Samstag, 31. Oktober 2015

Henkersmarie - Astrid Fritz


Klappentext:
Rothenburg ob der Tauber, um 1540. Maria wächst als Henkerstochter in einer schäbigen Gasse heran. Dem Mädchen ist der Beruf des Vaters eine fremde Welt. Nur zu deutlich spürt sie, dass sie gemieden wird - gelten Henker und ihre Familien doch als "Unehrliche", mit denen man nicht in Berührung kommen soll. Als sie alt genug ist, nimmt ihr Vater sie zum ersten Mal zu einer Hinrichtung mit. Danach schwört sie sich, die Henkerswelt für immer hinter sich zu lassen, sobald sie erwachsen ist. Aber ihre Eltern haben andere Pläne: Sie soll den Sohn und baldigen Nachfolger des Freiburger Henkers heiraten. Bleibt ihr nur die Flucht?

Mein Eindruck:
Dies ist ein Entwicklungsroman, in dem es hauptsächlich um Marie Vollmer, die Tochter des Rothenburger Henkers Hans Vollmer, geht.
Das Buch ist in drei große Abschnitte gegliedert. Sie sind mit
Kindheit“, „Lehrjahre und „Zeit der Reife“ überschrieben. So begleitet man Maries Leben, von ihrem fünften Lebensjahr an über dreizehn Jahre, bis ins junge Erwachsenenalter.
Einen derart intensiven Eindruck vom Leben einer Henkersfamilie hat mir bisher noch kein anderes Buch vermittelt. Astrid Fritz hat sich hier einem faszinierenden historischen Thema gewidmet. In den meisten Romanen, die ich bisher gelesen habe, geht es mehr um die Opfer, die vom Henker gefoltert oder gerichtet werden; der Scharfrichter selbst spielt eine düstere Rolle und übt sein Amt eher anonym aus. Über sein Leben außerhalb der Mauern von Gefängnis und Folterkeller erfährt man so gut wie nichts.
Das macht diesen Roman so interessant, denn hier lernt man den Henker als Menschen kennen. Man erlebt ihn im Kreis seiner Familie, und im Fall von Maries Vater ist er ein warmherziger, einfühlsamer und gutmütiger Mensch. Das war für mich eigentlich kaum vorstellbar, diese Wesenszüge mit einem derart grausamen Beruf zu vereinbaren.
Astrid Fritz vermittelt in ihrem Roman ein sehr eindrucksvolles Bild des Henkers und seiner Familie. Man erfährt viel über den Alltag von Frau und Kindern, die es in der damaligen Gesellschaft nicht unbedingt leicht hatten, denn sie wurden meist geächtet. Ihre Wohnstätte lag in abgelegenen Vierteln der jeweiligen Stadt, wo alle „Unehrlichen“ lebten.
Wenn man erfährt, wie es Marie und ihren Geschwistern in der Schule erging, dass sie auch dort von ihren Mitschülern geschnitten und geächtet wurden, nur weil der Vater den Beruf des Henkers inne hatte, dann kann man sich gut vorstellen, wie schwer das für manche „Henkerskinder“ war. Am Beispiel von Marie und ihren beiden Brüdern sieht man auch, wie unterschiedlich und individuell die Kinder ihre Lebenssituation betrachteten und verarbeiteten. Während Marie und ihr jüngerer Bruder unter der Situation leiden und kaum ertragen können, welcher Tätigkeit ihr Vater nachgeht, so ist der ältere Bruder eher kaltschnäuzig. In interessiert, was ein Henker alles erledigen muss, und er würde lieber heute als morgen in die Fußstapfen seines Vaters treten.
Wie es dazu kam, dass ihre Mutter, eine Tochter aus gutem Hause, den Henker geheiratet hat, das fragt sich Marie immer häufiger, je älter sie wird, denn im Lauf der Jahre kommt sie ins Grübeln. Hier weiß der Leser von Anfang an mehr als Marie, denn die Vorgeschichte wird bereits im Prolog erzählt. Marie möchte die Tradition auf keinen Fall fortsetzen, indem sie wieder in eine Henkersfamilie einheiratet, was damals üblich war.
Man kann sagen, die Autorin ist im 16. Jahrhundert, über das sie in einigen Romanen schreibt, quasi zuhause. Alles ist bis ins Detail ausführlich recherchiert, und Maries Geschichte ist sprachlich sehr authentisch dargestellt. In vielen ihrer Romane spielt sich die Handlung im Freiburger Raum ab, was sicher daran liegt, dass Astrid Fritz selbst lange Zeit in Freiburg gelebt hat und ihr diese Gegend besonders vertraut ist. Auch ist die historische Recherche, gerade was das Thema „Henker“ angeht, in diesem Raum sicher besonders ergiebig denn Freiburg kann auf viele Jahrhunderte Stadtgeschichte zurückblicken.
Henkersmarie“ ist ein sehr eindrucksvoller historischer Roman, der dem Leser einen ausführlichen Blick hinter die Kulissen gewährt und zeigt, dass ein Henker oft auch ein liebevoller und treu sorgender Familienvater war, der nicht zuletzt selbst unter seiner Arbeit litt. Mir hat der Roman nicht nur unterhaltsame Stunden bereitet, sondern mich auch nachhaltig beeindruckt und meinen Blickwinkel auf diese verrufene Berufsgattung ziemlich verändert.
Ein absolut lesenswertes Buch!





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