Dienstag, 31. März 2015

Leah Eine Liebe in Hamburg - Karsten Flohr


Im April 1928, zu seinem 6. Geburtstag, erhält Johannes Bluhm von seinem Großvater ein gebundenes Tagebuch. Darin notiert er von diesem Zeitpunkt an alles, was ihn bewegt und was er erlebt. An der Art, wie das Tagebuch geschrieben ist und wie sich der Schreibstil langsam aber stetig verändert und reifer wird, kann man Johannes' Entwicklung vom Kind zum jungen Mann mitverfolgen. In seinem Tagebuch schildert er die Ereignisse der damaligen Zeit, schreibt über den immer stärker werdenden Einfluss und die Machtergreifung der Nationalsozialisten und über die verheerenden Folgen für die jüdische Bevölkerung. Besonders häufig und gerne aber schreibt er über seine große Liebe Leah. Die Beiden kennen sich von Geburt an und sind unzertrennlich. Aber Leahs Abstammung macht es nicht leicht, diese tiefe und unerschütterliche Liebe zu leben, denn Leah ist Jüdin. In seinem Tagebuch berichtet Johannes von schönen und von schrecklichen Zeiten, die sie gemeinsam erleben, bis Leah eines Tages spurlos verschwindet und Johannes verzweifelt zurück lässt.

Die Tagebucheinträge nehmen einen großen Teil des Romans ein und werden umrahmt von der Geschichte der Gegenwart, wo Bernhard Bluhm jeden Freitag seinen Großvater Johannes besucht und dieser eines Tages beginnt, ihm die alten Tagebücher zu zeigen und von seiner großen Liebe zu erzählen. Je mehr Bernhard über die Vergangenheit seines Großvaters erfährt, umso stärker ist er berührt davon, gefangen in dieser schrecklichen und zugleich schönen Geschichte.
Johannes' Tagebuch ist sehr realistisch und glaubwürdig geschrieben. Er und Leah sind ein ganz besonderes, sehr sympathisches Paar. Sie verbringen so viel Zeit wie irgend möglich zusammen und lassen sich selbst von den Maßnahmen und Sanktionen des Regimes nicht schrecken, auch wenn Leah im Lauf der Zeit fast alles verliert, was ihr am Herzen lag. Sie ist ein liebenswerter und zugleich starker Charakter und passt somit perfekt zu ihrem Johannes. Bis zuletzt arbeitet sie in der Fürsorge und betreut die Menschen, denen es noch schlechter ergeht als ihr selbst. Das Ende dieser innigen Beziehung ist abzusehen, und trotzdem oder vielleicht gerade deswegen ist es so unwahrscheinlich berührend.
Das Besondere an diesem Roman ist, dass er beginnt, als noch Normalität im Land herrschte und dass er die damalige Entwicklung im Lauf der Jahre mitverfolgt, als der Wahnsinn dieser Zeit immer mehr Raum des Alltags einnahm und als sich die politische Ideologie der Nationalsozialisten schleichend immer weiter ausbreitete, wie ein giftiges Gespinst.
Die Schrecken des Krieges bleiben Kulisse, aber umso verstörender ist es, zu erfahren, wie es den Juden damals im täglichen Leben erging. Für uns heute, die wir in einem freien Land leben und selbst entscheiden können, wo wir in der Gesellschaft stehen, ist es nur schwer zu verstehen, wie sehr sich damals der Staat in alles mögliche hinein drängte und wie stark er die Menschen beeinflusste, denn auch wenn die Protagonisten fiktiv sind, so ist alles andere nicht erfunden, sondern leider nur allzu real. Das Ende des Romans wiederum ist überraschend, versöhnlich und sehr berührend.
Ich kann den Roman von Herzen empfehlen, denn auf seine Art ist dieses kleine Buch, das nur ca. 220 Seiten dick ist, ein wichtiges Zeitzeugnis deutscher Vergangenheit und eine Ermahnung gegen das Vergessen.


1 Kommentar:

  1. Auch wenn es meist tragische Geschichten sind, finde ich sie doch sehr interessant. Vielen Dank für diesen Tipp.
    LG Petra

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