Donnerstag, 1. Oktober 2015

An den Ufern des Bosporus - Theresa Révay




Klappentext:
Istanbul 1918. Nach Ende des 1. Weltkriegs ist die Stadt von den Siegermächten besetzt, das einst glanzvolle Osmanische Reich scheint dem Untergang geweiht. Als Frau des Sekretärs von Sultan Mehmed VI. lebt Leyla mit ihrer Familie in der Pracht eines traditionellen Harems – doch um sich herum verspürt die junge Frau den Anbruch einer neuen Epoche, die Faszination der modernen Zeit. Mit ihrem Bruder engagiert sie sich im Widerstand und begegnet so ihrer großen Liebe: Hans, einem deutschem Archäologen und Revolutionär. Hans und Leyla wissen, dass sie füreinander bestimmt sind, auch wenn ihre Liebe nicht sein darf. Und doch kreuzen sich ihre Wege immer wieder unter schicksalhaften Umständen ...


Mein Eindruck:
Leylas Situation steht beispielhaft für die vieler türkischer Frauen der damaligen Zeit. Einerseits noch den alten Traditionen verhaftet, aber auch aufgeschlossen für das neue Denken, das mit den Allierten aus Europa kommt, fühlt sich die junge Frau bei all ihren Entscheidungen zerrissen. Sie ist gefangen in einer arrangierten Ehe mit Selim, dem Sekretär des Sultans, aber in dem deutschen Archäologen Hans hat sie ihre Liebe gefunden. Ihr Lebensweg ist mit vielen tragischen Erfahrungen gepflastert. Zwischen den alten Sitten des osmanischen Reiches und der neuen Gesellschaftsordnung, die gerade im Entstehen ist, wirkt sie teilweise etwas verloren, aber sie beweist immer wieder enorme Stärke, wenn es darum geht, Schicksalsschläge wegzustecken und das Neue und Fremde, das sich ihr in den Weg stellt, anzunehmen.

Ich muss gestehen, dass ich bisher nicht sehr viel über die türkische Geschichte wusste. Dass das Land nach dem 1. Weltkrieg von den Aliierten besetzt wurde, welche Machtkämpfe dort ausgefochten wurden und welche Folgen die Ereignisse für die Kultur und das ganze Volk hatten, war mir nicht in diesem Ausmaß bekannt. Was damals dort geschah, war nicht nur einfach eine Änderung des Machtgefüges, sondern der Untergang des osmanischen Reiches, dessen Sitten und Traditionen ausgedient hatten. Es folgte eine Zeit des totalen Umbruchs für Politik, Kultur und Gesellschaft.
Sehr deutlich werden die Unterschiede zwischen Orient und Okzident aus dem Blickwinkel von Rose Gardell, die mit ihrem Mann Louis, einem Offizier, im Haus von Selim und seiner Familie untergebracht ist. Die Lebensweise in einem Haremlik ist der Französin fremd und nicht geheuer, und Charaktere, wie Selims Mutter, die schöne und eigenwillige Gülbahar oder der Eunuch Ali Aga wirken für die europäische Frau wie aus der Zeit gefallen.
Es wird ein langwieriger Prozess sein, die Kluft zwischen den Kulturen zu überbrücken.

Egal was Theresa Révay schildert, ob das Alltagsleben einer türkischen Familie, ob die Einrichtung eines traditionellen osmanischen Haushalts oder die Kleidung der Damen im Haremlik, ob sie von den politischen Ereignissen im Sultanspalast oder von den Gefechten und Aktionen der Freiheitskämpfer berichtet, alles wirkt sehr gründlich recherchiert, und die fiktive Geschichte ist perfekt mit der Historie vernetzt. Der Schreibstil ist angenehm eingängig und der damaligen Zeit angemessen. Auch dieser Roman hat wieder dieses Besondere, die unverkennbare Handschrift der Autorin, die sich nicht mit schönen Fassaden begnügt, sondern sehr intensiv auf die Empfindungswelt ihrer Protagonisten eingeht und sehr glaubhafte Charaktere in ihrer Geschichte agieren lässt, denn mit ihren Fehlern und Schwächen wirken sie authentisch, und man kann sich in jeden von ihnen hineinversetzen. Es gibt nicht die Guten oder die Bösen, kein Schwarz oder Weiß, sondern hier sind einfach nur Menschen beschrieben, deren Reaktionen und Handlungen, egal ob richtig oder falsch, man gut nachvollziehen kann.

In erster Linie ist dies Leylas Geschichte, und man erlebt die starke Entwicklung mit, die sie durchmacht, von der weltabgewandten Osmanin, deren Leben sich größtenteils innerhalb der Grenzen eines orientalischen Harems abspielt zur modernen, selbstbestimmten Frau, Rebellin und Schriftstellerin, die ihrer Liebe folgt und sich für ihr Land stark macht. Aber letztendlich ist es die Geschichte eines ganzen Landes, dessen Werdegang vom osmanischen Reich zur türkischen Republik man im Verlauf der Handlung verfolgen kann.

Im Gesamtbild ist es ein Roman, der sehr intensiv von den realen historischen Ereignissen geprägt ist und der mich mit seinen ausdrucksstarken Charakteren und plastischen Schilderungen nachhaltig beeindruckt hat.

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