Dienstag, 25. September 2012

Die Stadt aus Gold und Silber - Kenizé Mourad


Kurzbeschreibung:
Ein bewegendes Epos, eine legendäre Frau und eine vergessene Welt

Indien 1856. Im Harem von Lakhnau herrscht blankes Entsetzen. Britische Soldaten haben den Palast gestürmt und vertreiben die Favoritinnen aus ihren Gemächern. Nur eine Frau stellt sich dem englischen Besatzer: Hazrat Mahal, das zur Königin aufgestiegene Waisenmädchen. Sie ist ebenso schön wie entschieden, ihre Heimat zu retten. An ihrer Seite kämpft der treue Radscha Jai Lal, der für sie alles opfern würde. Zwei Jahre lang ist Hazrat die Seele des Widerstands, bis die Briten ihr ein unmoralisches Angebot machen …

Mein Eindruck:
Die Handlung des Romans spielt um die Zeit zwischen 1856 und  1859, beginnend bei der Annexion des indischen Fürstenstaates Awadh, der bis dahin unter der Herrschaft von Wajid Ali Shah stand. Diesem wurde von den Briten die Fähigkeit aberkannt, vernünftig zu regieren,  und so war die Ostindiengesellschaft bestrebt, den Staat zu annektieren, wie es das Schicksal vieler kolonialisierter Gebiete zur damaligen Zeit war. Awadhs Herrscher beschloss, selbst nach England zu reisen, um sein Recht bei der Königin persönlich einzufordern.
Wenig später erfuhr seine zurück gebliebene Familie, dass er inhaftiert und nach Kalkutta ins Exil verbannt worden war. Um dem Staat Awadh vorübergehend wieder eine Führung zu geben, bringt Wajid Ali Shas vierte Ehefrau, die Begum Hazrat Mahal, ihren 12-jährigen Sohn Birjis Quadar auf den Thron. Sie ist die Hauptperson dieser Geschichte, eine charismatische Frau, der ihr Volk am Herzen liegt, da das frühere Waisenmädchen selbst aus einfachen Verhältnissen stammt. Ihre Handlungen und Entscheidungen, die sie als Regentin, im Namen ihres Sohnes, für ihr Land trifft, ziehen sich wie eine Leitlinie durch das ganze Buch. In dem Radscha Jai Lal findet sie einen treuen Vertrauten und Mitkämpfer.
Die Ostindiencompany war nicht darauf gefasst, dass sich die Bevölkerung gegen die Engländer stellen würde, denn die Verantwortlichen hatten sich Dankbarkeit von den angeblich Ausgebeuteten erwartet.
Aber überall im Land brodelt es und kommt zu Unruhen, die sich 1857 zu einem blutigen Aufstand ausweiten. Hindus und Moslems ziehen gemeinsam an einem Strang, um ihren Unterdrückern die Stirn zu bieten.

Betrachtet man die prachtvoll-orientalische Covergestaltung, erwartet man eher eine märchenhafte, exotische Geschichte. Aber der erste Eindruck täuscht. Die Handlung ist alles andere als glänzend, phantastisch oder prachtvoll. Die Autorin schildert sehr real die politischen Unruhen und die erbitterten Kämpfe eines Volkes, für die Freiheit und gegen die Bevormundung und Arroganz ihrer Kolonialherren. Es werden die Beweggründe beider Seiten betrachtet, denn anfangs waren die Inder den Briten gegenüber eher friedfertig und freundschaftlich gesonnen. Die Umstände, die zur gewalttätigen Eskalation führten, waren vielfältig und komplex. Im Verlauf der Handlung werden sie sehr ausführlich dargelegt. Es geht nicht allein um die reichen Schätze des Landes, sondern auch um radikale Missionierungsversuche, um Unverständnis und Respektlosigkeit gegenüber den Bräuchen und dem Glauben der Einheimischen.
Folgendes Zitat aus dem Buch bringt es in wenigen Worten auf den Punkt: „Die Stärkeren machen sich selten die Mühe, die von ihnen Dominierten zu verstehen sie konzentrieren sich auf Details, die sie lächerlich und schockierend finden, und das bestärkt sie noch in ihrem Vorurteil. Doch wenn man ihnen etwas zu erklären versucht oder ihnen sogar beweisen kann, dass sie sich irren,  dann sträuben sie sich und brechen das Gespräch ab.“
Die im Präsens gehaltene Erzählung wirkte auf mich eher wie eine sachliche Berichterstattung. Sie zeugt von aufwändiger Recherche, und die Autorin verfügt über immense Kenntnisse der damaligen Geschichte. Ihre Ausführungen zu den Kämpfen und brutalen Übergriffen sind sehr detailliert und machen das Ausmaß des Schreckens für die Bevölkerung deutlich. Für mein Empfinden handelt es sich bei diesem Buch nicht um einen kurzweiligen Unterhaltungsroman (unterhaltsam fand ich die ständigen Gefechte und Auseinandersetzungen beileibe nicht), sondern es wirkt auf mich eher wie ein historisches, erschütterndes Zeitdokument, mit fiktiven Elementen. Leser, die sich für Indiens Vergangenheit interessieren, werden in diesem Buch einen wahren Fundus an Wissen entdecken, aber in Anbetracht der Tatsache, dass es sich um einen Roman mit sehr komplexer Handlung und vielen, größtenteils historisch realen Personen handelt, ist die Darstellung der einzelnen Charaktere leider etwas zu kurz gekommen.

Vielen Dank an den Blanvalet Verlag für die Überlassung des Rezensionsexemplars.



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