Samstag, 14. Juni 2014

Die letzte Jüdin von Würzburg - Roman Rausch

Roman Rausch
Die letzte Jüdin von Würzburg
rororo, 508 Seiten
ISBN: 9783499268038

Straßburg 1349: Nur mit dem nackten Leben entkommt die junge Jüdin Jaelle dem Pest-Pogrom. Alle anderen Mitglieder der jüdischen Gemeinde finden den Tod, auch Jaelles Vater, und ihr ganzes Hab und Gut ist verloren.  Verkleidet als Mann flieht sie nach Würzburg, wie es ihr der Vater vor seinem Tod geraten hat. Dort sucht sie bei Rabbi Moshe Schutz und Unterkunft, denn über ihre Verwandten, die laut ihrem Vater in Würzburg leben sollen, weiß sie nichts Genaueres, und alle schriftlichen Aufzeichnungen über die Familie gingen bei der überstürzten Flucht verloren.
Auf ihrem Weg nach Würzburg begegnet ihr Michael de Leone, der Berater des Bischofs. De Leone findet Gefallen an dem jungen Johan, wie sich Jaelle jetzt nennt, und bietet ihm eine Stelle an. Bald gerät Jaelle zwischen die Fronten, denn einerseits erhofft sich de Leone Informationen von ihr über die jüdische Gemeinde, der Rabbi wiederum sieht eine Chance, durch Jaelle aus erster Hand über Entscheidungen des Bischofs und des Würzburger Rats  informiert zu werden. Weiterhin als junger Mann getarnt hält Jaelle Augen und Ohren offen und erfährt schier Unglaubliches. Während sie noch über die Zusammenhänge forscht, macht auch vor Würzburgs Toren der Hass auf die Juden nicht Halt.

Wie schon in seinen bisherigen historischen Romanen hat sich Roman Rausch auch diesmal wieder ein düsteres Kapitel seiner Heimatstadt Würzburg vorgenommen. Ging es in früheren Büchern um die Hexenverfolgung, so führt uns der neueste Roman ins 14. Jahrhundert, wo sich der Hass der Bevölkerung auf die ansässigen Juden konzentrierte. Dies war nicht nur in Würzburg der Fall, sondern es brodelte überall im Land, und in vielen Städten wurden die jüdischen Gemeinden ausgerottet.
Die Handlung des Romans lehnt sich stark an historische Tatsachen an, und auch Michael de Leone, der männliche Hauptcharakter, ist keine fiktive Figur, sondern es hat ihn tatsächlich gegeben. Vieles über die damaligen Zusammenhänge, Beziehungen und Ereignisse kann nicht mehr konkret nachgewiesen werden, sondern lässt uns heute nur mutmaßen. Aber das macht es ja gerade so interessant, wenn auch bestürzend, dass es, wie hier, dem Autor gelungen ist, die Lücken in der Geschichtsschreibung logisch und glaubwürdig mit Leben zu füllen. Dass auch die Berichte über die Morde, die an den Juden verübt wurden, auf tatsächlichen historischen Begebenheiten beruhen, macht die Handlung authentisch und zugleich so erschütternd. Der Autor hat sich hier eines sehr unbequemen Themas angenommen. Über die damalige Denkweise und die Art, alle Probleme einer bestimmten Bevölkerungsgruppe anzulasten, kann man nur den Kopf schütteln, und doch war es ja wirklich so ähnlich, und derartige Verblendung mit schrecklichen Folgen findet man auch in der Gegenwart. Es hat sie nicht nur im Mittelalter gegeben; so weit müssen wir in der Geschichte leider gar nicht zurückgehen.
Es ist kein „schöner“ Roman, und ich zögere, das Buch als „unterhaltsam“ zu bezeichnen, denn dazu ist es zu ernst. Die Protagonisten wahren eine gewisse Distanz, sie lassen sich nicht in die Seele schauen. Zwar gibt es durchaus Momente, wo starke Gefühle im Spiel sind, aber der Titel macht bereits deutlich, dass es kein Happy End geben wird. Insofern ist es auch gut, dass einem die einzelnen Charaktere nicht allzu sehr ans Herz wachsen.
Die realistische Darstellung der Ereignisse zeugt von komplexen Nachforschungen und einer umfangreichen Recherche zur Geschichte Würzburgs und auch besonders zu jüdischen Bräuchen und Sitten.
Das faszinierende Coverbild, welches sich am Beginn eines jeden Kapitels wiederholt, stammt aus einer alten hebräischen Schrift, der „Barcelona Haggadah“, und passt sehr gut zum gesamten Konzept.
Wer kurzweilige, romantische Literatur sucht, wird an dem Roman keine Freude haben. Das Buch ist etwas für Leser, die Wert auf eine möglichst wirklichkeitsnahe, nicht verklärte oder beschönigte Darstellung legen und sich zugleich von den Spekulationen und Schicksalen fesseln lassen, die der Autor für seine Protagonisten erdacht hat. Von meiner Seite gibt es eine klare Leseempfehlung. 



1 Kommentar:

  1. Das klingt super, vor allem, weil ich mich gerade jetzt intensiv mit der jüdischen Religion befasst hab (ich hab an dem Friedhofs-Post fast 1 Woche geschrieben).
    Das wird bestimmt irgendwann meins, auch das Cover ist so verlockend.

    LG und einen schönen Sonntag noch!

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