Freitag, 27. März 2015

Couchsurfing im Iran–Stephan Orth

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Stephan Orth war im Iran unterwegs. Seine Erlebnisse als   Couchsurfer hat er in diesem Buch sehr eindrucksvoll geschildert. Es handelt sich um einen chronologischen Reisebericht in ein Land, das die wenigsten von uns näher kennen. Mir geht es zumindest so, dass ich eigentlich nur ab und zu durch negative Pressemeldungen etwas über den Iran erfahren habe. Auch der Autor trat diese Reise mit teilweise recht gemischten Gefühlen an. Er berichtet,  dass die Angst auf Reisen eigentlich immer dabei ist, denn als Ausländer macht man sich schnell verdächtig, wird sogar schnell der Spionage bezichtigt, wenn man zu viel oder die falschen Objekte fotografiert. Der offizielle Eindruck ist wohl der eines States, wo Menschenrechte sehr klein geschrieben werden.

Durch diese spezielle Reiseform, (die, wie könnte es auch anders sein, im Iran verboten ist) hat der Autor jedoch ganz eigene, besondere Einblicke gewonnen. Als Couchsurfer übernachtet man nicht im Hotel, sondern bezieht über eine zentrale Plattform die Adressen von Privatleuten, die dem Reisenden ein Zimmer, Bett, Sofa oder manchmal auch nur einen Teppich zur Verfügung stellen und im Gegenzug, wenn sie selbst auf Reisen sind, ebenfalls von Couchsurfern für eine oder mehrere Übernachtungen aufgenommen werden. Das läuft alles recht spontan und unkonventionell ab, und dadurch ergeben sich natürlich ganz andere Möglichkeiten für Kontakte oder intensive Gespräche. Stephan Orth hat hinter verhängten Fenstern eine Freiheit entdeckt, welche sich die Iraner einfach selbst schaffen. Was offiziell verboten ist, wird im privaten Rahmen intensiv gelebt. So gibt es ein sehr lebendiges Netz an Couchsurfern im ganzen Land, obwohl bei Entdeckung Gefängnisstrafen drohen, weil der Besuch vieler verschiedener Ausländer schon wieder Verdacht erregt. Hinter verhängten Fenstern feiern die jungen Leute genauso wie in anderen Ländern. So vieles ist nicht erlaubt in diesem Land, das andererseits so viel Sehenswertes, landschaftliche Schönheit und überall herzliche, sehr gastfreundliche Menschen zu bieten hat. Das Buch ist in einzelne Abschnitte gegliedert, die Stephan Orths verschiedene Reisestationen dokumentieren. Eingangs gibt es jeweils eine kleine Skizze und Informationen zur genauen Lage und Einwohnerzahl der jeweiligen Stadt. Ein umfangreicher Fototeil, zusammen mit der lebendigen Erzählweise, lassen ein ganz neues Bild dieses Landes entstehen. Der Autor hat ein gutes Gleichgewicht gefunden, zwischen humorvollen und ernsten Tönen, zwischen der Beschreibung des Landes und seiner Menschen. Er hat erstaunlich viel Schönes und Amüsantes zu berichten, sieht aber gleichzeitig nicht über das Negative und die Kritikpunkte hinweg, die es in diesem Land leider ebenfalls reichlich gibt.

Da der Autor kaum länger als zwei Tage an einem Ort geblieben ist, sondern ständig auf Reisen quer durchs ganze Land war, konnten sich keine wirklich intensiven Freundschaften mit den Einheimischen entwickeln, wie er selbst schreibt. Aber er hat viele sympathische Menschen kennengelernt, interessante Gespräche geführt und oft erfahren, dass es eine tiefe Kluft gibt, zwischen dem, was die Regierung bestimmt oder als das einzig Wahre festlegt und dem, was die Menschen im Land wollen. Letztendlich ist es ein objektives, informatives und kritisches, aber auch ein optimistisches Buch. Trotz aller Untersagungen, Gesetze und Gebote gibt es glücklicherweise die Freiheit des Geistes, denn Wünsche, Hoffnungen und Träume kann man nicht verbieten.

5sterne

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