Samstag, 1. Januar 2011

Die Medica von Bologna - Wolf Serno


Carla Maria Castagnolo, geboren im Jahr 1552, hat es von Anfang an schwer im Leben, denn sie ist mit einem, für die damalige Zeit schweren, Makel behaftet. Sie hat ein Feuermal im Gesicht. Aus diesem Grund scheut die Ich-Erzählerin die Öffentlichkeit, seit sie begriffen hat, dass ihr Anblick die meisten Menschen erschreckt. Denn das Mal, das sie trägt, wird als Zeichen der Sünde und des Teufels angesehen und bringt die Trägerin in Gefahr, von der Inquisition verfolgt zu werden. Ihr Zufluchtsort ist das Haus, welches sie von ihrer Mutter geerbt hat, und in ihrer selbst gewählten Isolation wächst ein starker Wunsch in ihr: Sie möchte Medizin studieren und Ärztin werden. Aber das Studium ist Frauen zu dieser Zeit nicht gestattet. Doch findet Wege, sich heimlich das faszinierende Wissen anzueignen, indem sie sich unerkannt in die Vorlesungen an der Universität schleicht. Der Zufall will es, dass Carla eines Tages den Chirurgen Gaspare Tagliagozzi kennen lernt, und die Protagonistin verliebt sich in den charismatischen Mann. Er verfügt über alle Möglichkeiten, von denen Carla nur träumen kann. Seine große medizinische Spezialität ist die plastische Nasenkorrektur nach einer Verletzung oder Verstümmelung. Als Gaspare Carla bittet, seine Assistentin zu werden, kann diese ihr Glück kaum fassen, hat sie sich zu allem Überfluss doch auch noch in Tagliagozzi verliebt. Es scheint so, als würde er ihre Gefühle erwidern, aber dann stellt sich heraus, dass er Carla immer wieder schamlos ausnutzt und hintergeht.

Dieser Roman ist der Rückblick auf das außergewöhnliche und bewegte Schicksal einer Frau, mit großen Wünschen und Träumen, immer auf der Suche nach Anerkennung, die ihr eigentlich zustand aber größtenteils verwehrt wurde. Im Alter von 48 Jahren, an der Schüttellähmung erkrankt, bittet sie ihren treuen Diener Latif, ihre Lebensgeschichte aufzuschreiben.

Der Versuch des Autors, eine weibliche Protagonistin zu Wort kommen zu lassen, ist größtenteils gut gelungen. Mit viel Einfühlungsvermögen schildert er das Schicksal und die Probleme von Carla und lässt sowohl sie als auch ihre Umgebung sehr lebendig und farbig vor den Augen des Lesers entstehen. Wolf Serno scheint ein großes Interesse an medizinischen Vorgängen des Mittelalters zu haben und sehr ausführlich zu recherchieren, das spürt man hinter jedem Satz. Auch die hochwertige Ausstattung des Buchs, sowie die ausführliche, bebilderte Beschreibung einer Nasenplastik im Anhang, welche original aus Tagliacozzis Werk stammt, sprechen für sich. Ich gebe zu, dass ich die Ausführungen über Nasenoperationen und Herstellung von Theriak zwar sehr interessant, doch stellenweise fast etwas zu ausführlich fand. Auch spielen einige Zufälle in die Handlung hinein, die für mich nicht völlig glaubwürdig waren. Trotz dieser kleinen Kritiken kann ich jedoch sagen, dass mich dieses Buch wunderbar unterhalten hat. Besonders Carla und Latif sind mir mit der Zeit direkt ans Herz gewachsen. Wolf Serno hat einen interessanten und kurzweiligen Roman geschaffen, bei dem ganz besonders Interessierte der Medizin im 16. Jahrhundert auf ihre Kosten kommen.

1 Kommentar:

  1. Danke für die ausführliche Rezi, schleiche schon längere Zeit um das Buch herum und du hast mir nun zu einer Entscheidung geholfen.
    lg
    Regina

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