Dienstag, 8. März 2011

Nicht weit vom Stamm - Oliver Uschmann



Wer ist Sven wirklich?
Der intelligente, vielseitig interessierte Junge aus gutem Hause, Sohn eines erfolgreichen Autors
oder der saufende, prügelnde Assi, mit Null-Bock-Einstellung und ohne Perspektive für die Zukunft?
Diese zweite, dunkle Seite seiner Persönlichkeit hat sich erst entwickelt, als seine Schwester vor 5 Jahren einen Unfall hatte, an dem er sich selbst die Schuld gibt. Mit seiner Einstellung zu dem dramatischen Ereignis damals steht er nicht allein. Auch sein Vater ist der Meinung, dass Sven seine Aufsichtspflicht gegenüber der jüngeren Schwester missachtet und somit versagt hat, eine schwere Bürde für den, zu diesem Zeitpunkt erst 14-jährigen, Jungen.
Man hat den Eindruck, der Ich-Erzähler will sich seitdem fortwährend bestrafen. Er benimmt sich so, dass es unweigerlich immer wieder negative Konsequenzen für ihn hat. Die Strafen für seine Missetaten sieht er gerne als Sühne für damals. Offen, schonungslos, teilweise recht brutal geht Sven mit seinen Mitmenschen und auch mit sich selbst um. Wenn er betrunken oder bekifft ist, kann er so wunderbar in Selbstmitleid baden, wobei dieses Bad die einzige „Körperpflege“ für ihn ist. Er vernachlässigt sich selbst, an Körper, Geist und Seele. Seine beiden Kumpels unterstützen ihn dabei aus vollen Kräften. Überschüssige Energie, die der Alkohol frei setzt, entladen sie gerne, indem sie eine Schlägerei anzetteln oder Stunk mit Schwächeren suchen.
Wenn man genauer hinsieht und unter Svens schmuddelige Fassade guckt, erkennt man, dass sein momentanes Leben ein einziges Aufbegehren ist, eine Rebellion gegen den Vater, der nach außen hin immer den Schein der perfekten Familie wahren möchte, denn als erfolgreicher Verfasser pädagogischer Werke kann er sich nicht leisten, ein schwarzes Schaf in der Familie zu haben. Seine Frau wirkt daneben blass und angepasst, ist nur darauf bedacht, den Gatten in seinem öffentlichen Ansehen zu unterstützen, indem sie für die Gäste aus den Medien immer die entsprechenden Lieblings-Snacks und Erfrischungen vorrätig hat, die perfekte Dame des Hauses eben. Für Gefühle ist kein Platz.
Svens Fehler werden kritisiert, seine guten Ansätze und Versuche, sich zu bessern, werden nicht beachtet. Sven bemerkt dazu sehr treffend: „Es ist im Grunde wie mit Dreck und Flecken. Sind sie da, sieht sie jeder, aber wenn es plötzlich sauber ist, merkt kein Schwein etwas.“
Der einzige Mensch, den Sven liebt, ist seine Schwester Lina. Sie nimmt ihn an, wie er eben ist und hat ihn nie für ihren schweren Unfall verantwortlich gemacht. Nun geht sie für ein Jahr nach Australien.
Und dann wird Sven herausgerissen aus seinem Stumpfsinn und seiner Lethargie. Er wird erpresst und erfährt, dass ein Stalker Lina verfolgt und sie in Gefahr ist.
Jetzt oder nie muss er reagieren, um seine Schwester zu retten, muss sein Leben ändern. Ob es ihm gelingt, das Ruder herumzureißen, bevor er vollends auf den Abgrund zusteuert?
„Ruder“ ist ein gutes Stichwort, denn der ganze Roman gestaltet sich wie eine Wildwasserfahrt. Da gibt es immer wieder gefährliche Strudel, ein stetiges Auf und Ab, bei dem man gucken muss dass man über Wasser bleibt. Zu groß ist die Gefahr, auf Grund aufzulaufen oder sich zu überschlagen. Auch ein Boot auf Erfolgskurs kann letztendlich jeden Moment noch kentern.

Was der Ich-Erzähler über sich und sein Leben berichtet, fühlt sich alles unheimlich echt an. Als Leser gerät man in ein emotionales Wechselbad, man schwankt fortwährend zwischen Unmut und Verständnis dem Protagonisten gegenüber. Manchmal möchte man ihn packen und schütteln, wenn er wieder einmal Gefahr läuft, sich zu vergessen und in alte, schlechte Gewohnheiten zurückzufallen. Der Schreibstil des Romans ist vielseitig und vielschichtig, umfasst die ganze Spanne zwischen kultivierten Dialogen und  verbalen Ausbrüchen im Gossenjargon und passt sich den jeweiligen Situationen perfekt an. Gerade dadurch kann man den riesigen Spagat besonders intensiv nachvollziehen, den Sven hier mit seiner ganzen Persönlichkeit ausführt.
Entstanden ist eine packende Story, nicht nur ein Jugendbuch, sondern auch für Erwachsene spannend und aufschlussreich. Es ist eine Geschichte, die sehr real wirkt, den Zeitgeist teilweise beängstigend gut trifft und einige Facetten unserer heutigen Gesellschaft ungeschminkt widerspiegelt.

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