Donnerstag, 21. August 2014

Der Garten über dem Meer - Jane Corry

Der Garten über dem Meer
Jane Corry
Blanvalet Verlag
608 Seiten
ISBN 3764504935

„Alle Dinge kehren an den Anfang zurück...“

Der Roman beginnt im Jahr 1866, in Devon. Man lernt Mary Rose Marchmont kennen. Als ihre Mutter im Sterben liegt, vertraut sie dem Mädchen einen Rubinring an. Mary Rose soll ihn bewahren, denn wenn er in die falschen Hände gerät, bringt dies der Familie Unglück. Nach dem Tod der Mutter lebt Mary Rose eine Zeitlang allein mit ihrem Vater in dem Haus auf den Klippen, umgeben von einem wunderschönen Garten. Aber dann zieht eine neue Gouvernante für Mary Rose ein, und alles verändert sich.

Ein zweiter Erzählstrang spielt in der Gegenwart. Die junge Malerin Laura Marchmont findet in Charles die Liebe ihres Lebens, und die frisch Vermählten ziehen in ein schönes, renoviertes Haus, das direkt auf den Klippen liegt und dem sich ein bezaubernd schöner Garten anschließt. Von ihrer Großmutter erbt Laura eine Reihe alter Sticktücher, die anscheinend von einer entfernten Verwandten angefertigt wurden. Die Stickereien zeigen ebenfalls ein Haus mit einem wunderbaren Garten, der dem ähnelt, welcher sich an Lauras neuem Heim befindet. Unweigerlich beginnt die junge Frau, sich mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen, und sie möchte herausfinden, was es mit der starken Anziehungskraft auf sich hat, die der alte Garten auf sie ausübt. Dabei stößt sie auf ein düsteres Geheimnis.

Der Roman spielt immer abwechselnd auf zwei Zeitebenen.
Einerseits ist da Mary Rose, anfangs noch ein kleines Mädchen, das schon so viel Unglück erlebt hat. Sie scheint einfach zu gut für die Welt zu sein, und trotzdem lässt sie sich ab und zu verleiten, die Unwahrheit zu sagen oder die Wahrheit zu verschweigen. Anfangs schweißen Trauer und Verlust Vater und Tochter zusammen, denn sie haben das Liebste verloren, als Lady Marchmont bei der Geburt ihres zweiten Kindes verstarb. Aber nach und nach wendet sich der Vater von Mary Rose ab, was vermutlich hauptsächlich der Anwesenheit einer neuen Frau geschuldet ist. Aber er verliert auch das Vertrauen in sein einziges Kind, so sehr sich Mary Rose auch anstrengt, alles richtig zu machen und jedem gerecht zu werden.Die Reaktion des Vaters ist irritierend und gefühllos. Mary Rose wirkt anfangs sehr naiv und ist unerschütterlich im Glauben an die Liebe ihres Vaters. Das Schicksal, das der jungen Frau bevorsteht, ist geradezu unmenschlich.

In zweiten großen Handlungsstrang lernt man Laura Marchmont kennen. Sie ist eine sympathische junge Frau, die in London lebt und arbeitet. Als sie Charles Haywood kennenlernt, wird schnell klar, dass dies der Mann ihrer Träume und ihre große Liebe ist. Ihm zuliebe lässt sie ihr Leben in London hinter sich und folgt ihm in seine Heimat nach Devon. Direkt an der Steilküste von Seamouth finden sie das Haus ihrer Träume. Leider entwickeln sich diese für Laura nach und nach zu Alpträumen, was man angesichts der angespannten Situation gut verstehen kann, denn Charles hat aus erster Ehe zwei halbwüchsige Töchter, die ganz und gar nicht mit Laura einverstanden sind und sie boykottieren, wo immer es geht. Charles reagiert mit allzu großer Gutmütigkeit, was wiederum auch verständlich ist, denn er liebt seine Töchter und möchte sie nicht verlieren. Aus diesem Grund meidet er jede Konfrontation, beschwört aber Unfrieden in seiner jungen Ehe herauf.

Der Schreibstil hat mir sehr gut gefallen, wenn er auch in den Abschnitten der Vergangenheit manchmal etwas betulich wirkt, immer wenn etwas aus Mary Rose's Sicht geschildert wird. Aber das ändert sich mit der Zeit, je älter Mary Rose wird, denn das Schicksal macht sie hart. Was ihre Familie und ihre Freunde ihr antun, dass sie grundsätzlich nur das Oberflächliche sehen, ohne auch nur einmal etwas zu hinterfragen, war schon ein schwerer Brocken. Besonders aus dem Vater bin ich nicht schlau geworden. Kann es möglich sein, dass jemand so völlig den Verstand und jegliches Vertrauen ausschaltet? Ralph Marchmont blieb eher blass und wirkte auf mich wie ein schwacher Charakter, der seiner zweiten Frau blind ergeben ist und sein eigenes Kind dafür im Stich lässt.

Aus diesen zwei Handlungssträngen hat die Autorin einen faszinierenden und fesselnden Roman geknüpft. Hat man sich erst einmal eingelesen, so fliegt man förmlich durch das Buch, um zu erfahren, wie die Schicksale zusammenhängen, welche Verbindungen es zwischen der Vergangenheit und der Gegenwart gibt und wie die Geschichte für die beiden Protagonistinnen ausgeht. Vielleicht ist so mancher Zufall, den die Autorin hier vom Schicksal bestimmen lässt, etwas arg konstruiert, aber es liest sich alles auf jeden Fall sehr interessant und unterhaltsam. Lediglich der Versuch, auch noch eine mystische Komponente in die Story zu bringen, war mir persönlich etwas zu viel und nicht so ganz passend. Aber für Liebhaber alter, geheimnisvoller Familiengeschichten ist dieses Buch auf jeden Fall gut geeignet und sicher eine spannende Lektüre.




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