Donnerstag, 6. Januar 2011

Nachricht von niemand - Silvia Pistotnig


Von: noone@hotmail.com an alleswirdbesser@gmx.at

„Es ist mir egal, wie Sie aussehen, ich beobachte Sie nicht, ich schleiche nicht um Ihr Haus herum, ich weiß nicht, wo Sie wohnen, es spielt keine Rolle, ich will nur schreiben und irgendwann vielleicht von Ihnen lesen, einen Buchstaben, drei Worte, einen Satz. Ich stelle Ihnen keine Fragen, ich will nicht wissen, wie alt Sie sind, was Sie beruflich tun, ich interessiere mich für das, was Sie mir sagen wollen. Nicht mehr und nicht weniger. Und wer immer ich auch bin, für Sie bin ich der, den Sie sich vorstellen. Alles andere kommt mit der Zeit“

Eines Tages findet Luise die Nachricht eines Unbekannten in ihrem Email-Postfach. Es bleibt nicht bei dieser einen Mail, sondern es folgen weitere. Ihr anfängliches Misstrauen weicht bald der Neugierde, und nach längerem Zögern antwortet sie auf eine der Mails, wenn auch sehr zurückhaltend.

Luise ist eine junge Frau, deren reales Leben sich zwischen Jobsuche, ihrer Beziehung zu einem geschiedenen Anwalt und den Problemen mit ihrer Familie bewegt. Ihre Vergangenheit war nicht eben rosig, denn die Mutter wurde seelisch krank, und der Vater hat daraufhin die Familie verlassen. Luise und ihre Schwester Marion mussten in eine betreute Wohngemeinschaft ziehen, denn auch die Großeltern waren nicht in der Lage (oder nicht bereit), ihre beiden Enkeltöchter aufzunehmen.

Während ihre kleine und schüchterne Schwester Marion sich inzwischen zur Globetrotterin gemausert hat und am liebsten immerzu unterwegs ist, um die Welt zu erkunden, liebt es Luise eher häuslich und vertraut. Sie mag keine großen Veränderungen. Ihre Liaison mit Erich verläuft zu ihrem Kummer nicht so geradlinig und unkompliziert, wie sie sich das wünschen würde, denn da gibt es auch noch seine Ex-Ehefrau und den gemeinsamen Sohn aus dieser vergangenen Ehe.

Luise rätselt lange vergeblich, wer sich hinter ihrem geheimen Email-Schreiber verbirgt. Mit der Zeit hat sie fast jeden ihrer Bekannten in Verdacht.

Gleichzeitig werden die Mails, die sie mit Noone austauscht, immer vertrauter und ausführlicher. Noone schildert ihr Erlebnisse aus seiner Vergangenheit, und auch Luise geht mehr und mehr aus sich heraus und vertraut dem Unbekannten sehr persönliche Dinge an. Hinter ihren Worten wird die Einsamkeit spürbar und die Hilflosigkeit, die sie bei ihren privaten Problemen mit der Familie und ihrem Freund hat.

Manch einer wird nun abwinken: „Schon wieder so eine Email-Liebesgeschichte“. Aber dieser Roman ist ganz anders, viel ernsthafter, lange nicht so unbeschwert. Dabei entwickelt er sich spannend und äußerst überraschend. Die Autorin zeigt den Menschen selbst. Sie blickt hinter die Fassaden und spürt mit großer Sensibilität auch die kleinen, geheimen Gefühle in dieser schnelllebigen, technisierten Welt auf.

Nach diesem wundervollen Debütroman möchte man einfach mehr von Silvia Pistotnig lesen!

Herzlichen Dank
an den Skarabaeus-Verlag
und Frau Oberdanner,
die mir das Rezensionsexemplar
zur Verfügung gestellt hat.

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