Mittwoch, 19. März 2014

Hansetochter - Sabine Weiß



Lübeck 1376: Henrike, die behütete Tochter des angesehenen Hansekaufmanns Konrad Vresdorp, führt ein unbeschwertes, sorgenfreies Leben. Als der Vater unverhofft stirbt, bricht für die junge Frau eine Welt zusammen. Die Vormundschaft für sie und ihren Bruder Simon liegt nun bei ihrem verhassten Onkel Hartwig. Ihm kann es gar nicht schnell genug gehen, nach dem Tod des Bruders dessen Geschäfte und Vermögen an sich zu reißen. Henrike muss ohnmächtig zusehen, wie er auch vor ihrem Erbe nicht Halt macht. Die Geschwister werden getrennt, und für beide beginnt eine schwere Zeit. In ihrer Not sucht Henrike Rat und Hilfe bei Adrian Vanderen, einem jungen Kaufmann und Geschäftspartner ihres Vaters, dem sie vertrauen kann. Wird sie mit seiner Hilfe das Schlimmste verhüten können und zu ihrem Recht kommen?

Mit diesem Roman hat sich die Autorin einen Wunsch erfüllt, wie man im Nachwort lesen kann. Im Gegensatz zu ihren bisherigen Romanen, deren Protagonistinnen wirklich gelebt haben, ist Henrike, die Heldin des aktuellen Buches, samt ihrer Familie, frei erfunden. „Mit fiktiven Charakteren lässt es sich freier fabulieren“, erklärt die Autorin. Trotz dieser gewonnenen künstlerischen Freiheit spürt man hinter jedem Satz die sehr gründliche Recherche. Die Stadt Lübeck, die weitreichenden und verzweigten Verbindungen der Deutschen Hanse, die Situation der Kaufleute und das gemeine Stadtleben, über all das erfährt man sehr viel und kann sich ein lebendiges Bild davon machen.
Für mich war es wieder einmal erschreckend zu sehen, wie nachlässig wohl die damalige Rechtsprechung war. Eine minderjährige Waise hatte anscheinend zu dieser Zeit kaum einen Schutz gegen den Zugriff habgieriger oder bösartiger Verwandter.
Auch diverse damalige Gepflogenheiten, die von der Autorin geschildert werden, wie beispielsweise die “Bergener Spiele“, mit denen Simon konfrontiert wird, als er mit seinem Cousin nach Norwegen fährt, muten grausam an. Dieses Thema hat mich nachhaltig beschäftigt, und ich wollte anfangs kaum glauben, dass es sich dabei um ein authentisches Ereignis handelt. Aber ich brauchte nicht lange zu suchen. Schon die ersten Nachforschungen bei Wikipedia brachten mir die Gewissheit, dass es dies damals wirklich gegeben hat.

Im Verlauf der Handlung wird man mit ganz unterschiedlichen Charakteren konfrontiert. Da ist einmal Henrikes niederträchtige Verwandtschaft in Lübeck, ihr Onkel Hartwig mit seiner Familie. Glücklicherweise gibt es noch eine Tante, die in der Nähe von Travemünde einen Gutshof verwaltet und bei der Henrike einige Zeit verbringen kann. Zu ihr baut die junge Frau eine innige Beziehung auf und fühlt sich wohl in ihrem Haus. Aber es bleibt die Angst vor der Zukunft und die Sorge um ihren Bruder, den sie in Lübeck zurücklassen musste.
Bei Henrike merkt man sehr deutlich ihre Jugend und den Umstand, dass sie bisher ein sehr behütetes Leben geführt hat. Sie wirkt in mancher Beziehung etwas naiv, und ihre Gutgläubigkeit wird ihr nicht nur einmal fast zum Verhängnis. Der attraktive Adrian schlägt sich mutig gegen Piraten und bringt Henriette einerseits Zuneigung entgegen, wirkt aber dazwischen oft sehr unentschlossen, so dass ich ihm gerne manches Mal einen Schubs in die richtige Richtung gegeben hätte.
Insgesamt hat mich dieser Roman gut unterhalten. Man sollte sich beim Lesen Zeit lassen, um die enthaltene Fülle an wissenswerten Informationen bewusst aufnehmen zu können. Historisches Wissen wird hier umfassend und zugleich unterhaltsam präsentiert. Es gab in der Handlung jedoch einige kleinere Punkte, die für mein Empfinden keinen befriedigenden Abschluss gefunden haben. Manches wurde anfangs thematisiert und verlief dann irgendwie im Sand, wurde höchstens noch einmal vage am Rande erwähnt. Das hat zwar auf den Ausgang der Geschichte keinen Einfluss, aber da meine Neugierde nun einmal geweckt war, hätte ich gerne auch hier noch eine zufriedenstellende Erklärung gehabt. Darum hat es nicht ganz zu fünf Sternen gereicht. Trotzdem möchte ich betonen, dass es sich hier um ein hervorragendes und „gehaltvolles“ Buch handelt, das sich kein Liebhaber historischer Romane entgehen lassen sollte.



Dieses Buch habe ich vom Bastei Lübbe Verlag, über eine Aktion durch Blogg-dein-Buch erhalten, vielen Dank. Der Roman kann u.a.direkt beim Verlag bestellt werden: Klick

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