Donnerstag, 17. September 2015

Die Salbenmacherin - Silvia Stolzenburg


Konstantinopel 1408:
Die schöne Oliviera hat sich unsterblich in einen Handelspartner ihres Vaters verliebt. Nun setzt die Sechzehnjährige alles daran, ihn für sich zu gewinnen und ihren Vater dazu zu bewegen, sie mit dem attraktiven Deutschen zu verheiraten. Ihr Plan geht wirklich auf, und so begibt sich das frisch vermählte junge Paar schon bald auf die lange und anstrengende Reise nach Tübingen, wo Laurenz seine Niederlassung hat. Schon während der Reise merkt Oliviera, dass sich ihr Gemahl verändert. Immer öfter hat sie den Eindruck, dass er ihr nicht mehr die gleiche Aufmerksamkeit zuteil werden lässt wie in Konstantinopel. Sie schiebt Laurenz' Stimmungsschwankungen und Alpträume auf die Anstrengungen der Reise und hofft, dass sich in Tübingen alles zum Guten wendet. Aber bei ihrer Ankunft erwartet die junge Frau eine herbe Enttäuschung. Das Haus ihres Ehemanns ist dunkel und feucht, und die Einheimischen begegnen ihr zum Großteil feindselig. Einen eigenen Bereich, wo sie ihre Salben und Heiltinkturen herstellen kann, wie sie es von ihrer Großmutter gelernt hat, muss sie sich hart erkämpfen. Verständnis und Unterstützung findet Oliviera nur bei ihrem Schwager Götz. Schon bald erkennt sie aber, dass sich die Brüder nicht besonders zugetan sind. Zudem verhält Laurenz sich immer seltsamer und entfremdet sich seiner jungen Frau von Tag zu Tag mehr. Schon bald muss Oliviera feststellen, dass ihr Gatte ein dunkles Geheimnis hütet, und ihr Wissen darum bringt sie in große Gefahr.

Der Einstieg in den Roman erfolgt mit dem ersten Satz „Die Nacht war wie geschaffen zum Töten“, denn der Prolog führt den Leser nach Tübingen, und man wird Zeuge eines brutalen Verbrechens. Schon nach wenigen Seiten war ich unrettbar in der Handlung gefesselt. Der Kontrast zwischen dem kurzen Prolog und dem ersten Kapitel ist groß, denn vom kalten, dunklen Tübingen kommt man nun in das farbenprächtige und orientalische Konstantinopel, wo man Oliviera und ihre Großmutter begleitet, während sie kostbare Salben und Arzneien herstellen, sich der Frauenheilkunde widmen oder ihre Einkäufe auf dem Basar erledigen. Oliviera ist hier behütet aufgewachsen, liebevoll umsorgt von ihrer Großmutter, wo es immer warm ist und die Luft nach Blüten und Gewürzen duftet.
Mit dem stattlichen Laurenz erlebt sie die erste Verliebtheit und zögert nicht, ihm in seine Heimat zu folgen. Was sie dort, im fernen Tübingen erlebt, ist ein wahrer Kulturschock für die junge Frau. Nie zuvor wurde sie so feindselig und misstrauisch behandelt. Der Fremdenhass, der ihr hier entgegenschlägt, verleiht der Geschichte eine erschreckende Aktualität.
Schnell kommt die Ernüchterung, und ihre Hoffnungen und Träume für die Zukunft zerplatzen wie Seifenblasen. In kurzer Zeit wird in dieser fremden Umgebung aus dem verliebten, eigensinnigen jungen Mädchen eine charakterstarke und desillusionierte Frau, die sich jedoch nicht unterkriegen lässt und trotz der eigenen Sorgen immer ein Herz für die Armen, Schwachen und Kranken hat. Der Entwicklungsprozess ist sehr schön beschrieben und nachvollziehbar.
Auch Laurenz verändert sich sehr. War er anfangs noch der faszinierte junge Mann, geblendet von Olivieras Liebreiz und Schönheit, so erfährt man sehr bald, dass er sich auf eine heikle Angelegenheit eingelassen hat, die ihn in große Gewissensnöte stürzt. Als Leser erhält man faszinierende Einblicke in seine Gedanken- und Gefühlswelt und erfährt von seinen Ängsten, die so typisch für die damalige Zeit erscheinen, denn Laurenz' größte Furcht ist, in die Hölle zu kommen. Hin- und hergerissen zwischen dieser Angst und seiner Gier nach Erfolg und Anerkennung, verstrickt er sich immer tiefer in ausweglose Situationen. Seine junge Frau verliert er dabei immer mehr aus dem Blickfeld.

Die Handlung ist zum Großteil abwechselnd aus Olivieras und Laurenz' Sicht geschildert. Aber auch ein weiterer, sehr düsterer Charakter kommt zu Wort. Die Art, wie die Autorin ihre Protagonisten charakterisiert und wie sie Stimmungen und Gegebenheiten darstellt, ist so intensiv und ausdrucksstark, dass einem des öfteren ein Schauer über den Rücken läuft. Die Spannung, die sich von der ersten Seite an stetig aufbaut, hält bis zum Schluss, welcher gut und abgerundet ist und doch förmlich nach einer Fortsetzung schreit. Es gibt noch so viel, was ich über Oliviera und ihre künftigen Erlebnisse erfahren möchte, und so war ich hoch erfreut, zu erfahren, dass eine Fortsetzung tatsächlich bereits in Planung ist.

In diesem Roman widmet sich Silvia Stolzenburg äußerst interessanten Themen. Da ist einmal die Heilkunde der beschriebenen Zeit. Viele der damaligen Diagnosen lassen uns heute schmunzeln, anderes wirkt erstaunlich modern. Es ist interessant, Oliviera bei ihrem Tun über die Schulter zu schauen.
Ein weiteres Thema und zugleich ein kriminelles Kapitel, um das es hier geht, ist der kräftig florierende Handel mit falschen Reliquien.
Im Nachwort erklärt die Autorin, wie sie auf diese Themen gestoßen ist, und sieht man sich die Bibliografie näher an, gewinnt man einen kleinen Eindruck davon, wie aufwändig und gründlich hier recherchiert werden musste.
„Die Salbenmacherin“ mit interessanten und vielschichtigen Charakteren, einer spannungsreichen Handlung und jeder Menge Hintergrundwissen konnte mich vollends überzeugen und hat sich fünf Sterne redlich verdient!




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