere

Nun hat eine Jury des Lübbe Verlags aus allen Rezensionen der Leserunden-Teilnehmer die drei schönsten bzw. kreativsten ausgesucht, und diese drei Teilnehmer haben ein Exemplar von "Der Palast der Meere", persönlich von Rebecca Gablé signiert, erhalten.
Ich konnte es kaum fassen, als ich meinen Namen gelesen habe, dass ich zu diesen drei Glücklichen gehöre! Ende letzter Woche kam nun das Buch bei mir an, und es ist wieder ein richtiges Schmuckstück! Von Abbildungen her und auch, als ich das Deckblatt meines Manuskripts gesehen habe, fand ich das Coverbild schon wunderschön, aber das gebundene Buch ist im Original noch viel schöner, seht selbst.


Auch vom Innenleben möchte ich euch ein wenig zeigen, denn das Vorsatzpapier vorne und hinten im Buch ist wunderschön mit einer alten Landkarte gestaltet, die ganz wunderbar zum Inhalt des Buches passt.


Und natürlich möchte ich euch auch die Signatur der Autorin nicht vorenthalten, die das Buch für mich zu einem ganz besonderen Schatz macht.

Da kann ich nur sagen: Danke lieber Lübbe Verlag und danke, liebe Rebecca Gablé, für diese wundervolle Überraschung!

* * * * *

Auch vom Rowohlt-Verlag habe ich Post erhalten, und neben dem neuen Roman von Philippa Gregory lag noch ein weiteres Buch mit im Päckchen: Das erste Date.  

Und vom Riverfield-Verlag, einem noch recht jungen Verlag, der erst vor ca. einem Jahr gegründet wurde, ist dieses Rezensionsexemplar bei mir eingezogen.


Die Rezensionen zu diesen drei Büchern werden wohl erst Ende des Jahres online gehen, denn es gibt vorher noch so einige andere Bücher für mich zu lesen. Meine herbstliche Lektüre ist auf jeden Fall sehr vielfältig und bunt.

Montag, 5. Oktober 2015

So friedlich, das Meer - Brigitte Beil


Als die spröde Camilla eine Affäre mit Paolo, ihrem verheirateten Chef, beginnt, erhält sie im Freundes- und Familienkreis die unterschiedlichsten Ratschläge. Einer davon ist: „Sei locker, bleib geschmeidig“. Dass es mit einem Macho wie Paolo nicht lange gut geht, geschweige denn eine Zukunft hat, ist absehbar, und so kommt es, wie es kommen muss, der Mann serviert Camilla eiskalt ab.

Jahre später, als Camilla bereits glücklich verheiratet und Mutter zweier süßer Kinder ist, scheint die Vergangenheit vergessen, aber als sie Paolo unerwartet wiedersieht, kommt alles wieder hoch, die Kränkungen, die Enttäuschung und die Wut.
Camilla macht den Fehler, alle Männer über einen Kamm zu scheren, und so beginnt sie, ihrem eigenen Mann zu misstrauen und ihm die gleichen miesen Charaktereigenschaften zu unterstellen wie Paolo. Ihr ständiges Misstrauen, ihre eifersüchtigen Szenen, ihre dauernde Beobachtung, das alles schlägt ihren Mann Gianni (übrigens eine Seele von Mensch!) in die Flucht. Camilla fühlt sich haltlos, entwurzelt, und sie tut das einzige, was ihr in dieser Situation richtig erscheint, sie flieht vor dem Durcheinander, das sie in ihrer Ehe angerichtet hat und verlässt Vicenza. In München, weit weg von zuhause, möchte sie vergessen und sich ein neues Leben aufbauen.

Bei diesem neuen Roman von Brigitte Beil bin ich sehr zwiegespalten. Der Schreibstil ist wie gewohnt toll; die Autorin sieht genau hin und beschreibt die Charaktere im Roman sehr detailliert. Das italienische Flair, das sie in ihrer Erzählung vermittelt, ist in leuchtenden Farben ausgemalt und gut vorstellbar. Auch Camillas Seelenleben wird genauestens unter die Lupe genommen. Allerdings hätte ich die Protagonistin in mehreren Situationen gerne gepackt und einmal kräftig geschüttelt, denn was sie ihrem Ehemann unterstellt, ist schon sehr heftig. Ihre Eifersucht und die damit verbundenen Wahnvorstellungen waren für mich nicht nachvollziehbar, obwohl ich natürlich weiß, dass es solche Fälle durchaus gibt, wo sich die Abgründe der menschlichen Seele auftun und jegliche Vernunft im Keim ersticken. Was sich Camilla damit selbst und ihrer Familie antut, ist unbeschreiblich. Ich konnte mich nicht in sie hinein versetzen, denn ihre geliebten beiden kleinen Kinder für mehrere Monate einfach so bei den Großeltern in Italien zurück zu lassen und ins Ausland zu verschwinden, das war für mich nicht ganz glaubwürdig.

Die Handlung ist ungefähr so eingeteilt, dass es in der ersten Hälfte des Buches um Camillas Affäre mit Paolo geht. Dieser Teil hat sich für mich recht zäh in die Länge gezogen, und ich musste all meine Konzentration aufbieten, um weiter zu lesen. Camillas Erlebnisse in ihrer Ehe und wie es dazu kam, ihrem Mann dermaßen zu misstrauen, das ist dann schon etwas kompakter und kurzweiliger dargestellt, und so manche Szene, mit viel Humor beschrieben, hat mich mit den ersten hundertfünfzig Seiten wieder versöhnt.

Wie die Sache ausgeht, war einerseits schon länger absehbar, aber es gab dann doch noch eine große Überraschung, die etwas makaber anmutet, aber hier ergeht sich die Autorin lediglich in vagen Andeutungen, mit denen ich allerdings nicht so ganz glücklich bin.
Ich möchte das Ende so beschreiben: Man weiß nichts, ahnt viel und befürchtet alles.



Donnerstag, 1. Oktober 2015

Monatsrückblick September 2015

Das letzte Quartal des Jahres ist angebrochen, und es wird Zeit für meinen Monatsrückblick September 2015.


Ich habe sieben Bücher gelesen; das waren 3489 Seiten:



Es war ein toller Lesemonat, was die Auswahl meiner Lektüre angeht; man sieht es an den vielen 5-Sterne-Bewertungen. Zwei Bücher waren dabei, an die ich schon mit sehr hohen Erwartungen herangegangen bin, denn was ich bisher von Rebecca Gablé und Theresa Révay gelesen habe, hat mir schon immer überdurchschnittlich gut gefallen, und auch von den neuen Werken der beiden Autorinnen wurde ich nicht enttäuscht. 
Von Katherine Webb und Silvia Stolzenburg hatte ich bisher noch kein Buch gelesen, aber schon viel Positives gehört, und von beiden Romanen war ich sehr angetan.
Das Kinderbuch von Rodney Bennett und die Kurzgeschichten von Askim Utkuseven reihten sich nahtlos in diese 5-Sterne-Liste ein und konnten mich begeistern. Lediglich die "Naturheilerin", sie hat mich zwar nicht direkt enttäuscht, aber ich hatte mir mehr erwartet. Es gibt also keinen absoluten Favoriten, aber es gibt auch keinen wirklichen Flop. 

Auch einige Neuzugänge sind im Lauf des vergangenen Monats bei mir eingetroffen. 
Da wären vier Rezensionsexemplare, für die es in absehbarer Zeit eine Rezension geben wird:

Von den folgenden Büchern habe ich eines ertauscht und zwei gekauft, und die beiden Romane von Emma Temple sind aus der Überraschungsgruppe bei Facebook, wo ich gerne tausche. 



Und es ist wie immer die große Qual der Wahl, weil ich mit all meinen Neuerwerbungen am liebsten sofort beginnen würde. Aber mit diesem "Problem" stehe ich ja nicht alleine da ;-)

Auch Tee gab es wieder viel bei mir, allerdings habe ich nichts Neues in meinem Teeschrank für euch zu bieten, sondern habe mich quer durch alle möglichen Sorten getrunken. Einen Tee möchte ich euch aber doch zeigen, weil ich die Idee so süß finde. Dieser kleine Teewürfel war im vergangenen Jahr im Adventskalender, den meine Tochter für mich gebastelt und befüllt hatte. Ich hatte ihn die ganze Zeit aufgehoben, aber nun doch endlich probiert, denn die nächste Adventszeit rückt unweigerlich näher. Es war ein feiner Grüntee Sencha, und der Spruch von Theodor Fontane auf der Verpackung ist ja sehr passend, nur das Buch hat er vergessen zu erwähnen. ;-)

Seit es abends kühler und früher dunkel wird, nutze ich auch ab und zu wieder gerne Duftkerzen. Zurzeit brennt eine Votivkerze "Cassis" von Yankee Candle neben mir. Der Duft ist fruchtig-herb und angenehm leicht und gefällt mir sehr gut. Duftkerzen in dieser Form mag ich allgemein lieber als die Tarts, weil sie dezenter duften und man nicht von dem Geruch erschlagen wird.



Das war's mal wieder für heute. Ich wünsche euch einen wunderschönen, sonnigen, goldenen Oktober, mit tollen Büchern und vielen gemütlichen Lesestunden.

An den Ufern des Bosporus - Theresa Révay




Klappentext:
Istanbul 1918. Nach Ende des 1. Weltkriegs ist die Stadt von den Siegermächten besetzt, das einst glanzvolle Osmanische Reich scheint dem Untergang geweiht. Als Frau des Sekretärs von Sultan Mehmed VI. lebt Leyla mit ihrer Familie in der Pracht eines traditionellen Harems – doch um sich herum verspürt die junge Frau den Anbruch einer neuen Epoche, die Faszination der modernen Zeit. Mit ihrem Bruder engagiert sie sich im Widerstand und begegnet so ihrer großen Liebe: Hans, einem deutschem Archäologen und Revolutionär. Hans und Leyla wissen, dass sie füreinander bestimmt sind, auch wenn ihre Liebe nicht sein darf. Und doch kreuzen sich ihre Wege immer wieder unter schicksalhaften Umständen ...


Mein Eindruck:
Leylas Situation steht beispielhaft für die vieler türkischer Frauen der damaligen Zeit. Einerseits noch den alten Traditionen verhaftet, aber auch aufgeschlossen für das neue Denken, das mit den Allierten aus Europa kommt, fühlt sich die junge Frau bei all ihren Entscheidungen zerrissen. Sie ist gefangen in einer arrangierten Ehe mit Selim, dem Sekretär des Sultans, aber in dem deutschen Archäologen Hans hat sie ihre Liebe gefunden. Ihr Lebensweg ist mit vielen tragischen Erfahrungen gepflastert. Zwischen den alten Sitten des osmanischen Reiches und der neuen Gesellschaftsordnung, die gerade im Entstehen ist, wirkt sie teilweise etwas verloren, aber sie beweist immer wieder enorme Stärke, wenn es darum geht, Schicksalsschläge wegzustecken und das Neue und Fremde, das sich ihr in den Weg stellt, anzunehmen.

Ich muss gestehen, dass ich bisher nicht sehr viel über die türkische Geschichte wusste. Dass das Land nach dem 1. Weltkrieg von den Aliierten besetzt wurde, welche Machtkämpfe dort ausgefochten wurden und welche Folgen die Ereignisse für die Kultur und das ganze Volk hatten, war mir nicht in diesem Ausmaß bekannt. Was damals dort geschah, war nicht nur einfach eine Änderung des Machtgefüges, sondern der Untergang des osmanischen Reiches, dessen Sitten und Traditionen ausgedient hatten. Es folgte eine Zeit des totalen Umbruchs für Politik, Kultur und Gesellschaft.
Sehr deutlich werden die Unterschiede zwischen Orient und Okzident aus dem Blickwinkel von Rose Gardell, die mit ihrem Mann Louis, einem Offizier, im Haus von Selim und seiner Familie untergebracht ist. Die Lebensweise in einem Haremlik ist der Französin fremd und nicht geheuer, und Charaktere, wie Selims Mutter, die schöne und eigenwillige Gülbahar oder der Eunuch Ali Aga wirken für die europäische Frau wie aus der Zeit gefallen.
Es wird ein langwieriger Prozess sein, die Kluft zwischen den Kulturen zu überbrücken.

Egal was Theresa Révay schildert, ob das Alltagsleben einer türkischen Familie, ob die Einrichtung eines traditionellen osmanischen Haushalts oder die Kleidung der Damen im Haremlik, ob sie von den politischen Ereignissen im Sultanspalast oder von den Gefechten und Aktionen der Freiheitskämpfer berichtet, alles wirkt sehr gründlich recherchiert, und die fiktive Geschichte ist perfekt mit der Historie vernetzt. Der Schreibstil ist angenehm eingängig und der damaligen Zeit angemessen. Auch dieser Roman hat wieder dieses Besondere, die unverkennbare Handschrift der Autorin, die sich nicht mit schönen Fassaden begnügt, sondern sehr intensiv auf die Empfindungswelt ihrer Protagonisten eingeht und sehr glaubhafte Charaktere in ihrer Geschichte agieren lässt, denn mit ihren Fehlern und Schwächen wirken sie authentisch, und man kann sich in jeden von ihnen hineinversetzen. Es gibt nicht die Guten oder die Bösen, kein Schwarz oder Weiß, sondern hier sind einfach nur Menschen beschrieben, deren Reaktionen und Handlungen, egal ob richtig oder falsch, man gut nachvollziehen kann.

In erster Linie ist dies Leylas Geschichte, und man erlebt die starke Entwicklung mit, die sie durchmacht, von der weltabgewandten Osmanin, deren Leben sich größtenteils innerhalb der Grenzen eines orientalischen Harems abspielt zur modernen, selbstbestimmten Frau, Rebellin und Schriftstellerin, die ihrer Liebe folgt und sich für ihr Land stark macht. Aber letztendlich ist es die Geschichte eines ganzen Landes, dessen Werdegang vom osmanischen Reich zur türkischen Republik man im Verlauf der Handlung verfolgen kann.

Im Gesamtbild ist es ein Roman, der sehr intensiv von den realen historischen Ereignissen geprägt ist und der mich mit seinen ausdrucksstarken Charakteren und plastischen Schilderungen nachhaltig beeindruckt hat.