Mittwoch, 12. November 2014

Willkommen zuhause! – Katja Altenhoven

 

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Nach dem Unfalltod ihres Mannes fühlt sich die 45-jährige Renée nicht mehr wohl in ihrer riesigen Wohnung in Kreuzberg. Mit mehr als 300 m2 ist das Areal viel zu groß für sie, und die Kinder sind schon lange aus dem Haus. Allein gelassen mit ihrer Trauer kommt sie sich regelrecht verloren vor, und jedes Zimmer birgt Erinnerungen an ihren Mann Martin. Je länger sie über ihren anfänglichen Entschluss, die Wohnung zu verkaufen, nachdenkt, umso mehr Zweifel schleichen sich ein, und so fasst sie einen außergewöhnlichen Plan. Sie möchte eine Wohngemeinschaft gründen, zusammen mit ihren langjährigen Freunden. Nach zwei Test-Urlaubswochen in einem Haus in der Uckermark beschließen sie, es zu wagen, und es ziehen der Arzt Michael und Renées Freund aus Kindertagen, der pensionierte Musiklehrer Wille sowie das ungleiche Ehepaar Anne und Pavel zu Renée in die riesige Wohnung. Aber kaum haben sich die Bewohner an ihr neues Heim und aneinander gewöhnt, kommen ungeahnte Probleme auf sie zu, die alles in Frage stellen.

Betrachtet man das Cover, mit dem bunten Stilleben aus verschiedenen Kaffeetassen, so vermutet man einen fröhlichen und turbulenten Roman dahinter. Turbulent ist er auch, aber als fröhlich kann man ihn ganz und gar nicht bezeichnen, dazu sind die Ereignisse viel zu ernsthaft. Man begleitet die Protagonisten bei ihren  Bemühungen, sich in ihrer neuen Wohn- und Lebenssituation zurechtzufinden. Die erste Hälfte des Romans beschäftigt sich erst einmal mit dem Kennenlernen der verschiedenen Charaktere. Michael ist ein gutmütiger, ein klein wenig eigenbrötlerischer Kerl, für den Renée immer noch die Liebe seines Lebens ist. Will, der ehemalige Musiklehrer und Jazzliebhaber, verehrt die Werke seines großen Idols Miles Davis und spielt selbst in einer Jazzband. Anne, die Bundestagsabgeordnete und ihr Mann Pavel, der Leiter eines Seniorenheims, sind wie Feuer und Wasser. Bei ihnen trifft der Satz zu, dass sich Gegensätze anziehen. Man wird ausführlich mit den verschiedenen Charakteren vertraut gemacht und kann sie sich gut vorstellen. Obwohl sie eigentlich diejenige ist, mit der alles beginnt, bleibt Renée durchgehend ein wenig blass; die anderen Persönlichkeiten wirken alle dominanter.
Wie sie sich langsam aber sicher zusammenraufen und dann beschließen, die Wohngemeinschaft wirklich zu wagen, ist sehr ausführlich geschildert, und ich muss zugeben, es hat sich meines Erachtens ziemlich in die Länge gezogen. Richtig interessant wird es dann nach dem Zusammenzug. Man erfährt, wie die Bewohner sich arrangieren, miteinander umgehen und bemüht sind, gemeinsame Aktivitäten einzuplanen. Das Konzept dieser Ü40-Wohngemeinschaft ist außergewöhnlich, aber durchaus erfolgversprechend. Sehr bald jedoch tritt ein Fall ein, der die sorgfältige Planung und Struktur des Zusammenlebens ins Wanken bringt. Nun sind alle Mitglieder der WG gefordert und müssen sich fragen, ob sie sich zutrauen, das schwierige Problem gemeinsam anzugehen.
Die Lebensform, welche die Autorin hier beschreibt, ist heutzutage noch ungewöhnlich, aber zukunftsträchtig, und ich sehe die Entwicklung dahin auch sehr positiv, denn gerade in Großstädten, wie in diesem Fall in Berlin, sind viele ältere oder alte Menschen einsam. Der Roman greift dabei wichtige Themen auf, die gerade bei einer Wohngemeinschaft aus Älteren immer auftauchen können. Gibt es derartige Probleme, wie sie hier geschildert werden, stellt das die Belastbarkeit einer WG enorm auf die Probe. Der Roman zeigt, wie sich die Menschen dieser Geschichte entscheiden und arrangieren und wie sie sich die Zukunft vorstellen, aber er lässt offen, ob es auch wirklich auf Dauer klappen kann. Auf jeden Fall gibt er Denkanstöße und lädt dazu ein, die Entwicklung für die Protagonisten weiterzuspinnen und sich zu überlegen, wie man selbst mit einer ähnlichen Situation umgehen würde. Es ist ein Roman, der sehr nachdenklich macht, denn die Sachlage ist sehr realistisch dargestellt und zeigt viele Schwierigkeiten auf, mit denen wir, so oder ähnlich, selbst im Lauf unseres Lebens konfrontiert werden können. Auch wenn der Anfang etwas schleppend war, hat mich die zweite Hälfte des Buches dann richtig gepackt und bewegt. Diese Steigerung war für mich ausschlaggebend, dem Roman dann letztendlich doch volle fünf Sterne zu geben.

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