Samstag, 28. Juli 2012

Nocona - Britta Strauss


Während ihrer Recherchereise für einen Bildband, durch den mittleren Westen der USA, macht die Ethnologin und Fotografin Sara auch in einem kleinen Museum Halt. Vor einem Schaukasten, mit Fotos und persönlichen Alltagsgegenständen Quanah Parkers, eines der letzten großen Freiheitskämpfer der Indianer, wird sie nicht nur von sentimentalen Gefühlen und einem überraschenden Tagtraum heimgesucht, sie begegnet auch einem attraktiven und sympathischen Comanchen, der sich ihr als Makah vorstellt. Von Anfang an spüren beide eine seltsame Vertrautheit, und in dem Indianer findet Sara auch das perfekte Motiv für ein einzigartiges Foto. Schweren Herzens trennen sie sich kurz darauf, denn Sara muss zurück nach New York, zu ihrem Verlag. Die Begegnung hat bei beiden ihre Spuren hinterlassen. Eine rätselhafte, große Anziehungskraft weckt in Sara und auch in Makah den Wunsch auf ein Wiedersehen. In den kommenden Tagen werden beide, unabhängig voneinander, von starken Visionen heimgesucht, die sie in die Vergangenheit führen, in eine Zeit, als die indianischen Völker noch in Freiheit lebten und eins mit der Natur und mit ihrem Land waren. Sara erkennt, dass es zwischen den Visionen und der Vertrautheit, die sie von Anfang an zu Makah gespürt hat, einen Zusammenhang geben muss. Sie versucht, Kontakt mit dem Reservat aufzunehmen und den Mann, in den sie sich verliebt hat, wieder zu finden, was sich als nicht einfach herausstellt. Als sie in den Nachrichten von einem Tornado erfährt, macht sie sich voller Sorge auf die Suche nach Makah und gerät dabei selbst in tödliche Gefahr.
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Es fällt mir nicht leicht, in Worte zu fassen, was mich während dieser emotionalen Berg- und Talfahrt durch die Zeiten bewegt hat. Da ist einerseits die Gegenwart und damit die unverhoffte Begegnung von Sara und Makah, die sofort eine gewisse Seelenverwandtschaft zueinander spüren. Für die Beiden stellt sich die Aufgabe, den Sinn ihrer Visionen zu ergründen, die im Lauf der Zeit immer häufiger und intensiver werden. Dabei kommen ungeahnte Probleme auf sie zu. Ihre beängstigend realistischen Träume führen sie in eine ungewisse Vergangenheit, etwa hundert Jahre zurück, in die Welt der Comanchen im 19. Jahrhundert, zu einem stolzen Volk, das bis zum letzten Atemzug um die Freiheit gekämpft hat, aber durch die fortschreitende Zivilisation und Ausbreitung der weißen Bevölkerung doch am Ende dem Untergang geweiht war. Die realen Hintergründe zu diesem Roman lassen die Handlungsweise der Weißen, den Indianern gegenüber, in keinem guten Licht erscheinen, und die negativen Einflüsse sind bis heute zu spüren. Auch das spricht die Autorin an, indem sie auf die zum Teil miserablen Zustände im Reservat und die ungerechte Behandlung der indianischen Bevölkerung hinweist, die immer noch greift.

Grundlage für die Ereignisse in der Vergangenheit ist das Schicksal eines Paares, das es wirklich gegeben hat: Cynthia Ann Parker, eine Weiße, die von den Comanchen „Naduah“ genannt wurde und bei diesem Volk eine neue Familie gefunden hat. Und Nocona, der „Wanderer“, ein tapferer und wilder Krieger, der Naduah zur Frau nahm. Es sind die Eltern des letzten großen Kriegerhäuptlings Quanah Parker. Um die wenigen realen Fakten, die über Naduah und Nocona bekannt und belegt sind, hat die Autorin eine schmerzlich-schöne und tiefgründige Liebesgeschichte gezeichnet. Obwohl ich vorbereitet war, da ich vieles über den historischen Ursprung dieser schicksalhaften Verbindung bereits wusste, wurde ich beim Lesen letztendlich dann doch von Gefühlen überrannt. Ich habe stark mit den Protagonisten gelitten und gefühlt. Wunderschöne, glückliche Zeiten wechseln sich ab mit tragischen, leidvollen Passagen, die das Ausmaß der verhängnisvollen Ereignisse deutlich machen.
Die Handlung ist so detailreich und intensiv geschildert, dass man sich in das Land und die Szenerie versetzt fühlt und fast selbst ein wenig den Duft der Freiheit atmet.

Dieser Roman hat mich völlig in seinen Bann gezogen und beschäftigt mich nachhaltig, nicht nur, weil er das damals an den Indianern begangene Unrecht aufzeigt, sondern auch durch die Art und Weise, wie die Autorin reale Begebenheiten erzählerisch umgesetzt hat. Sie beschreibt eine Synthese zwischen den Zeiten und das Schicksal zweier Paare, die in gewisser Weise miteinander verbunden sind. Die Übergänge sind fließend und machen es dem Leser leicht, den Wechsel zwischen den Jahrhunderten nachzuvollziehen.
Bei diesem Buch stimmt einfach alles. Die Handlung ist gut recherchiert, und man spürt, dass die Autorin mit diesem Thema eine Herzensangelegenheit aufgegriffen hat. Durch die Verbindung zur Gegenwart kann man die Geschichte aus einem ganz neuen Blickwinkel betrachten, der mir sehr gut gefällt, denn er birgt Hoffnung. Noconas und Naduahs Schicksal hat hier eine phantastische Vollendung gefunden, wie man sie sich nur wünschen kann. 


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