Samstag, 5. Oktober 2013

Das Geheimnis des Walfischknochens - Tanja Heitmann


Zum 85. Geburtstag ihres Großvaters Arjen reist Greta nach Norddeutschland, zu ihrer Familie. In der Schweiz, wo sie einige Jahre gelebt und gearbeitet hat, ist gerade ihre Beziehung zu Erik in die Brüche gegangen. Aus der Not heraus, weil sie in der Eile ihres überstürzten Aufbruchs kein passendes Geburtstagsgeschenk mitgebracht hat,  schenkt sie Arjen gemeinsame Zeit, was dieser mit großer Freude annimmt. Er wünscht sich, zusammen mit seiner Enkeltochter, eine Reise an die Nordsee zu unternehmen, möchte die Orte seiner Kindheit und Jugend aufsuchen. Greta spürt, dass dieser Wunsch nicht von ungefähr kommt, sondern dass es für Arjen noch etwas Wichtiges gibt, das er zum Ende seiner Tage aufarbeiten und loswerden möchte.

Es hat ein wenig gedauert, bis ich mich dazu entschlossen habe, Tanja Heitmanns erste Familiensaga zu lesen, denn mit ihren Fantasy-Romanen bin ich nicht so recht warm geworden, was sicher daran liegt, dass ich mit Fantasy häufig nicht so gut zurechtkomme. Aber ich habe es nicht bereut, mich für dieses Buch entschieden zu haben. Der Genrewechsel ist der Autorin absolut geglückt.
Es gibt im Buch zwei Handlungsstränge, wobei man Arjen in gewisser Weise als Mittler zwischen den Zeiten sehen kann. In der Vergangenheit, während des Naziregimes, erlebt man ihn als Kind und jungen Mann, der lange Zeit im Schatten seines strengen Vaters stand, bis er Ruben kennenlernte. Die Jungen wurden dicke Freunde, und bald teilte Arjen ein besonderes Geheimnis mit dem charismatischen Vagabunden. Dieser besaß einen alten Walfischknochen, mit dem er Schicksalhaftes verband. Das Knochenstück wird im Lauf der Geschichte immer mehr zu einem Symbol der Verbundenheit. Die Begegnung mit Ruben hinterlässt Spuren in Arjens Gedächtnis und an seiner Seele.
Während sie den Erzählungen ihres Großvaters lauscht, spürt Greta die Last einer alten Schuld, die Arjen mit sich herumträgt. Gemeinsam mit ihm versucht sie, die  unheilvollen Ereignisse von damals aufzuarbeiten und zu verstehen.
Während ihres gegenwärtigen Aufenthalts auf Beekensiel erhält Greta Hilfe bei ihren Recherchen. Mattes Ennenhof, der die Insel wie seine Westentasche kennt, führt sie an die Schauplätze, wo damals, in diesem ganz besonderen Sommer, die Treffen zwischen Arjen und Ruben stattgefunden haben. Er zeigt ihr die alten Orte, an denen ihr Großvater gelebt, geliebt und gelitten hat. Als Greta das alte Reetdachhaus besucht, in dem ihr Großvater aufgewachsen ist, spürt sie sofort eine starke Verbindung und hat das Gefühl, angekommen zu sein.
Trotz einiger anfänglicher Meinungsverschiedenheiten fühlt sich Greta in Mattes’ Gegenwart wohl. Ihre zerbrochene Beziehung mit Erik wird immer belangloser und gerät mehr und mehr in den Hintergrund, je länger sie auf Beekensiel weilt.
Das Flair der fiktiven Insel wirkt sehr authentisch und beinhaltet viele reale Details.
Ich habe mich in der Atmosphäre Beekensiels und des Hotels Sturmwind wohl gefühlt, und Greta ist mir im Lauf der Handlung immer sympathischer geworden. Auch wenn sie manchmal ein wenig unbeholfen wirkte, besonders was das Autofahren betrifft, so hat sie doch Verstand und ganz besonders das Herz auf dem rechten Fleck. Ich fand es rührend, wie achtsam und klug sie mit dem Großvater umgeht. Im Vergleich zu den anderen Frauen der Familie, die Arjen mit ihrer übertriebenen Fürsorge fast ersticken, ist sie die Feinfühligere und Vernünftigere, denn sie lässt Arjen seine Würde.

Es ist ein Buch, das perfekt in den Herbst passt, denn über der ganzen Geschichte liegt ein Hauch Wehmut. Das manchmal wilde und ungestüme Wetter auf Beekensiel tut sein Übriges. Der Roman handelt von Liebe und Freundschaft, aber auch  vom Abschiednehmen, von Verlusten und Trauer.

Beide Handlungsstränge, sowohl in der Vergangenheit als auch in der Gegenwart, konnten mich fesseln. Der Schreibstil hat mich bezaubert. Es gibt kaum große, spektakuläre Ereignisse, sondern die Handlung wird eher durch die leisen Töne bestimmt, ist ruhig, nachdenklich und verhalten. Ich liebe diese Art Familiengeschichten, besonders wenn sie so gut und einfühlsam erzählt sind, wie diese.


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