Freitag, 21. September 2012

Das Haus in der Löwengasse - Petra Schier



Das Haus in der Löwengasse

Pauline hat ihre Eltern früh verloren und wächst unter der Obhut ihres Onkels auf. Als dieser überraschend verstirbt, steht die junge Frau völlig allein und mittellos da. Ihr einziges Kapital ist ihre gute Erziehung und ihre Bildung. Sie arbeitet als Gouvernante in einem Bonner Haushalt, aber als der Hausherr zudringlich wird, bedeutet dies für Pauline die unehrenhafte Entlassung. Ohne gute Referenzen ist sie froh, als sie sehr schnell in Köln eine Anstellung als Magd bekommt, und obwohl ihr die ungewohnt schwere körperliche Arbeit sehr zusetzt, ist sie fest entschlossen, durchzuhalten und sich zu bewähren. Als der Textilfabrikant Julius Reuther auf sie aufmerksam wird, erhält Pauline eine zweite Chance auf eine bessere Zukunft, denn Reuther stellt sie als Gouvernante für seine beiden Kinder ein.
Anfangs fällt es ihr nicht leicht, mit dem ernsten, unnahbaren Mann auszukommen. Ihrem starken Willen und ihrem Einfühlungsvermögen hat sie es zu verdanken, dass sie sich bald in ihrer neuen Position einlebt und nicht nur das Vertrauen der Kinder erringt, sondern auch von Julius mehr und mehr geschätzt wird. Allerdings wird sie vom Schicksal auf eine harte Probe gestellt, denn sie verliebt sich in den Hausherrn, und die Vergangenheit droht, sie einzuholen.

Diese Geschichte, die Anfang des 19. Jahrhunderts spielt, wird von einem ganz anderen Zeitgeist beherrscht, als die bisherigen historischen Romane der Autorin, die alle im späten Mittelalter spielen. Aber auch hier ist es ihr wieder perfekt gelungen, das Flair einzufangen und es glaubwürdig und vielschichtig zu vermitteln. Besonders die Arbeits- und Lebenssituation der Frauen hat sich im Lauf der Jahrhunderte gar nicht so sehr gewandelt. Frauen werden auch im dieser Zeit der fortschreitenden Industrialisierung immer noch sehr schlecht bezahlt und gerne von ihren Vorgesetzten als Freiwild behandelt.

Julius Reuter ist kein einfacher Charakter, und anfangs tut man sich nicht leicht, ihn zu mögen. Aber im Lauf der Handlung, wenn man Näheres zu seiner ersten Ehe und zu seinen Sorgen mit der Firma erfährt, gewinnt man Verständnis für ihn und kann auch seine Reaktionen gut nachvollziehen. Pauline habe ich gleich ins Herz geschlossen. Sie ist ein starker und zugleich liebenswerter Charakter. Das Leben hat ihr ziemlich heftig mitgespielt, und obwohl sie einige schlimme Erlebnisse verarbeiten muss, die ihr regelmäßig Alpträume bescheren, hat sie die Kraft, immer wieder nach vorne zu blicken und sich nicht unterkriegen zu lassen.

Wenn ich ein Buch von Petra Schier zur Hand nehme, tue ich das mittlerweile mit einer gewissen Erwartungshaltung, in Vorfreude auf schöne, spannende und unterhaltsame Lesestunden, die mir zugleich interessantes Wissen über das Leben in früheren Zeiten bescheren. Auch ihr neuer Roman hat meine Erwartungen wieder in allen Punkten voll und ganz erfüllt.



Herzlichen Dank für das Rezensionsexemplar an den Rowohlt Verlag.

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