Donnerstag, 26. März 2015

Hüter des Erbes - Lynn Austin


Das Fundament zu Lynn Austins neuem Roman bildet eine Geschichte aus dem alten Testament. Im Buch Ester kann man nachlesen, dass es im Jahr 473 v. Chr. einen Erlass des persischen Königs gab, dass alle Juden in seinem Herrschaftsbereich am 13. Tag des Monats Adar getötet werden dürften. Beeinflusst wurde Artaxerxes zu dieser Entscheidung von seinem Beamten Haman, der auf diese Weise seinen Hass gegen die Juden befriedigen wollte. Hamans Widersacher Mordechai, ebenfalls Jude und Königin Esters Cousin, sucht einen Weg, seinen Glaubensbrüdern in dieser Not zu helfen. Mit Esters Unterstützung und wachsendem Einfluss auf den König gelingt es ihm, einen zweiten Erlass zu erwirken, der besagt, dass sich die Juden wehren dürfen.
Diese schwierige Zeit im Leben der babylonischen Juden erzählt die Autorin anhand von Esra, einem Gelehrten, der mit seinen Brüdern und deren Familien in Babylon lebt. Als der erste Erlass des Königs bekannt wird, ist die Verzweiflung der Betroffenen groß. Wie sollen sie weiterhin arbeiten und leben, als wäre nichts geschehen, um auf den Tag zu warten, an dem sie umgebracht werden sollen? Der zweite Erlass bringt die Erleichterung, denn auch wenn sich schwere Kämpfe nicht vermeiden lassen, bleibt durch diese unverhoffte Wendung doch ein Großteil der Juden am Leben. Aber fast jede Familie hat nach dem schicksalsträchtigen Tag im Adar Verluste zu beklagen. Auch Esra betrauert den Tod seines Bruders. Ehe er sich versieht, wird er mit der Aufgabe betraut, das jüdische Volk künftig anzuleiten, nach den strengen Regeln der Thora zu leben. Angesichts dieser großen Verantwortung wagt er sich einige Jahre später vor den König, um diesen zu bitten, den babylonischen Juden die Rückkehr ins geheiligte Land ihrer Vorväter zu erlauben. Als sie die Erlaubnis und großzügige Unterstützung des Königs Artaxerxes erhalten, scheint das Glück vollkommen, aber es gibt neue Herausforderungen und unbekannte Hindernisse, nicht nur auf der langen Reise nach Jerusalem, sondern auch, als sie am Ziel angelangt sind, denn nun ist es Esras Aufgabe, die Verhältnisse im gelobten Land zu ordnen und den Glauben zu stärken. Dabei gerät er in schwere Gewissenskonflikte.
Unterstützung und so manchen lebensklugen Rat findet er bei seiner geliebten Frau Deborah, die so ganz anders ist als die meisten Ehefrauen, denn sie sagt offen, was sie denkt. Es ist für Esra nicht immer angenehm oder bequem, aus ihrem Mund die Wahrheit zu hören, aber Deborahs Worte bieten ihm oft eine wichtige Entscheidungshilfe.
Es gibt zwei weitere Erzählstränge, die erst später mit Esras Geschichte zusammenlaufen. Hier geht es einmal um Ruben, den Sohn eines jüdischen Schmieds. Er ist erst zwölf, als sein Vater an diesem tragischen 13. Tag des Adar getötet wird. Als Ruben auch noch sein Erbe, die geliebte Schmiede seines Vaters, verliert, kommt er vom Glauben ab und gerät auf die schiefe Bahn.
Und dann ist da noch Amina, eine junge Edomiterin. Sie hat einen verkrüppelten Fuß, und ihre Familie verachtet sie deswegen. Schelte und Schläge prägen ihre unglückliche Kindheit. Sie verliert am 13. Adar ihre ganze Familie, als die Edomiter gesammelt gegen die Juden in den Kampf ziehen. Obwohl sie zu den Feinden gehört, findet die junge Waise in einer jüdischen Familie freundliche Aufnahme. Im Lauf der kommenden Jahre findet sie zum jüdischen Glauben, doch gerade als sie ihr großes Glück gefunden hat, werden all ihre Hoffnungen und Träume zerstört.

Lese ich die entsprechenden Bibelstellen, so empfinde ich diese meist als sehr sachlich, trocken und emotionslos. Es werden Fakten und Namen aufgezählt, und es fällt mir schwer, mich anhand dieser kurzen Abschnitte in die Geschichte hinein zu denken. Lynn Austin ist es ganz hervorragend gelungen, diese vielschichtige Handlung mit Leben zu erfüllen und mich damit zu fesseln. Sie beschreibt die einzelnen Personen so gut und ausführlich, dass man sich in ihre Lage hineinversetzen kann. Man bangt mit den Juden, wenn sie dem schicksalhaften Tag im Adar entgegensehen, an dem sie ihr Todesurteil erwartet. Die Autorin schreibt sehr einfühlsam und lässt einen an den Gefühlen und Gedanken der Protagonisten teilhaben. Jeder geht aufgrund seiner Wesensart anders mit den Problemen um. Es wird auch deutlich, dass nicht alle Juden fest in ihrem Glauben waren, sondern oft zweifelten und dass schwere Schicksalsschläge manche zur Abkehr von ihrem Gott brachten. Selbst Esra, der Gelehrte, der die Thora kennt wie kein anderer, ist über Zweifel nicht erhaben und muss seine Beweggründe immer wieder hinterfragen.

Es gäbe noch so viel zu diesem Roman zu sagen, denn viele Passagen haben mich zum Nachdenken angeregt oder manchmal schwer ins Grübeln gebracht. Das ist wirklich ein Buch, das ich sicher nach gegebener Zeit erneut lesen werde, denn hier wird nicht einfach nur ein historischer Roman erzählt, sondern man erkennt beim Lesen vieles, was man vorher, anhand der kurzen Bibelstellen, nicht gesehen hat. Es gibt auch, besonders im letzten Teil des Buches, einige Themen, die ich nicht so ganz verstehe bzw. die ich nicht nachvollziehen kann und mit denen ich mich noch ausgiebiger beschäftigen möchte, weil sie in mir Zweifel erwecken, beispielsweise wenn es um ein „Verbot von Mischehen“ geht, wie es in der Thora steht. Dies ist ein Begriff, der bei mir einen schalen Beigeschmack hat und den ich bisher nur in anderem Zusammenhang kannte, wo dieses Verbot auch von ganz anderer Seite und aus anderen Gründen erlassen wurde. Meine Gedanken haben oft unwillkürlich eine Brücke zur Gegenwart geschlagen, und ich habe mich nach dem Warum gefragt, denn wenn man die Geschichte betrachtet, war das jüdische Volk schon immer großen Anfeindungen ausgesetzt, schon hunderte Jahre vor Christus, aber auch bis heute kam dieses Volk kaum jemals zur Ruhe, denn immer wieder gab es wahnsinnige Despoten, die ein ganzes Volk einfach auslöschen wollten.

Meines Erachtens ist dies ein Roman, der nicht nur religiöse Menschen anspricht, sondern auch Zweiflern und Kritikern viele Denkanstöße liefert und Lust darauf macht, mehr zu erfahren.

Es handelt sich bei „Hüter des Erbes“ um den zweiten Teil einer Trilogie und somit die Fortsetzung von „Fremde Heimat“. Man kann jedes der Bücher aber auch problemlos einzeln lesen.



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