Donnerstag, 3. Juli 2014

Der Reiter der Stille - Gonzalo Giner

Der Reiter der Stille
Gonzalo Giner
Blanvalet Verlag, 764 Seiten
ISBN: 3764504528

Die Geschichte beginnt im Jahr 1522, im südlichen Spanien. In einem Pferdestall kommt ein Kind zur Welt. Es handelt sich um den Protagonisten des Romans. Seinen ersten Atemzug tut der kleine Yago in Gegenwart eines Pferdes, und zu diesen edlen Tieren hat er auch von Anfang an eine ganz besondere Beziehung. Im Roman begleitet man Yago fast drei Jahrzehnte auf seinem Lebensweg, und dieser ist nicht einfach. Der Junge ist anders, denn schon frühzeitig zeigen sich bei ihm autistische Züge. Autismus war zur damaligen Zeit noch völlig unbekannt, und so wurde Yago schon im Kindesalter als sehr sonderbar, sogar als schwachsinnig, betrachtet. In den ersten Jahren lernt er keine Liebe oder Zuneigung, sondern nur Einsamkeit und Leid kennen, und da er es nicht anders kennt, hält er es für normal. Erst die Begegnung mit dem Kartäusermönch Camilo zeigt dem Jungen, dass das Leben auch ganz anders sein kann. Durch Camilo erfährt er Zuneigung und Freundschaft, aber immer wieder treten Ereignisse in seinem Leben ein, die ihn einem ungewissen, elenden Schicksal ausliefern und mit Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit erfüllen. Es dauert sehr lange, bis Yago seine Bestimmung und seinen Platz im Leben findet und erkennt, dass auch er geliebt und gebraucht wird.

Mit Yago hat dieser Roman einen außergewöhnlichen Helden, der einerseits, bedingt durch seine autistischen Züge, oft auf Hilfe und Unterstützung angewiesen ist, der aber auch mit jedem Schicksalsschlag, den er erleidet, stärker wird. „Der Reiter der Stille“ ist für mich nicht nur ein historischer Roman, sondern ich betrachte ihn auch als Entwicklungsroman, denn es ist faszinierend, Yago bei seinen Erfahrungen zu begleiten und zu sehen, wie er sein Leben meistert. Auch sonst hat die Geschichte viele interessante Charaktere zu bieten, positive wie auch negative. Yago findet Menschen, die Verständnis für ihn haben, ja er erfährt sogar, was Liebe ist. Aber es gibt auch die andere Seite im Roman, wo Herzlosigkeit und Brutalität an der Tagesordnung ist, wo ohne Skrupel Menschen gequält und vermarktet werden. In Yagos Leben sieht es lange Zeit so aus, als würden die schlimmen Erfahrungen überwiegen. Einzig bei den Pferden findet er immer Zuflucht und Trost. Er verfügt über die einzigartige Fähigkeit, diesen Tieren in die Seele zu blicken. Ich muss gestehen, dass ich mich mit Pferden bisher kaum beschäftigt habe und auch nicht auskenne, worauf es bei der Zucht und Dressur dieser Tiere ankommt. Hier merkt man sehr klar, dass der Autor praktizierender Tierarzt ist und weiß, wovon er schreibt. Wie er die Verhaltensweisen und Wesensarten der verschiedenen Rassen erklärt, ist für mich gut nachvollziehbar und interessant dargestellt. Auch die historischen Hintergründe sind mit einer Fülle von Informationen ausgeführt.  Das Zeitalter der Renaissance, wo man Pferde nicht mehr nur nach ihrem Nutzen sondern auch aufgrund ihrer Schönheit und Anmut betrachtete und würdigte, wird hier sehr lebendig und farbenprächtig geschildert. Nicht zuletzt das Thema Autismus, mit dem sich der Autor sehr intensiv auseinandersetzt, macht diesen Roman zu einem fesselnden Leseerlebnis. Auf über 700 Seiten ist die Vielfalt menschlicher Taten und Erkenntnisse ausgebreitet. Da geht es um Liebe und Treue, um Ehre und Mut, aber auch um Verrat, Intrigen und Gewalt. Der geradlinige, unkomplizierte Schreibstil und die vielfältige, packende Handlung machen das Buch zu einem mitreißenden Pageturner.   




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