Mittwoch, 29. Januar 2014

Die rote Lene - Renate Habets


Als jüngstes von sechs Geschwistern wächst Lene in dem kleinen Ort Mittelhof im Westerwald auf. Sie ist an einem 25. Februar geboren, und Menschen mit diesem Geburtsdatum sagt man unheimliche Fähigkeiten nach. Als einzige in der Familie hat sie rotes Haar. Schon von klein auf führt sie ein Außenseiterdasein, denn wegen ihrer roten Haare wird sie nicht nur von den Mitschülern gehänselt, sondern auch in der eigenen Familie ausgegrenzt. Alle nennen sie nur „die ruure Lene“ oder „Feuerkopf“. Auch Peter, ihr großer Bruder, steht ihr ablehnend gegenüber und bezeichnet sie sogar als Hexe.
Die Bedingungen, unter denen sie aufwächst, prägen das stille, in sich gekehrte Mädchen. Sie hat wenig Freunde, lediglich die gleichaltrige Louise versteht sich gut mit ihr, und dann ist da noch Klaas, der mit seinen Eltern nach Mittelhof zieht, ebenfalls „annerscht“, schon seines Namens wegen. Er versteht Lene, und sie verbringen in ihrer Kindheit und Jugend viel Zeit miteinander.
Irgendwann lernt Lene den Fabrikantensohn Rudolf Breuer aus Köln kennen, der zur Erholung, bei einem entfernten Verwandten, im nahe gelegenen Altenbrendebach weilt.
Mit ihm erlebt sie die große Liebe; sie verlässt heimlich den elterlichen Hof und folgt ihm nach Köln. Die beiden heiraten, und Rudi ist stolz auf seine schöne Ehefrau. Wirkliches Verständnis hat er jedoch nicht für sie. Ihm zuliebe und auf Wunsch der strengen Schwiegermutter lässt sie nicht nur ihre Wurzeln, sondern auch ihren Dialekt, sogar ihren Namen hinter sich. Künftig soll sie „Magda“ genannt werden. An Rudis Seite führt sie in Köln zwar ein luxuriöses Leben, aber seelisch verkümmert sie, wie eine Pflanze ohne Wasser.
Der Roman beleuchtet Lenes Schicksal aus verschiedenen Blickwinkeln. Nicht nur sie selbst erzählt über ihr Leben, auch die wenigen Menschen, die ihr nahe stehen, kommen zu Wort und erinnern sich an die Entwicklungen im Lauf der vergangenen Jahre. Da sind Klaas, der Jugendfreund, der als Pastor nach Rom geht und die Ereignisse nur noch aus der Ferne verfolgt, Louise, die ebenfalls aus Mittelhof wegzieht und Lene in Köln wieder begegnet und nicht zuletzt Rudi, für den sie aus Liebe ihre Heimat verlassen hat und der sie im entscheidenden Moment im Stich lässt. Auch von Lenes Bruder Peter gibt es einige Passagen. Er berichtet von Lenes Flucht, die er ihr ewig vorwirft, obwohl ihre Gegenwart ihm stets ein Dorn im Auge war. Er hat kein gutes Wort für die Schwester, im Gegenteil. Seine anfängliche Abneigung hat sich im Lauf der Zeit regelrecht in Hass verwandelt.

Es muss viel geschehen, bis Lene zu sich selbst findet und ihren inneren Frieden zurück gewinnt. Einfühlsam und eindringlich zugleich werden die psychischen Veränderungen der Protagonistin dargelegt. Durch ihren heimlichen Weggang und die Heirat eines Evangelischen ist sie im wahrsten Sinn des Wortes „entwurzelt“, denn sie kann nichts ungeschehen machen, und auf sich allein gestellt wäre sie in Köln hilflos.
Ihr Mann wendet sich anderen Interessen zu, und ihre Freunde deuten die stillen Hilfeschreie, die Signale ihrer Verzweiflung, nicht. Dazu sind sie zu sehr mit ihrem eigenen Leben beschäftigt. Erst viel später kommen sowohl Klaas als auch Louise zur Einsicht, das Versäumte an Lene gut machen zu müssen. Besonders Klaas geht dabei schonungslos und offen mit sich selbst ins Gericht.
Der Schreibstil wirkt, gerade durch die häufig verwendeten mundartlichen Ausdrücke, sehr authentisch. Zwar hatte ich manchmal kleine Verständnisprobleme und konnte einige der gebrauchten Worte nicht „übersetzen“, aber glücklicherweise hat sich der Sinn meist einigermaßen aus dem Text erschließen lassen.
Das Besondere an diesem Buch ist, dass die Autorin nicht nur die Sprache als Ausdrucksform verwendet, sondern dass sie auch das Umschlagbild selbst gemalt hat. Obwohl Lene schwere und kummervolle Zeiten erlebt, die ihre Seele krank machen, passt die farbenfrohe Blumenwiese sehr gut zu ihrer Persönlichkeit, denn der Natur war sie sehr nahe; an Pflanzen und Tieren hat sie sich immer erfreut. Nur den Menschen gegenüber zeigte sie sich meist verschlossen.

Renate Habets hat hier eine Lebensgeschichte entworfen, die mich nachdenklich gemacht und nachhaltig beschäftigt hat und die dazu auffordert, über den eigenen Interessen nicht die Mitmenschen zu vergessen, sondern genauer hinzusehen, um die Zeichen richtig zu deuten und notfalls zur rechten Zeit helfen zu können.

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