Donnerstag, 27. Juni 2013

Ein Brief aus England - Brigitte Beil


Klappentext:
Es sind die Geheimnisse früherer Generationen, die uns ein Leben lang prägen.

Die Münchner Geschäftsfrau Sigrid findet eines Abends beim Nachhausekommen ihre Tochter völlig verstört vor. Judith, Ende zwanzig, stürzt ohne Erklärung aus der gemeinsamen Wohnung. Auf dem Küchentisch entdeckt Sigrid einen geöffneten Brief. Ein Amtsschreiben, in dem steht, dass eine Mrs Linda Hamstad, ehemals Macksiepen, in Manchester gestorben sei und die Verwandtschaft gebeten werde, wegen der Nachlassregelung mit den dortigen Behörden Kontakt aufzunehmen. Linda ist Sigrids Mutter, die kurz vor Kriegsende plötzlich verschwand. Von der Sigrid stets behauptet hatte, sie wäre längst tot. Der sorgsam gehütete Mythos, ihr Schutzwall gegen die unheilvolle Vergangenheit, droht brüchig zu werden. Ist es an der Zeit, ihre Tochter in die Familiengeheimnisse einzuweihen?

Mein Eindruck:
Sigrid ist eine erfolgreiche Geschäftsfrau und bewohnt, zusammen mit ihrer Tochter Judith, eine komfortable Wohnung im Münchner Stadtteil Schwabing. Das Zusammenleben der beiden Frauen wirkt sehr unterkühlt, ja manchmal fast feindselig. Auch nach all den Jahren hat Sigrid die Vergangenheit nicht verarbeitet. Ihre Herkunft belastet sie sehr. Ihre lieblose Kindheit war erfüllt von Demütigungen und Zurückweisungen.
Vieles, was damals geschah, will sie nicht wahrhaben und hat es ihrer Tochter die ganzen Jahre verschwiegen. Als Schutzpanzer vor weiteren Kränkungen hat Sigrid während all der Zeit ein Lügengebilde um sich aufgebaut, das nun, durch die Ankunft des Briefes aus England, schnell ins Wanken gerät.
Anfangs dachte ich mir, Sigrid sei eine sehr kalte, gefühllose Frau, die so leicht nicht zu erschüttern ist. Doch dann breitet sie ihr Seelenleben vor dem Leser aus, mit all den Narben früherer Verletzungen. Nach und nach gelingt es ihr, aus ihrem Schutzkokon zu schlüpfen und sich den Tatsachen zu stellen, auch wenn es ihr schwer fällt. Nach allem, was man über sie erfährt, wächst langsam auch das Verständnis für ihr Verhalten, und man empfindet nur noch Mitleid. Auch Judiths Seele ist gezeichnet, von den Jahren, in denen ihre Mutter sie nicht nur im Unklaren über die Familiengeschichte gelassen hat, sondern auch nicht die Kraft aufbrachte, ihrem Kind Zuneigung zu schenken. Es muss auf beiden Seiten viel passieren, um diesen harten Knoten zu lösen.

Es ist eine ernste, berührende Geschichte, die so manchen kritischen Blick zurück, in die Zeit des Dritten Reiches, gewährt und sehr viele psychologische Aspekte zur Sprache bringt. Die Handlung ist erfüllt von Gefühlen, die zum großen Teil unterdrückt und nicht ausgelebt wurden, aber zuletzt unter einer sehr dünnen Decke schwelen und nur darauf warten, mit Gewalt hervorzubrechen. Auch wenn Sigrids Lebenslauf fiktiv ist, so hat es sicher schon ähnliche Fälle damals gegeben, und ihr Schicksal ist so eindringlich beschrieben, dass man stark mit der Frau mitfühlt, während sie ihre Vergangenheit aufarbeitet.



Herzlichen Dank an den btb-Verlag für das Rezensionsexemplar.

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