Freitag, 28. September 2012

Die Hurenkönigin - Ursula Neeb


Man schreibt das Jahr 1511. Im städtischen Frauenhaus herrscht große Aufregung, denn die Hure Rosi wird vermisst. Als sie wenige Tage später, am Gedenktag  der heiligen Maria Magdalena, tot und brutal verstümmelt aufgefunden wird, gerät ein armer Landgänger in Verdacht, da er Rosis letzter Kunde war, bevor sie verschwand. Lediglich Ursel Zimmer, die Frauenhauswirtin und „Hurenkönigin“, wie sie genannt wird, glaubt die Geschichte, die der Mann erzählt, dass er im Auftrag eines gut zahlenden Herrn gehandelt hat und Rosi für diesen anwerben sollte.
Es bleibt nicht bei dem einen Mord, und nachdem die Stadtobersten einmal ihr Urteil gefällt haben, ist für sie die Sache erledigt. Ursel, die auch Vorsteherin der städtischen Hurengilde ist, fühlt sich verantwortlich für die Frauen unter ihrem Schutz und macht sich allein auf die Suche nach dem wahren Mörder…
Die Handlung dieses Romans, die im Rotlichtmilieu Frankfurts, zu Beginn des 16 Jahrhunderts spielt, ist packend erzählt, von der ersten bis zur letzten Seite. Für mich war fast bis zum Schluss nicht abzusehen, wie sich die Sache mit den Morden klärt, denn die Zusammenhänge sind sehr komplex und lange nicht so geradlinig, wie es anfangs scheint. Dies ist auch gut so, denn sonst wäre die Geschichte ja viel zu schnell zu Ende.
Die Auswüchse eines extremen religiösen Fanatismus sind teilweise recht drastisch dargestellt und nicht unbedingt etwas für sensible Gemüter. Da lief mir beim Lesen so mancher Schauer über den Rücken. Aber auch die grausigen Szenen fügen sich ins Bild und sind für den Fortgang der Handlung notwendig. Die brutalen Morde an den Hübscherinnen sind jedoch nicht das einzige Problem von Ursel Zimmer, der Hurenkönigin. Zu allem Überfluss kommt die Zunft der Huren in Verruf, weil sich allerorts die Lustseuche immer stärker ausbreitet und auch vor dem Frankfurter Frauenhaus nicht Halt macht. Die Kunden bleiben aus, und die Schließung des Etablissements droht.

Sehr bemerkenswert finde ich, dass die Heldin des Romans ein Mensch ist, der einer Randgruppe der Gesellschaft angehört. Mit ihrer großen Liebe, dem Gelehrten Bernhard von Wahnebach, bildet sie ein recht ungleiches und doch sehr harmonisches Paar, das sich erstaunlich gut mit den Verhältnissen arrangiert hat, was in der beschriebenen Zeit ganz sicher nicht einfach war. Man erfährt  immer wieder sehr deutlich die starke Macht der Vorurteile, mit denen nicht gespart wurde, wenn es darum ging, Personen eines gewissen Standes auszugrenzen. Es ist interessant, die verschiedenen Reaktionen zu beobachten, und es hat mir gefallen, dass hier auch einmal die menschliche Seite der so genannten „Unehrlichen“ gezeigt und betont wird, was sich nicht nur auf die Huren beschränkt, sondern in diesem Fall den Henker einmal aus einem ganz anderen Blickwinkel zeigt.
Zudem ist mir positiv aufgefallen, dass in dieser Geschichte „schön“ nicht automatisch gleichbedeutend mit „gut“ ist.
Ein tolles Buch, bei dem nicht nur die Freunde gut recherchierter historischer Romane auf ihre Kosten kommen, sondern an dem auch die Liebhaber spannender Kriminalgeschichten ihre Freude haben werden. Ich habe mittlerweile erfahren, dass es zu diesem Roman einen Vorgänger gibt, in dem die Hurenkönigin Ursel Zimmer ebenfalls schon eine Rolle gespielt hat, jedoch nicht im Mittelpunkt stand. Daher ist es kein Problem, wenn man, wie ich, „Das Geheimnis der Totenmagd“ noch nicht gelesen hat. Ich konnte mich schnell in die Geschichte einfinden, ohne das Gefühl, etwas verpasst zu haben. Der Schreibstil der Autorin hat mich gefesselt, und ich habe mich inzwischen schon nach anderen Werken von Ursula Neeb umgesehen.


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